Warum ich ein Konzeptmuffel bin

Warum ich ein Konzeptmuffel bin

Konzepte sind angesagt. Manchmal mutieren sie zu Alibiübungen, Beschäftigungstherapien und enden oft in praxisferner Gestaltungswut.

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von Alain Pichard am 23.4.2021, 08:00 Uhr
Dem FCB-Captain Valentin Stocker hat sie einen mehrwöchigen Urlaub mit Trainingsverbot eingebracht, seine Bemerkung: «Wir haben kein Konzept.»
Das kann man über die Schulen in Coronazeiten nicht behaupten. Hier herrscht eine regerechte Konzeptionitis. Über deren Sinnhaftigkeit lässt sich allerdings nachdenken. Am 14. Februar schrieb der Tagesanzeiger: «680 Kinder schickte die Schule Milchbuck am vergangenen Montag nach Hause, vom Kindergärtler bis zum Sekundarschüler. (…) Zum Ausbruch kam es, obwohl die Einrichtung ein 16-seitiges Schutzkonzept vorgibt. «Beim Betreten eines neuen Raumes werden die Hände gewaschen», steht darin. Die Abstandsregeln und die Maskenpflicht sind geregelt. Sportgegenstände oder Computer müssen von jedem Nutzer gereinigt werden. «Speisen und Getränke dürfen nur sitzend konsumiert werden», heisst es im Regelwerk.»
16 Seiten! Man stelle sich das einmal ganz praktisch vor. Da werden auf 16 Seiten minutiös alle nötigen Hygienemassnahmen aufgezählt, welche dann von rund 700 Personen gelernt, verstanden und eingehalten werden sollten. Der TA-Journalist verschwendet keinen Gedanken auf den Umstand, wie zielführend ein solches Regelwerk überhaupt in einem lebendigen Betrieb mit Kindern sein kann, sondern empört sich darüber, dass die Lehrkräfte die Regeln vielerorts missachten. Noch schlimmer empfindet er die Tatsache, dass die Einhaltung der diversen Schutzkonzepte von den Behörden nicht stringenter überwacht werde.

45 Minuten putzen

Eine Lehrkraft schrieb in einem Kommentar denn auch bissig: «Turngeräte sind nach jedem Gebrauch zu reinigen? Lehrpersonen, die das umsetzen wollen, verzichten aufs Turnen und putzen mit ihren SchüerInnen 45 Minuten lang Bälle, Sprossenwand, Bändel, Barren, Kletterstangen und, nicht zu vergessen, den Hallenboden. Ich lade alle Inspektoren ein, mir mal eine coronakonforme Turnstunde vorzuführen. Nur schon in der Garderobe ist das Einhalten des Mindestabstandes oft unmöglich.»
Nun ist es ja keineswegs so, dass Konzepte von praxisfernen Gremien ausgeheckt und dann den ausführenden Schulen verordnet werden. Sehr oft legt sich «die Praxis», sprich das Kollegium selber das Korsett eines Konzepts an. Freilich meistens auf Weisung von oben. Eine Zeitlang arbeiteten unsere Schulen ganz besessen an mannigfachen Konzepten: Gesundheitskonzept, Gewaltpräventionskonzept, Ernährungskonzept, Leseförderungskonzept, Lagerkonzept, Kommunikationskonzept, Elternmitwirkungskonzept, Beurteilungskonzept, Notfallkonzept, Feueralarmkonzept, Digitalkonzept, Medienkonzept… sie füllen die Konferenzen, Arbeitszeiten und zuletzt die Schubladen in den Büros der Schulleitungen.
Vor ein paar Jahren arbeitete unser Kollegium an einem Outdoor-Konzept. Die Schulleitung hatte gerade viel Zeit und in einer Nachbarschule hatte es einen Unfall auf einer Velotour gegeben. Und so geriet die Kollegen-Runde in Fahrt und ich als notorischer Konzeptmuffel in die Defensive. Das Kollegium legte sich personelle Ressourcen zu, über die es gar nicht verfügte. Eine Velotour beispielsweise sollte fortan eine erwachsene Begleitperson pro 6 Schutzbefohlene haben. Meine 24 SchülerInnen zählende Klasse hätte also neben mir noch 3 weitere erwachsene Begleitpersonen gebraucht. «Damit», so meine Worte, «haben wir die Velotouren beerdigt.»

Nicht allzu ernst nehmen

Nun haben aber Konzepte die angenehme Eigenart, in den Schubladen zu verschwinden und vergessen zu gehen. Bereits nach drei Monaten vor unserem traditionellen Sporttag, dessen Sportstätte wir als ganze Schule mit dem Velo ansteuern, war das Problem der personellen Unterdotierung offensichtlich. Ich protestierte, nun völlig zum Schlitzohr mutiert, und verwies auf unser Outdoor-Konzept. «Wir müssen den Sporttag absagen», forderte ich eine versteinerte Schulleitung auf. Man nahm mich glücklicherweise nicht ernst, aber ebenso wenig akzeptierte man die Stupidität des Konzepts. Man dürfe, so der Tenor, solche Papiere nicht allzu ernst nehmen, beschied man mir. Es zähle der gesunde Menschenverstand. Und – man wisse ja, dass diese Konzepte eben für die Schublade seien. Man müsse sie einfach haben, wenn danach gefragt werde.
Zurzeit arbeiten wir an unserer Schule an einem Mobbingkonzept, ausgelöst durch unsere Schulsozialarbeiterin, die das Gefühl hatte, Mobbing sei an unserer Schule ein grosses Problem. So setzte sich denn eine Arbeitsgruppe zusammen, zu der auch ich –kurz vor meiner Pensionierung - verknurrt wurde. Und natürlich wurden zu diesem komplexen Thema auch Fachpersonen konsultiert. An einer Zoomsitzung informierten uns zwei Mitarbeiterinnen der Berner Gesundheit über die Bedeutung des Begriffs, all seine möglichen Varianten und ihre diesbezüglichen Angebote. Erstaunlicherweise gelang es mir, die Buchung dieser Expertinnen zu verhindern. Überhaupt lässt sich die Arbeit an diesem neuen Konzept ertragen. Interessante Gespräche, wenig Alarmismus, gute Inputs. Es wird wohl nicht das letzte Konzept sein, dass ich in meiner im Sommer endenden Berufslaufbahn bearbeiten darf. Es steht noch das Schutzkonzept des zukünftigen Rentners bevor, der sein Kollegium in seinem Garten zu einer Abschlussparty einladen will. Aber da muss ich wohl noch auf das BAG-Konzept für den Monat Juni warten, worauf dann das Feinkonzept meiner kantonalen Erziehungsdirektion folgt.
Böse Zungen behaupten, dass meine Frau auch schon an einem Konzept arbeitet, das ihr helfen soll, mit dem frischgebackenen Rentner im Hause umzugehen.
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