Von Wünschenswertem und Machbarem

Von Wünschenswertem und Machbarem

Über Visionen und Realitäten – und das Spannungsfeld dazwischen.

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von Rafaela Schinner am 19.5.2021, 10:00 Uhr
Zuweilen kann es geschehen, dass irgendwer irgendwo in der Politlandschaft eine unkonventionelle Idee auf den Tisch legt. Bevor er aber die Zeit hat, seine Eingebung gebührend vorzustellen, wird er mit der fast schon empörten Frage konfrontiert: Ist denn das überhaupt umsetzbar? Wenn er dies nicht zufriedenstellend – und die Hürde ist hoch – erläutern kann, ist es mit dem Wagnis ins Unbekannte bereits vorbei. Zu unsicher, zu utopisch, zu riskant.
Wer sich in einem gesellschaftlichen Kontext engagiert, ist unausweichlich damit konfrontiert: Das Spannungsfeld zwischen Realität und Vision, zwischen realpolitischer Machbarkeit und revolutionärem Enthusiasmus. Diese Dissonanz ist bisweilen nur mühsam ertragbar. Es verwundert deshalb auch nicht, dass in unserer Politik eine klare Tendenz feststellbar ist, die Spannung in eine der beiden Richtungen aufzulösen.
Da sind die einen, die sich ihren Wünschen für die gute Welt hingeben und jegliche Argumente seitens der Pragmatiker ausblenden: Man müsste lediglich «das System» von Grund auf ändern, dann wäre alles machbar. Überlegungen zu Kosten und wirklicher Umsetzbarkeit rücken sehr weit in den Hintergrund. Auf der anderen Seite des Spannungsfelds sitzen – im wahrsten Sinne des Wortes – all jene, die bereits ihre Visionen aufgegeben haben und irgendwo in der alltäglichen Monotonie versinken. Die Machbarkeit ist für ihre politische Arbeit konstitutiv geworden. Aufgrund der Schwierigkeit, mehrheitsfähige Lösungen zu produzieren, haben sie ihren Optimismus gänzlich eingebüsst.

«Wer seinen Blick lediglich auf die Bergspitze als sein Endziel richtet, wird durch die geringste Wurzel oder Unebenheit auf dem Weg ins Stolpern geraten.»


Letzten Endes mag die Flucht aus dem Spannungsfeld für das Individuum eine Erleichterung sein, weiterbringen wird uns dies aber nicht. Es ist wie beim Wandern: Wer seinen Blick lediglich auf die Bergspitze als sein Endziel richtet, wird durch die geringste Wurzel oder Unebenheit auf dem Weg ins Stolpern geraten. Wer hingegen lediglich auf den Boden fokussiert ist – sorgsam darauf bedacht, allen Risiken und Nebenwirkungen auszuweichen – weiss irgendwann überhaupt nicht mehr, in welche Richtung er läuft.
Die Kunst besteht darin, einzusehen, dass der Widerspruch nicht tatsächlich gelöst werden kann, ohne ihn gleichzeitig aufzulösen. Es gilt, die Spannung auszuhalten. Das bedeutet, die Grenzen des Machbaren auszuloten, etwas zu wagen und auszuprobieren. Und trotzdem das richtige Augenmass beizubehalten. Mässigung darf nicht mit Mittelmässigkeit verwechselt werden. Es handelt sich vielmehr um eine freiwillige Selbstbeschränkung im Bewusstsein der Unvollkommenheit des Menschen. In gutschweizerischer Manier kann man dies eigentlich als Kompromiss verstehen – nicht zwischen konkurrierenden Zielen, sondern zwischen dem Wünschenswerten und dem Machbaren.

«Wie viel Utopie braucht unsere Demokratie? Und wie viel erträgt sie?»


Wenn sich der Wanderer nicht verletzen oder hoffnungslos verlaufen will, ist er also gezwungen, sowohl den Gipfel wie auch den Weg im Blick zu behalten. Das gesamte Unterfangen bleibt ein Balanceakt für das Individuum, aber auch auf gesellschaftlicher Ebene. Mit Blick auf gewisse politische Entwicklungen unserer Gegenwart stellt sich mir unweigerlich die Frage: Wie viel Utopie braucht unsere Demokratie? Und wie viel erträgt sie?

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