Von Opfern und Tätern

Von Opfern und Tätern

In einer schier endlosen Kaskade von Artikeln wetteifern Tagesanzeiger und Blick um Klickzahlen und dröseln sämtliche Aspekte des Verbrechens des 2015 verstorbenen Vierfachmörders Günther Tschanun auf. Ein Vergleich mit anderen Schweizer Kapitalverbrechen bietet sich an.

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von David Klein am 27.4.2021, 14:43 Uhr
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Günther Tschanun

Tschanun, damaliger Direktor der Zürcher Baupolizei, richtete 1986 vier seiner Angestellten mit Kopfschüssen aus nächster Nähe hin, nachdem er sich vergewissert hatte, dass sie in ihren Büros sitzen. Die Türe schliesst er nach den Morden jeweils ordentlich hinter sich zu. Einen fünften Mitarbeiter verletzt er mit einem Bauchschuss schwer. 2015 stirbt Tschanun bei einem Fahrradunfall.

Thomas Nick

Im selben Jahr, kurz vor Weihnachten, verschafft sich Thomas Nick mittels einer Täuschung Zugang zum Haus einer Familie aus seiner Nachbarschaft. Er fesselt und knebelt die Mutter, ihre beiden Söhne und die Freundin des älteren Sohnes. Den jüngsten Sohn missbraucht er schwer, die Tat nimmt er mit seinem Handy auf. Später schneidet er allen vier die Kehlen durch und steckt das Haus in Brand.
Nach der Tat sucht der pädophile und homosexuelle Nick im Internet nach weiteren Buben, legt sich eine Liste mit potenziellen Opfern an, späht deren Familien aus und plant erneut Vergewaltigung und Mord. 2016 wird er in Aarau gefasst, nachdem er Tags zuvor bereits vor der Türe der Familie in Solothurn gestanden hatte, an der er sich vergehen wollte, auf den Schultern ein schwarzer Rucksack, gepackt mit Seilen, Anzündwürfeln und allem, was er für die Umsetzung seines teuflischen Plans benötigt.

Peter Hans Kneubühl

«Amok-Rentner» Peter Hans Kneubühl wehrte sich 2010 nach einem Erbschaftsstreit mit seiner Schwester gegen die Zwangsräumung seines Geburtshauses in Biel, dabei wurde ein Polizist verletzt, niemand kam zu Tode. Die Polizei war mit einem Grossaufgebot schwerbewaffneter Einsatzkräfte vor Ort, trotzdem gelang dem damals 67-jährigen «Polizistenschreck» die Flucht. Nach zehn Tagen, in denen hunderte Polizisten nach ihm suchten, wird er auf einen Hinweis aus der Bevölkerung gefasst. Seitdem sitzt Kneubühl im Gefängnis.

Mediale Wiederauferstehung

Den zwei Mehrfachmördern wurde grosse Medienaufmerksamkeit zuteil, die im Fall von Tschanun bis über den Tod hinausreicht.
«Wer war Tschanun», orakelt Michèle Binswanger, die Tschanuns mediale Wiederauferstehung im Tagi ins Rollen brachte, «der sensible Mann, den man in die Enge getrieben hatte, oder der kaltblütige Mörder?». Vom «distinguierten Herrn Tschanun» und seinem Faible für «Sporttanz» wird berichtet, von seiner «Eloquenz» und dass ihm «Frauen zu Dutzenden» ins Gefängnis schrieben.
Von Thomas Nick war zu vernehmen, dass er sich nach seiner wahnwitzigen Spritztour auf dem, was Richter Daniel Aeschbach in seinem Urteil einen «Highway des Grauens» nannte, schnellstmöglich wieder in die Gesellschaft «integrieren» und sich nach absolviertem Wirtschaftsstudium «selbstständig» machen wolle. In einer Zukunftsvision sieht sich der Vierfachmörder als «alter Mann mit Hunden vor einem Kamin».
Von Kneubühl weiss man, dass er in den zehn Jahren Haft, über 10'000 Seiten zu seinem Fall geschrieben hat, «mehr als Goethe und Shakespeare», wie er augenzwinkernd, aber nicht ohne Stolz sagt.
Vermutlich würden die Leiden der Angehörigen nur marginal geschmälert, wenn sie wüssten, ob es ein «sensibler Mann» oder ein «kaltblütiger Mörder» war, der ihre Liebsten aus dem Leben riss. Auch die Karriereplanung von Killer Thomas Nick dürfte bei den Hinterbliebenen seiner Opfer auf mässiges Interesse stossen.

