Von der Seele der Pflanzen oder: Was sollen Veganer jetzt noch essen?

Von der Seele der Pflanzen oder: Was sollen Veganer jetzt noch essen?

Sie können riechen, hören, schmecken, kommunizieren – und werden trotzdem von uns verspiesen: unsere Pflanzen. Was ums Himmelswillen können moralisch einwandfreie Veganer denn noch essen?

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von Gottlieb F. Höpli am 24.9.2021, 10:00 Uhr
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Der Florentiner Professor Stefano Mancuso ist einer der renommiertesten Pflanzenforscher der Welt. Der Verfasser mehrerer Bestseller hat eben eine Charta zu den Pflanzen und ihren Rechten veröffentlicht («Die Pflanzen und ihre Rechte»). Ein Manifest, das uns, nicht zuletzt aber den Veganerinnern und Vegetariern zu denken geben muss. Denn Pflanzen, so schreibt der Leiter des Instituts für Pflanzen-Neurobiologie an der Universität Florenz, können riechen, hören, sprechen, kommunizieren – sie sind fühlende Lebewesen, die ein Bewusstsein, ja eine Seele haben. Denen es auch «nicht gefällt, gegessen zu werden», wie der Biologe jüngst im Interview mit dem «Corriere della Sera» sagte.
Schon das letzte Buch Mancusos wies eine Richtung, die nicht allen gefallen mag. «Die Intelligenz der Pflanzen» zeigte auf, dass es die Pflanzen sind, welche den Blauen Planeten in eine Grüne Insel verwandelt und damit erst weitere (Über-)Lebensformen ermöglicht haben. Ihnen müssten wir, in unserem eigenen Interesse, endlich ebenfalls Rechte einräumen, heisst es nun im neuesten Buch, welches das Zeug zum vieldiskutierten Bestseller hat. Philosophisch gesprochen kommt den Pflanzen nämlich der Rang eines moralischen Objekts, wenn nicht gar eines Subjekts zu. Das wird noch zu reden geben.
Natürlich muss der Mensch essen, sagt Mancuso im Interview. Und er fügt der Natur weniger Schaden zu, wenn er Pflanzen isst, als wenn er Tiere verzehrt. Denn Pflanzen lassen sich für den menschlichen Gebrauch züchten (Reis, Weizen, Mais). Und Tiere tragen zum Kreislauf der Natur bei, wenn sie nach dem Fressen beispielsweise die Samen der Pflanzen ausscheiden und so zu deren Erhaltung beitragen.
Aber der ganzheitliche Blick, den der Forscher – der gerne auch mal ein Stück Fleisch isst – auf die Natur wirft, entzieht den Hardcore-Veganern ein Stück jener Legitimation, sich über alle Anderen moralisch hoch erhaben zu fühlen. In den Social Media, aber auch nach einem Referat an einem wissenschaftlichen Kongress in Ohio, so berichtet er, sei er denn auch von veganen Extremisten angegriffen worden: Seine Theorien seien lediglich ein von den grossen Tier- und Fleischfabriken ausgehecktes und finanziertes Komplott, um Veganer und Vegetariern zu diskreditieren.
Auch auf der Seite der Gutmenschen greifen manche eben gerne mal zu Fake News, wenn die eigene moralische Überlegenheit in Frage gestellt wird. Dabei wäre die Forschung des Neurobiologen doch eine gute Gelegenheit für vegane Aktivisten, vom hohen Ross herabzusteigen und Mutter Erde gegenüber zu erweisen, was ihnen wie jedem anderen Menschen gut ansteht: etwas mehr Demut und etwas weniger Überheblichkeit.

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