Warum die Schweiz die beste Armee der Welt hatte

Warum die Schweiz die beste Armee der Welt hatte

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von Martin Breitenstein am 21.4.2021, 08:00 Uhr
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Die Milizarmee verschränkte die Führungskräfte von Staat und Wirtschaft und erdete sie zugleich. Würde dieses grandiose Netzwerk noch funktionieren, wäre uns das Corona-Impfdebakel erspart geblieben.

Als die Regierungsmitglieder noch Humor hatten, erklärte Ueli Maurer zu seinem Amtsantritt als Chef des Militärdepartements, er wolle das Schweizer Militär zur besten Armee der Welt machen. Der Spruch sollte zum geflügelten Wort werden.
Jahre früher war die Schweizer Armee in der Tat die beste der Welt. Zwar kaum auf dem Schlachtfeld (wo sie sich nicht beweisen musste), sondern in der militärischen Sekundärtugend als Milizarmee. Die allgemeine Wehrpflicht existierte nicht nur auf dem Papier, sondern real: die Rekrutenschule als Schule der Nation, der Bürger-Soldat überhöht bis zum Mythos. Es war eine Organisation mit Licht und Schatten. Aber sie bewirkte eine Verschränkung von Staat und Wirtschaft, die uns heute fehlt. Im Positiven war es ein grandioses Netzwerk (im Negativen Filz).
Die These sei gewagt: Würde dieser informelle Mechanismus noch funktionieren, wäre uns das Corona-Impfdebakel weitgehend erspart geblieben. Irgendwelche Verbindungen zwischen Bundesverwaltung und Pharmaindustrie hätten sich ohne viel Aufwand, geradezu beiläufig herstellen lassen, und auf wundersame Weise hätte sich eine Public-Private-Partnership eingestellt, die unbürokratisch zur Tat geschritten wäre. Abgesehen davon, übte das Militär bis Ende Achtzigerjahre für solche Katastrophenereignisse ganz regulär, unter Einbezug der Dienst leistenden Experten aus Chemie und Pharma.
Etwas zutiefst Egalitäres
Wiewohl hierarchisch aufgebaut, hatte die alte Milizarmee etwas zutiefst Egalitäres. Alle Schweizer (Männer) mussten hin. Die sozialen Schichten und Zugehörigkeiten wurden kräftig durchmischt, wie es im Zivilen selten der Fall gewesen wäre. Mitunter wurden die Vorgesetztenrollen gar vertauscht (der Bankangestellte als Offizier, sein Bankdirektor als dessen Putz). Das verschaffte Erdung, Bodenhaftung und Volksnähe.
Nach dem Fall der Berliner Mauer begann sich die zivil-militärische Verschränkung zurückzubilden. Militärtechnologisch bedingte kleinere Heeresbestände, globalisierte Führungsetagen, Hedonismus, ideologisch motivierte Armeegegnerschaft (zuvor hatten auch Lehrer Freude an einer Karriere in der Milizarmee), Absolvierung der gesamten Dienstpflicht in jüngeren Lebensjahren, all das führte dazu, dass die frühere Präsenz des Militärischen auch im zivilen Alltag nach und nach zurückging. Heute sind es zwei Welten, ihre Interaktion ist gering geworden.
Ein Bürger(innen)dienst als neue Wehrgerechtigkeit
Wie kann man die Verschränkung zwischen Staat, Zivilgesellschaft und Wirtschaft wiederherstellen und verbessern? In der politischen Pipeline sind verschiedene Vorstösse für einen Bürgerinnen- und Bürgerdienst angemeldet. Einer zeitgemässen Anwendung der alten «Wehrgerechtigkeit» entspricht, einen solchen Dienst gleichberechtigt auszugestalten und nicht allein die Männer damit zu privilegieren. Wo das Zwangsarbeitsverbot aus dem Völkerrecht gegen einen breit ausgreifenden Bürgerdienst als Argument vorgebracht wird, könnte man durchaus freiwilligen Modelle prüfen, die mit einem Steuerbonus kombiniert werden könnten.
Ein solches Modell könnte auch arrivierten Führungskräften der Privatindustrie seelische Linderung verschaffen: ein paar Wochen Engagement für die Gesellschaft auf dem Höhepunkt von Schaffenskraft und Erfahrungsschatz wären mindestens so sinnstiftend wie esoterisch angehauchte Selbsterfahrungswochen und mindestens so erschöpfend wie die Teilnahme an Marathon- oder Iron-Man-Rennen.
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