Warum «woke» nicht reicht: Jetzt kommt der Tokenismus

Warum «woke» nicht reicht: Jetzt kommt der Tokenismus

Es vergeht kaum ein Tag ohne eine neue «Regel» für das gesellschaftliche Zusammenleben oder die Anwendung der Sprache. Doch dem Begriff «woke», der im Vormarsch ist, steht ein anderer gegenüber, den kaum jemand kennt: Der Tokenismus. Er besagt: Auch wer «Gutes» tut, kann völlig falsch liegen.

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von Stefan Millius am 17.6.2021, 04:00 Uhr
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Lasst uns noch eine Schippe drauflegen: Nach diesem Prinzip funktioniert die Woke-Bewegung, also die Menschen, welche die Gesellschaft permanent an die Existenz sozialer Ungerechtigkeit, Diskriminierung oder Rassismus erinnern wollen. Das tun sie, indem sie die Sprache umpflügen oder Produkte und Marken verbannen möchten, die in irgendeiner Weise an die erwähnten Ungerechtigkeiten erinnern könnten.
Längst haben sich viele ihrer Forderungen schleichend durchgesetzt. Allen voran in der Sprache. Weil es nach wie vor keinen allgemeinen Standard gibt, ist sie heute durchsetzt von Sternchen, Doppelpunkten, dem Push-I und anderen Spielarten. Hauptsache, wenigstens zwei der inzwischen Dutzenden von Geschlechtsformen sind berücksichtigt. Alle: Das wird schwierig.
«Ens» statt «ein»
Aber auch das reicht nicht. Es reicht nie. Ein deutscher Geschlechterforscher hat sich jüngst für die Abschaffung von «der/die» und «ein/eine» eingesetzt. Seine überaus elegante Lösung ist das Kunstwort «ens». Was klingt wie salopper Dialekt aus einer deutschen Provinz, ist – jetzt wird es richtig raffiniert – der Mittelteil von «Mensch». Ens richtig tolle Sache sozusagen. Ens Meilenstein.
Oder dann das hier. Wer Firefox nutzt und eine Anleitung rund um sein Master-Passwort sucht, wird neuerdings auf eine andere Seite umgeleitet. Denn das Master-Passwort heisst neu «Hauptpasswort». Eigentlich schön, wenn unnötige Anglizismen wegfallen, aber das war hier nicht die Motivation. «Master» erinnert an die Sklaverei. Wer Firefox nützt, war also jedesmal ein kleiner Kolonialist, wenn er sein «Master-Passwort» eingab. Deshalb musste das Wort weg. Denn mit Garantie hatte jeder, der sein Master-Passwort eingab, zutiefst rassistische Hintergedanken.
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Noch schlimmer ist es eigentlich nur, wenn man bei der Bedienung des Browsers noch einen Apfelkuchen nach amerikanischer Machart geniesst, denn den haben die Kolonialherren besonders gern gegessen, was jeden Nachahmer in diese Ecke rückt. Apfelkuchen hat, Zitat aus der Woke-Bewegung, «blutige Wurzeln». Geht also gar nicht. Mohrenkopf? Der war gestern. Nun geht es dem Apfelgebäck an den Kragen.
«Woke» reicht nicht
Munter wird so an der Spirale gedreht, die für Gerechtigkeit unter Geschlechtern, Rassen und sexuellen Ausrichtungen sorgen soll. Unternehmen überschlagen sich beim Versuch, alles, was von den Empörten neu aufgebracht wird, umgehend umzusetzen.
Aber ist eine Firma so richtig schön «woke», wenn sie ihre Sprache neutralisiert und Frauen und Menschen anderer Hautfarbe in Führungspositionen setzt?
Leider nein. Denn auch dafür gibt es einen Begriff, den man im deutschsprachigen Raum noch kaum kennt. Es handelt sich laut den Kritikern bei diesen Anstrengungen oft um Formen des «Tokenismus». Der Begriff wird vom englischen «token» abgeleitet, was für Symbol oder Zeichen steht – und im übertragenen Sinn für eine pro-forma-Aktion.
Alles nur Feigenblätter
Tokenismus wird denen vorgeworfen, deren Anstrengungen rund um die Gleichstellung nach dem harten Urteil der Bewegten nur symbolischer Natur ist. Die gendergerecht verfasste Pressemitteilung und die Verwaltungsrätin mit afrikanischen Wurzeln sind in diesem Fall kein Ergebnis von «woke», sondern reine Feigenblätter, mit denen das Unternehmen verdeckt, dass es nach wie vor systematisch Ungerechtigkeiten lebt.
Die Leute, die zum Handkuss kommen bei der Beförderung, sind dann «tokens», also marketingwirksame Aushängeschilder. Sie helfen gemäss Tokenismus nur, die systematische Diskriminierung des grossen Rests beizubehalten, sind also gewissermassen Mittäter. MittäterInnen. Mittäter*innen. Oder was auch immer.
Man sieht: Es wird kompliziert. Selbst wer eines Morgens «woke» aufwacht und innerhalb seines Einflussbereichs mit der Ungerechtigkeit aufräumt, so es denn wirklich eine ist, gehört nicht automatisch zu den Guten. Er oder sie muss sich dann vielleicht vorwerfen lassen, Feigenblätter installiert zu haben. Nicht ein Feigenblatt, «ens» Feigenblatt übrigens.

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Stefan MilliusHeute, 07:46comments

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