Vor der Facebook-Zensur ist heute keiner mehr sicher

Vor der Facebook-Zensur ist heute keiner mehr sicher

Soziale Medien sind die Chance für jeden, sich frei zu äussern. Theoretisch. In jüngster Zeit greift vor allem Facebook aber rigide durch, wenn dem Plattformbetreiber Beiträge nicht passen. Corona hat zu einer Flut von Zensurmassnahmen geführt. Doch auch andere Themen sind Minenfelder.

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von Stefan Millius am 8.12.2021, 13:30 Uhr
Illustration: Jürg Kühni
Illustration: Jürg Kühni
Diskriminierende oder rassistische Inhalte, Gewaltdarstellungen in Bild oder Video, Betrugsversuche: Niemand möchte das auf Facebook sehen. Entsprechend sind solche Inhalte auch untersagt. Wer sie dennoch verbreitet, muss damit rechnen, dass sein Beitrag gelöscht und er oder sie selbst für gewisse Zeit auf der Plattform gesperrt wird. Vor Corona betraf das in erster Linie krasse Hassbotschaften, Aufrufe zur Gewalt oder hin und wieder auch sichtbare (weibliche) Nippel.

Präventive Zensur

Heute reicht weit weniger, um im «Facebook-Knast» zu landen, wie es viele Nutzer spöttisch nennen. Man ist nicht mal sicher, wenn man Beiträge von Zeitungen teilt, die erwiesenermassen brav in der Spur laufen und die Politik der Regierungen publizistisch vertreten. Denn die Algorithmen von Facebook – und wohl auch die allfälligen Kontrolleure aus Fleisch und Blut – sind nicht in der Lage, die Spreu vom Weizen zu trennen. Längst wird auf Vorrat zensiert, um sicherzugehen. Schimmert da womöglich eine Kritik an der aktuellen Politik durch? Dann lieber weg damit.
Mario Aeschlimann aus Binningen beispielsweise machte kurz nach der Abstimmung über das Covid-19-Gesetz auf diesen Aspekt aufmerksam:
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Aeschlimann wagte eine Prognose darüber, dass trotz dem Ja zur Vorlage wohl bald weitere Einschränkungen folgen (was der Fall war) und machte darauf aufmerksam, dass das Ja-Lager damit wohl nicht gerechnet hatte (was wohl ebenfalls der Fall war). Eine harmlose Aussage – aber sie wurde mit 30 Tagen Sperre bei Facebook quittiert. Diskriminierend ist das nicht, rassistisch noch weniger, zu Gewalt wird auch nicht aufgerufen.

Auch Tatsachen sind zensurwürdig

Ein anderer Nutzer teilte einen Artikel des Nachrichtenportals «nau.ch», der von einer Kommission in Grossbritannien berichtete, die von der Impfung von Kindern abriet. Ob diese Einschätzung korrekt ist oder nicht, ist nicht die Frage, denn: Die Kommission gibt es, ebenso die Empfehlung. Es war schlicht und ergreifend ein Newsbeitrag, der sagte, was passiert ist, ohne jede Wertung.
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Aber der besagte Nutzer war danach weg vom Fenster. Facebook fand es offenbar ungeheuerlich, dass jemand etwas kolportiert, das eine Kommission verlauten lässt und das danach von einer Zeitung thematisiert wird. Es trifft immer den Letzten in der Schlange.
Was in vielen Fällen auch zur sofortigen Löschung von Beiträgen und Sperrungen des Autors führt: Wenn man darauf aufmerksam macht, dass die Impfung nicht komplett vor Ansteckung und Weiterverbreitung des Virus schützt – eine anerkannte Tatsache.Anders lassen sich die steigenden Fallzahlen in nahezu durchgeimpften Nationen gar nicht erklären. Facebook kümmert das nicht: Es darf hier einfach nicht gesagt werden.
Ein weiteres Minenfeld: Wer die Frage stellt, inwiefern reine Fallzahlen relevant sind für die tatsächliche gesundheitliche Gefährdung der Gesellschaft, muss damit rechnen, auf Facebook bald schweigen zu müssen. Die Quelle der Aussage spielt keine Rolle. Selbst wenn ein ausgewiesener Experte auf die beschränkte Aussagekraft von Fallzahlen hinweist, will Facebook das nicht bei sich haben.
Die Begründung des sozialen Mediums in solchen Fällen lautet stets so oder ähnlich: Die Verbreitung dieser Beiträge gefährde die Gesundheit der Allgemeinheit. Betroffen sind aber keineswegs nur Leute, die die Existenz des Virus leugnen oder irgendwelche alternativen Heilmittel verkaufen wollen.

Artikel aus Wochenzeitung ist «Knastgrund»

Symptomatisch für die aktuelle Zensurwelle bei Facebook ist, dass die Ursprungsquelle – nicht selten Medien – meist in Ruhe gelassen wird, man dafür aber den bestraft, der sich auf diese bezieht, also quasi den Überbringer der schlechten Botschaft. Wikipedia-Autor Stephan Sembinelli, der die Coronalage in der Schweiz für die Online-Enzyklopädie beobachtet, kann ein Lied davon singen.
Er nahm einst Bezug auf ein Interview mit dem Immunologen Beda Stadler, einem ausgewiesenen Fachmann, im «Bärnerbär». Stadler konnte gedruckt in über 100’000 Exemplaren der Wochenzeitungen offen sagen, was er denkt, doch als Sembinelli den Presseartikel auf Facebook in einer gekürzten Zusammenfassung – aber im Originaltext ohne eigene Kommentare – wiedergab, kassierte er dafür umgehend eine Sperre.
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Sembinelli legte Einspruch ein, wurde wieder zugelassen und kurz danach für die Wiedergabe eines anderen Artikels einer Newsplattform wieder gesperrt. Die erneute Einsprache von Sembinelli gegen die jüngste Entscheidung wurde bis heute nicht behandelt. Das ist ein bei Facebook beliebtes Vorgehen: Nach Verbüssen der «Strafe» kann man wieder publizieren, ein entlastendes «Urteil» ergeht nicht selten erst, wenn die Sperre ohnehin schon lange vorbei ist.

Auch Google und YouTube – und das Klima

Facebook ist mit dieser rigorosen Politik nicht alleine – und Corona nicht das einzige betroffene Thema. Google beispielsweise geht gegen alles vor, was der Darstellung des vom Menschen verursachten Klimawandels widerspricht. Davon ebenfalls betroffen ist YouTube, das Google gehört (Kommentar zur Zensur durch «Big Tech»). Die Videoplattform nutzt einen Trick, um nicht gleich zensierend eingreifen zu müssen: Sie lässt im Umfeld kritischer Beiträge keine Werbeeinblendungen zu. Damit verliert so mancher YouTube-Kanal die Monetarisierung der Beiträge und muss klein beigeben.
Pikantes Detail am Rande: Wer bei Facebook gesperrt ist, kann dort nicht mehr viel tun. Das heisst: Nicht einmal das eigene Konto löschen. Die soziale Plattform sperrt Leute, doch wenn diese genug von diesem Gebaren haben, sind ihnen die Hände gebunden. Raus führt kein Weg, bis die Sperrung vorbei ist.

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