Warum Intellektuelle manchmal die schlimmsten Dummheiten verkünden

Warum Intellektuelle manchmal die schlimmsten Dummheiten verkünden

Von einem früheren, hochintelligenten Kollegen wusste ich: Wenn er mal anfängt, dummes Zeug zu reden, dann hört er nicht auf, bis er das abstruseste Ende der Argumentation gefunden hat. Virtuos. Darunter tat er es nicht. Lukas Bärfuss zeigt im «Tages-Anzeiger»-Interview zu Corona, wie das geht.

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von Gottlieb F. Höpli am 24.12.2021, 11:00 Uhr
Der grosse Ankläger: Lukas Bärfuss. Foto: Keystone
Der grosse Ankläger: Lukas Bärfuss. Foto: Keystone
Zu den Intellektuellen des Jahres gehört laut einem Ranking von CH Media neben Sibylle Berg und Milo Rau der Schriftsteller Lukas Bärfuss, einer breiteren Öffentlichkeit bekannt durch seine Schweiz-Beschimpfungen in Blättern der deutschen Intelligentsia wie FAZ oder «Spiegel».
Diesmal reichte es nur für eine inländische Tirade. Auf einer ganzen Zeitungsseite des Tages-Anzeigers (vom 20. Dezember) wischte er erst mal frühere Untergangsprophezeiungen locker beiseite, um zu einer neuen Tirade auszuholen. Die womöglich noch abstruser ist als seine bisherigen. Und im Angebot gipfelt, dem Bund in der Corona-Politik als Kommunikationsprofi zur Seite zu stehen.

Geimpftes Kapital

«Das Kapital hat nichts zu befürchten, der Mensch schon.» So kann man über Corona natürlich auch reden. Wahrscheinlich ist das Kapital ja geimpft, und viele Menschen noch nicht. Wofür, ganz klar, der Bundesrat verantwortlich ist, der vergisst, «die Inzidenzen zu drücken», und die Corona-Toten «eventualvorsätzlich» in Kauf nimmt.
Die einzige Person im Bundesrat, die dem Intellektuellen des Jahres dabei in den Sinn kommt ist – nein, nicht Alain Berset. Dieser Name kommt im ganzen Interview nicht vor. Es ist Karin Keller-Sutter, deren Interview im Schweizer Fernsehen für Bärfuss ein «Tiefpunkt» der bundesrätlichen Pandemie-Politik war.
Am meisten empört sich Bärfuss darüber, dass Karin Keller-Sutter dabei das Wort «Eigenverantwortung» gebrauchte. Das Gegenteil sei nötig, meint er, «Corona können wir nur gemeinsam bekämpfen». Etwas allgemein formuliert für einen Intellektuellen des Jahres, oder nicht? Denn wie will er die Impfverweigerer, Querdenker, Freiheitstrychler dazu bringen, die Pandemie gemeinsam mit jenen zu bekämpfen, gegen die sie so erbittert antreicheln?

«Demagogisch – oder dumm»

Keine Antwort. Ausser der Forderung nach einem Impfobligatorium. Egal: Wer diesen Konsens nicht schafft und auf den Widerstand jener verweist, die partout nicht mitkämpfen wollen, «handelt entweder demagogisch oder dumm. Oder beides.» Punkt.
Wie andere intellektuelle Laut-Sprecher spricht Bärfuss gern und viel über die Pandemie-Toten, blendet aber die demographischen, die statistischen Zusammenhänge der Mortalitätsursachen in der Schweiz völlig aus. Aus denen erst hervorginge, wo denn nun eine wirkungsvolle(re) Gesundheitspolitik ansetzen könnte. Das tun leider die meisten Schweizer Medien auch nicht. Die immerhin etwas wirklichkeitsgetreuer als Bärfuss rapportieren, dass nicht Katrin Keller-Sutter, sondern Alain Berset im Covid-Dossier federführend ist.
Denn wenn man im besten jakobinischen Stil den Bundesrat, das Kapital oder auch die Gleichgültigkeit der schweizerischen Gesellschaft für die Covid-Toten verantwortlich macht, sollte man sich etwas mehr dafür interessieren, um wen oder was es sich da handelt.

Wer ist schuld?

Etwa um jene fünf Unter-Dreissigjährigen, die laut neuester Mortalitätsstatistik des Bundesamtes für Statistik in den ersten drei Monaten des Jahres 2020 am Covid-Virus gestorben sind? Um die 90 Prozent der Covid-Toten, die an einer Vor- oder Begleiterkrankung litten? Vor allem aber um die übrigen rund 6000 an Herz- und Kreislauferkrankungen Verstorbenen im gleichen Zeitraum, oder die gegen 4000 Krebstoten?
Viele dieser Menschen hätten nicht vorzeitig sterben müssen, hätten sie gesünder gelebt und sich ernährt, selbstverantwortlicher gelebt, nicht geraucht, gesoffen, sich mehr bewegt. Wer ist schuld an dieser Übersterblichkeit? Wer hat die verlorenen Lebensjahre schon errechnet? Und wer kümmert sich um dieses zahlenmässig mindestens ebenso dramatische Problem wie die Übersterblichkeit durch Corona?
Jedenfalls nicht, soweit mir bekannt ist, die Intellektuellen unseres Landes. Und auch nicht die meisten Medien. Für sie gibt es anscheinend Tote erster (Corona) und zweiter Klasse (der ganze Rest).
Kaum anzunehmen, dass es für diese Problematik wirklich zusätzliche Kommunikationsprofis braucht. Etwa 400 Bundesangestellte beschäftigen sich, zurückhaltend gezählt, vollamtlich mit Kommunikation, nicht berücksichtigt die extern vergebenen PR-Aufträge des Bundes.
Lukas Bärfuss braucht es dazu nicht auch noch. Personalmangel herrscht hingegen bekanntlich an der Corona-Front. Es wäre verdienstvoller, unser Intellektueller des Jahres würde sich in einem Altersheim oder Spital nützlich machen.

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