Warum ich Facharbeiter mag

Warum ich Facharbeiter mag

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von Alain Pichard am 9.4.2021, 10:00 Uhr
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Ich fühle mich in Facharbeiterkreisen immer sehr wohl. Das hat Gründe.

Vor einigen Jahren wurden wir Bieler Stadträte wegen des Umbaus unseres Stadtratssaals für ein Jahr in einer städtischen Turnhalle untergebracht. Während einer Sitzung in einem damals sehr kalten Februar fiel plötzlich die Heizung aus. Wir sassen in Mänteln und Mützen in unseren Stühlen und froren jämmerlich. Die Rettung kam in der Person von Fatlind, einem meiner ehemaligen Schüler, der in der Bieler Firma Franconi eine Lehre als Sanitär- und Heizungsinstallateur machte und kurz vor seinem Lehrabschluss stand. Natürlich erkannte er mich sofort und lachte: «Herr Pichard, keine Sorge, das regeln wir schon.» In der Schule konnte er einem den letzten Nerv ausreissen, jetzt war er für mich ein Engel.
Es dauerte eine Weile, aber die Heizung kam wieder in Schwung und wir konnten weiter debattieren. Fatlinds Fähigkeit, Fachwissen praktisch anzuwenden und seine in der Lehre erworbenen betrieblichen Arbeitsqualitäten wie Präzision, Verantwortung, Zuverlässigkeit, Termintreue, all das offenbarte sich jetzt in dieser kurzen Stunde. Der junge Migrantensohn stand vor mir, selbstbewusst und stolz. Aus dem etwas verwöhnten und faulen Schüler war ein Facharbeiter geworden, der es uns allen zeigte!
In meinen jungen politischen Flegeljahren fühlte ich mich in diesen Facharbeiterkreisen immer sehr wohl. Deshalb trat ich auch in die PdA ein und nicht in die POCH oder die trotzkistische RML, das Revier der Studis. Und aus diesem Grund schloss ich mich auch als Lehrer dem VPOD und nicht dem Lehrerverein an.
Eine Begegnung mit einem dieser Facharbeiter blieb mir in besonderer Erinnerung. Ich traf Ruedi Vogler in den 80er-Jahren im Basler Volkshaus, während einer Krisensitzung der PdA-Basel. Die überalterte Linksaussenpartei stellte in Basel noch Fraktionsstärke im Grossen Rat, war aber im Niedergang begriffen. In der besagten Krisensitzung ging es um die Jugendunruhen, die vor allem in Zürich aber auch in Basel für enorme Konflikte sorgten. In den Basler Strassen ging es wild zu und her. Plakate mit der Aufschrift «Macht aus dem Staat Gurkensalat» oder «Arbeit macht dumm» dekorierten die Demonstrationen von Jugendlichen, die mit einer gewissen Vorliebe die Scheiben der «kapitalistischen Konsumtempel» zertrümmerten.
An besagter Sitzung brachte ein junger PdA-Genosse den Genossen Vogler mit dem Spruch in Rage: «Jetzt macht doch nicht so ein Theater wegen ein paar Scheiben». Vogler war langjähriges Parteimitglied und von Beruf Glaser. Er stand auf und donnerte in den Saal: «Jetzt will ich dir mal etwas erklären!» Daraufhin hob er zu einer «fachmännischen» Ode an. Er beschrieb detailliert, wie er und seine Leute eine solche Scheibe einsetzten, welch extreme Spannungen da wirkten und wie vorsichtig man sie mit einem Hämmerchen einklopfen müsse. Ein Fehlgriff und die 6’000 Fr. lägen in Scherben.
Er konnte nicht fertig reden. Pfiffe ertönten, die Jungen lachten und der Lärm übertönte das glühende Votum für die Schaufensterscheibe. Schliesslich brach er ab, stiess einen nicht druckreifen Fäkalienschwall aus, ging zum Ausgang und schlug die Pforte hinter sich zu. Etwas später besuchte ich ihn in seinem Schrebergarten. Für Ruedi Vogler waren diese Jungen verwöhnte Lümmel, die nicht wussten, was Arbeit heisst. Er ass gerne Fleisch, hatte nichts gegen billigen Strom, besass ein Auto und war grundsätzlich für die Umverteilung von oben nach unten.
Vor allem aber befürwortete er «Law and Order». Denn auf Sicherheit seien vor allem die Arbeiter angewiesen. Er blieb der PdA treu, anders als der junge Aktivist, der bald einmal zur SP wechselte und heute sicher irgendwie kosmopolitisch, gendergerecht oder einfach progressiv unterwegs ist.
Die Grossfamilie des Facharbeiters Fatlind hat sich inzwischen ein Haus in der Nähe von Biel erworben. Er wohnt dort mit Frau und Kind und seinen Eltern. Der ehemalige Facharbeiter und Genosse Vogler hinterliess seinen beiden Kindern vermutlich einen rechten Batzen.
Im Sommer 2020 veröffentlichte die sich liberal nennende Friedrich-Naumann-Stiftung auf Instagram (Link) eine Liste mit Wörtern, die man vermeiden sollte, weil sie häufig von Rechtsextremen verwendet würden. Darunter war das Wort «Gutmensch», aber auch das Wort «Facharbeiter», mit dem Rechtsextreme angeblich Flüchtlinge abwerten. Die Friedrich Naumann-Stiftung ist nach eigenen Angaben der Freiheit verpflichtet und steht der deutschen FDP nahe.
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