Warum die Schweiz reich geworden ist

Warum die Schweiz reich geworden ist

Markus Somm zeichnet das Wirtschaftswunder unseres Landes nach – anhand von prägenden Figuren, mit Fakten und Mythen. Eine Rezension.

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von Beat Kappeler am 25.11.2021, 08:00 Uhr
Die Schweizer: zuverlässige, präzise und lange arbeitende Fachkräfte. Foto: Stämpfli
Die Schweizer: zuverlässige, präzise und lange arbeitende Fachkräfte. Foto: Stämpfli
Das Buch ist eine subtile Kampfschrift gegen drei soft-linke Vorurteile zur Schweizer Wirtschaftsgeschichte, Vorurteile, die dann stets als Verurteilungen herhalten. Nein, so Somm, die Schweizer Wirtschaft erblühte nicht wegen Sklavenwirtschaft, nicht wegen Kolonialismus, sie war auch nicht mausarm und schwang sich durch den künstlichen Dreh des – längst – abgeschafften Bankgeheimnisses empor.
Sondern die frühen Schweizer Unternehmer erarbeiteten seit der Neuzeit, seit 1500, die Grundlagen für einen weit verbreiteten, überdurchschnittlichen Reichtum gemessen am übrigen Kontinent. Die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts startete auf diesem bereits erreichten, hohen Sockel. Die tragenden Personen dieser Revolution, Heinrich Kunz, Alfred, Escher, Nestlé, Suchard, Sulzer, Brown und Boveri sind bekannt, doch beginnt die Industriegeschichte vorher.

Intergiert in die globale Wirtschaft

Somm zeigt die noch handwerkliche, aber enorme Leinenproduktion in der Ostschweiz, dann die folgende Baumwollepoche, die Glarner Baumwolldruckerei, die Handstickerei im Toggenburg und Appenzell. «Protoindustrialisierung» nennen Fachleute diese Grundlage. Längst waren solche Gegenden nicht mehr agrarisch geprägt, längst waren sie in die europäische, ja globale Wirtschaft integriert – sie gewannen durch personelle Netze, Auslandsreisen, länderüberspannende Kooperationen.

Zur Person

Beat Kappeler ist Ökonom und Buchautor. Zuletzt von ihm erschienen: «Der Superstaat – Bürokratie, Parteizentralen, und wie man den schlanken Staat zurückgewinnt» (NZZ-Verlag, Sept. 2020, 3. Aufl. in Vorb.)

Einen Teil dieser Netze und viele neue Techniken steuerten die Hugenotten, die Locarner Emigranten bei, ja Somm zeigt, wie die Glaubensflüchtlinge aus Lucca sofort die Genfer Wirtschaft bereicherten. Einen «Elitentausch» von Lucca nach Genf nennt er es. Insgesamt schreibt er den Migranten vielleicht einen etwas grossen Verdienst am frühindustriellen Aufschwung zu. Denn parallel, und wohl grundlegend waren die arbeitsteiligen Kooperationen der entwickelten Land- und Stadtregionen.
Das Verlagssystem herrschte – bei welchem der «Verleger» in der Stadt, unterstützt von Ferggern, die Rohstoffe besorgte und den Webern, Spinnern, Stickern abgab, darauf die fertigen Stücke wieder abholte und in der Welt draussen vertrieb. Bevor das Maschinenzeitalter die Arbeitermassen in Fabriken zusammenzog konnte so eine Massenproduktion Tausender von Kleinproduzenten funktionieren und immer produktiver werden.

Heimstätten und Handelsherren

Gleichzeitig diffundierte der Reichtum. Entgegen der Unterstellung vieler, so müsste man anfügen, war auch Lesen, Schreiben, Rechnen in der alten Schweiz weit verbreitet, mehr als anderswo, so schrieb Jean-François Bergier. Zuverlässige, präzise und lange arbeitende Fachkräfte waren vorhanden – sie arbeiteten zu Hunderttausenden an Ort und produktiver als ferne, halbkranke Sklaven…
Eine für die Schweiz typische Bedingung des Aufschwungs lag in den vielen Zentren, Heimstätten, Handelsherren. Wo die städtischen Zünfte und Regeln das freie Ausgreifen der neuen Unternehmer behinderten, wichen sie auf die Landgebiete aus, die keine Regeln kannten. Diese vielzentrische Schweiz, ohne allzuständige Monarchie und Oligarchie wie anderswo, nennt Somm mehrmals als klare Vorbedingung, allerdings als «rückständige» politische Ordnung, in der Sprache der damaligen Beobachter aus den straff durchgekämmten Monarchien.

Die bunte Schweiz

Er könnte dies auch positiver formulieren, denn Peter Blickle hat seinerzeit an der Universität Bern das früher auch in vielen freien Städten, italienischen Republiken, holländischen Staaten oder in der Hanse selbstverwaltete Europa geschildert. Die bunte Schweiz war und ist das gute Tuch, das noch blieb, nachdem die grossen Flächenstaaten und Monarchien den Bürgern Europas den Schneid und den Reichtum abgenommen hatten.
Somm legt seine Methode offen dar – er hat den ganzen Fundus zur Wirtschaft und zum Reichtum der Schweiz aufgearbeitet, als Sekundärliteratur. Sodann skizziert er die grossen Linien der Makro-Aspekte, aber ein grosser Teil des Buches zeichnet spannende Biographien nach: die Werdmüllers, die Turettini, Hans Caspar Escher von Escher-Wyss, Peter Bion. Und er beendet die Studie um 1830, als die eigentliche industrielle Revolution beginnt. Aber die Grundlage dazu zeigt er überzeugend vor.
Liest man zur Zeit vorher Peter Blickle, dann für die Zeit darnach «Wirtschaftswunder Schweiz» (G. Schwarz, R. J. Breiding), dann ist das Panorama fertig, bereichert um Somms soliden «Mittelteil».
Markus Somm, Warum die Schweiz reich geworden ist. Mythen und Fakten eines Wirtschaftswunders, Stämpfli Verlag, 2021, 296 S., 49 Fr.

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