Wohliges Schauern

Doch das wohlige Schauern, das der hiesigen Presse über den Rücken läuft, wenn sie sich an mordenden Psychopaten wie Tschanun oder Nick abarbeiten können, scheint der aufrichtigen Auseinandersetzung mit dem Schmerz der Hinterbliebenen immer noch den Rang abzulaufen.
Denn über die Opfer und Angehörigen der barbarischen Gewaltexzesse von Tschanun und Nick erfährt man wenig. Diese morbide Fixierung auf die Täter habe ich 2018 anlässlich des Prozesses gegen Thomas Nick in einem Artikel in der Basler Zeitung thematisiert, in dem ich auch die damaligen Gerichtsgutachter Josef Sachs und Elmar Habermeyer kritisierte.
Der Artikel scheuchte die Crème de la Crème der Schweizer Gerichtsgutachter-Szene auf. Die Forensik-Koryphäen Jérôme Endrass und Thomas Noll sahen sich zu einer wütenden Gegenrede genötigt (Unqualifizierter Rübe-ab-Zwischenruf). Auf meine Replik (Getroffene Hunde bellen) meldete sich Professor Marc Graf, Direktor der Forensischen Klinik Basel, zu Wort (Menschenrechte gelten auch für Straftäter).

Mitgefühl für die Täter

Marc Grafs Herz schlägt für diejenigen, die er als «Schwächere» wahrnimmt, die Täter, denen ich seiner Ansicht nach «aus einer wohlfeilen Position der Stärke heraus» in meinen Artikeln nicht genügend Zuwendung zuteil werden liess. Auf einer Ebene seines Unterbewusstseins, die ihm offensichtlich nicht zugänglich ist, liegt Graf jedoch instinktiv richtig. Die «Stärke» liegt tatsächlich nicht bei den Tätern, die sich mit ihren unaussprechlichen Verbrechen zwar eine untilgbare Schuld aufladen, diese jedoch problemlos schultern, wie die selbstmitleidigenAusführungen von Tschanun, Nick und vielen anderen Menschenschlächtern beweisen.
Das gesamte Ausmass der von den Tätern verursachten menschlichen Tragödien lastet auf den Hinterbliebenen, von denen die meisten an der mörderischen Gewalt zerbrechen, die jene ihren Kindern, Eltern, Brüdern und Schwestern angetan haben, die sich der vollen Anteilnahme von Marc Graf versichert sein dürfen. Nur die Stärksten unter den Opfer-Angehörigen sind fähig, nach einer derart katastrophalen Zäsur eine Existenz zu fristen, die auch nur ansatzweise als lebenswert betrachtet werden kann.
Man wünscht sich die gleiche Aufmerksamkeit, die man den Tätern widmet, für die Opfer und ihre Hinterbliebenen, aber ohne die Sensationsgeilheit, die – wie auch heuer im Fall Tschanun - die Täterberichterstattung bestimmt.

