Warum ich für den Nebelspalter schreibe

Warum ich für den Nebelspalter schreibe

Über «Haltungsjournalismus» - generell und speziell in Zeiten von Corona.

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von Alain Pichard am 29.3.2021, 10:29 Uhr
Wenn ich in diesen kühlen Tagen mit meinem Fahrrad durch die Stadt in die Schule fahre, starren mich von vielen Plakatwänden Journalisten und Journalistinnen des Watson-Portals entgegen. Das Watson-Portal ist nach eigenen Angaben ein stark wachsendes Onine-Medium, das bezüglich User sogar den Tagesanzeiger vom 10. Platz verdrängt hat. Mit strengem Blick versprechen mir coole, junge Gesichter «Haltungsjournalismus» ohne «blabla».
Das erinnert mich an eine Begebenheit am Ende meines ersten Wiederholungskurses 1978 in der Infanteriekompanie I/99. Wir sammelten Unterschriften unter den Soldaten und protestierten gegen die Ansetzung von Manöverübungen vor dem Wochenendurlaub. Fast 100% der Mannschaft und 25% des Kaders unterschrieben unsere Petition. Als ich meinem damaligen Kommandanten, Hauptmann Andreas Burckhardt, Spross einer Basler «Daigfamilie» und späteren Verwaltungsratspräsident der Basler-Versicherung die Blätter übergeben wollte, sah er mich von Kopf bis Fuss an und sagte im scharfen Ton: «Füsilier Pichard, nämme Sie zerscht emol Haltig a!»
Er hatte bei mir Schlampigkeit ausgemacht.

Strammsteh-Journalismus

Und so verbindet mich mit dem Begriff «Haltung» zunächst einmal eine militärische Hierarchie, ein Strammstehen. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich beim Wort Haltungsjournalismus misstrauisch werde. Haltungsjournalisten oder -journalistinnen schreiben das Manuskript oft, bevor sie drehen, googeln oder telefonieren. Sie verkehren den Sinn ihres Berufs in Gesinnungsjournalismus.
Die Coronakrise offenbarte mir, wie erschreckend weit sich diese Art von Journalismus schon ausgebreitet hat.
Eine Journalistin der öffentlich-rechtlichen Medien in Deutschland beschrieb diese Art Journalismus kürzlich in einem anonymen Brief folgendermassen: «In den Redaktionsstuben einigte man sich in Windeseile auf ein Narrativ und warf so ziemlich alle journalistischen Grundsätze über Bord. Allem, was dem nicht entsprach, wurde ein Aluhut aufgesetzt. Bisher weltweit geschätzte Experten wurden diffamiert und rufgemordet, kritische Anmerkungen ignoriert. Forderungen, die Zahlen in Relation zu setzen, die Situation der Intensivstationen kritisch zu durchleuchten, Behandlungsmissstände aufzudecken, Alternativen zu besprechen, Verbindungen zwischen den Pharmaindustrie, der Politik und der WHO aufzuspüren und vor allem, sich einer klaren, fairen Sprache zu bemühen, das wurde von vielen Redakteuren und Kollegen nicht mehr wahrgenommen. Faktenchecker widerlegten kritische Aussagen mit Quellen, die wiederum selber faktengecheckt werden müssten. Es entstand so etwas wie eine kognitive Dissonanz, gefolgt von einem Beuteschema einer selektiven Beschaffung von Informationen.»

Schreiben was ist

Schreibe, was ist, verlangte der Gründer des legendären Nachrichtenmagazins aus Hamburg. Er erreichte, dass der ehemalige Bundeskanzler Kohl jegliches Interview mit diesem Magazin verweigerte. Ein journalistischer Ritterschlag. Seine Nachfolger betreiben den Haltungsjournalismus. Selbstgefällig biedern sie sich den herrschen Mächten an, fusionieren mit der Legislative und der Exekutive, und bekommen dadurch Lob und Zuspruch und in der Schweiz neuerdings auch eine stattliche staatliche Subvention von 30 Millionen Franken!
Bei Sendungen, die der Werbung dienen, steht oben eingeblendet oft der Begriff «publireportage». Entsprechend sollte man auch, bei Artikeln oder Sendungen, die sich dem Haltungsjournalismus verpflichtet fühlen, mit der Information «Haltungsreportage» übertiteln.

Fairer Diskurs

Als mich die Anfrage von Markus Somm erreichte, für den Nebelspalter zu schreiben, sagte ich sofort zu. Schreiben, was ist, ohne sich vor einen Haltungskarren einspannen zu lassen, das ist es, was ich zurzeit für nötig halte. Einen ehrlichen, investigativen, kritischen und unabhängig denkenden Journalismus wagen, diesem Mainstream entgegenzutreten. Wahrheitsfindung, Faktentreue, Meinungspluralismus und ein fairer, öffentlicher Diskurs.
Das soll mit diesem neuen Medium möglich sein. Oder wie es einer der Leuchttürme der Publizistik, Noam Chomsky, ausdrückte: «Ich war mir nie einer anderen Möglichkeit bewusster als der, alles in Frage zu stellen.»
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