Mitschuld der Opfer

Tschanun kassierte für seinen Vierfachmord 20 Jahre vom Bundesgericht, nachdem in erster Instanz vom Zürcher Obergericht den Opfern noch eine «Mitschuld» angekreidet wurde. Nach 14 Jahren wird er wegen guter Führung entlassen und lebt unter falschem Namen unbehelligt und mit einer IV-Rente finanziell abgesichert im Tessin, bis er 2015 mit dem Fahrrad tödlich verunfallt.
Thomas Nick wurde für seine bestialischen Morde zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt, was in der Schweiz 15 Jahre Haft bedeutet (in seinem Fall 13 Jahre, da er bereits seit zwei Jahren inhaftiert war), dazu kommt eine ordentliche (nicht lebenslange) Verwahrung.
Die Chance, jemals wieder frei zu kommen, ist klein, aber sie besteht. Von 2004 bis 2017 sind immerhin 27 Personen, die eine schwere Straftat begangen haben, aus der ordentlichen Verwahrung freigekommen.
Der Vierfachmörder Tschanun soll ein «schwieriger Insasse» gewesen sein, ein «Häftling mit Ansprüchen», welcher der Gefängnisbelegschaft ein «mentales Kindergartenniveau» attestierte und sich mokierte, dass nicht einmal die Leitung über «das intellektuelle Werkzeug einer Matura» verfüge. Seinen Strafvollzug in Oberschöngrün, Anfang der 90er Jahre eines der liberalsten Gefängnisse der Schweiz, beklagte er, der Mörder, als «unmenschlich».
Kneubühl hingegen lobt die Arbeit des Gefängnisdirektors und dankt ihm für die Zelle, die er ihm im Regionalgefängnis in Thun bereitstellt.

Die Gutachter

Im Februar dieses Jahres wurde Peter Hans Kneubühl ordentlich verwahrt, obwohl er niemanden tötete und Erstgutachter Professor Werner Strik, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern, Kneubühl als «verständnisvolle, liebenswürdige Person» beschrieb und ein «Leben ausserhalb einer Strafanstalt» für möglich erachtete. Strik beobachtete Kneubühl über ein halbes Jahr hinweg und führte zahlreiche Gespräche mit dem 77-Jährigen.
Zweitgutachter Elmar Habermeyer, Direktor der Klinik für Forensische Psychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, der 2018 die Therapierbarkeit des Mehrfachmörders und Kinderschänders Nick bejahte, weshalb dieser nur ordentlich und nicht lebenslang verwahrt wurde, sah im mittlerweile fast 80-jährigen Kneubühl nach über zehn Jahren Haft für ein Delikt, das keine Todesopfer forderte, immer noch eine Gefahr für die Gesellschaft. Er leide unter «Wahnvorstellungen», verweigere jedoch eine Therapie, weswegen man ihn «nicht entlassen und nicht mit ihm zusammenarbeiten» könne.
Habermeyers Gutachten basiert ausschliesslich auf Aktenmaterial, getroffen hat er Kneubühl nie. Professor Strik bezeichnete Habermeyers Gutachten denn auch als «akademische Trockenübung».

Therapierbar

Mit den Therapien ist es so eine Sache. Auch Tschanun brach seine Psychotherapie in Oberschöngrün ab und fing nie mehr eine andere an, was seiner vorzeitigen Haftentlassung und der Vorzugsbehandlung bezüglich Namensänderung und IV-Rente jedoch nicht entgegenstand.
Thomas Nick hingegen kämpfte bis vor Bundesgericht dafür, dass er therapiert wird. Der sadistische und manipulative Mörder, der während seiner Haft in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies eine Gefängnisärztin so geschickt umgarnte, dass diese sich bei der Anklägerin Barbara Loppacher für ihn einsetzte, spekulierte wohl darauf, mit einer Psychotherapie schon früh Argumente für seine allfällige Ungefährlichkeit sammeln zu können, wenn – wie bei lebenslänglichen Strafen üblich – nach zehn Jahren eine bedingte Entlassung geprüft wird.
Nochmal ganz anders sieht es bei Kneubühl aus. Während Nick sich vergeblich um eine Therapie bemühte, wird Kneubühl, der nach zehn Jahren Haft bereits zwei Drittel einer «lebenslangen» Strafe abgesessen hat, verwahrt, weil er sich einer Therapie widersetzt.
Gemäss Gutachter Josef Sachs, der den Vierfachmörder Thomas Nick als therapierbar einstufte, befindet sich Kneubühl in einer Situation, die «in unserem Strafrecht wie nicht richtig vorgesehen» sei.

Kritik von Frank Urbaniok

Habermeyer und Sachs stuften Thomas Nick als therapierbar ein, eine Einschätzung, die Frank Urbaniok, langjähriger Chefarzt des Psychologisch-Psychiatrischen Dienstes des Kantons Zürich, der wie Habermeyer und Sachs zu den renommiertesten forensischen Psychiatern der Schweiz gehört, heftig kritisierte.
Die von den Psychiatern festgestellte narzisstische und zwanghafte Persönlichkeitsstörung und Pädophilie sagen etwas über die Krankheit von Nick aus, jedoch nichts über seine Gefährlichkeit. Niemand wisse, weshalb Nick die vier Menschen ermordet habe.
Wären die diagnostizierten Störungen der Grund für die Tötungen, «gäbe es in der Schweiz jede Woche eine solche Tat». «Wenn man nicht weiss, warum jemand eine Tat begangen hat, dann weiss man auch nicht, was sich ändern müsste, damit das Risiko für einen Rückfall sinkt.» Deshalb könne man auch nicht sagen, Thomas Nick sei therapierbar.

Unabhängige Fachgutachten

Es waren «unabhängige Fachgutachten», wie jene von Habermeyer und Sachs im Fall Thomas Nick, welche die Morde von Werner Ferrari, Erich Hauert, Daniel Hofmann, Fabrice Anthamatten, H. S., Claude Dubois oder Tobias Kuster ermöglichten.
Krasse Fehlbeurteilungen von Unmenschen, die ihre Opfer vergewaltigten, erdrosselten, ihnen die Kehle durchschnitten und die Leichen achtlos ins Unterholz warfen. In Daniel Hofmann, der 2003 eine ehemalige Arbeitskollegin so zurichtete, dass sich das Opfer laut Anklageschrift «nur mit viel Glück, gepaart mit cleverer Verhandlungstaktik, schwereren Verletzungen, eventuell Todesfolgen, entziehen» konnte, glaubten Gutachter einen «offenen, zugänglichen, motivierten und therapiefähigen Menschen» zu erkennen und attestierten ihm «angenehme und gewinnende Umgangsformen». Wenige Jahre später ermordete Hofmann die 16-jährige Lucie Trezzini auf bestialische Weise.
Die erschütternde Bilanz der Ersttaten der Mörder, trotz derer sie von Gutachtern als für die Gesellschaft ungefährlich eingestuft und in teils unbegleiteten Hafturlaub entlassen wurden: Sechs Tötungen und 13 schwere Vergewaltigungen.

Pfadfinder

«Kriminalprognosen haben eine Trefferquote zwischen 55 und 90 Prozent. Sie sind in gewissen Fällen also nur wenig präziser als ein Münzwurf.», so der Basler Chef-Forensiker Marc Graf in einem Interview mit der Aargauer Zeitung, in dem er sich «für seine Zunft wehrt». «Unsicherheiten bezüglich der Vorhersage von Risiken» von Schwerstverbrechern setzt Graf gleich mit jenen, die «jeder Pfadfinderführer bei Aktivitäten in der Natur abwägen muss».
Wenn also «Pfadfinderführer» mit einer «Trefferquote», die «nur wenig präziser als ein Münzwurf» ist, für folgenschwere Gutachten verantwortlich sind, erstaunt es nicht, dass ein Massenmörder wie Tschanun von seiner Gefängnisseelsorgerin bemuttert, von seiner Bewährungshelferin umsorgt, wegen guter Führung vorzeitig in die Freiheit entlassen und mit einer grosszügigen Rente ausgestattet wird, während ein launiger Querulant wie Kneubühl, der niemanden tötete, mit einer Verwahrung gleich hart bestraft wird, wie Thomas Nick, der vier Menschenleben auf brutalste Weise auslöschte.

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