Von «Diversität» über «Geflüchtete» bis «brandgefährlich»

Von «Diversität» über «Geflüchtete» bis «brandgefährlich»

Der «Nebelspalter» kürt die nervigsten Modebegriffe des Jahres 2021.

image
von Alex Reichmuth am 27.12.2021, 19:00 Uhr
Karikatur:  Jürg Kühni
Karikatur: Jürg Kühni
Jede Zeit hat ihre Wörter. Vor langer Zeit war «Weib» völlig in Ordnung. Und «Fräuleins» erfreuten sich ihrer Jungfräulichkeit. Tempi passati. Was gestern noch ging, ist heute schwer verboten. Dafür ploppen immer neue Begriffe auf, von denen es einige zu erstaunlicher Popularität schaffen. Hier ist die – völlig subjektiv gehaltene - Rangliste der abgegriffensten Modebegriffe 2021.

1. «Diversität»

Die Schweizerische Mediendatenbank listet über 8000 Artikel mit dem Begriff «Diversität» auf, die innert Jahresfrist erschienen sind. Heute muss auch die unfähigste Geschäftsleitung, der untätigste Verwaltungsrat und das selbstgefälligste Beratergremium divers zusammengesetzt sein: Frauen und Männer, Schwarze und Weisse, Homo- und Heterosexuelle, Junge und Alte, Dicke und Dünne, Dumme und Gescheite. Selbst vor der Modebranche macht die «Diversität» nicht halt. So präsentierte die Zeitschrift «Cosmopolitan» mollige Models auf dem Cover. Das Modemagazin «Vogue» zeigte die Aktivistin und Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai auf dem Titel – samt Kopftuch. Und bei «Harper’s Bazaar» gab es ein Transgendermodel zu sehen. Auch in einem Macho-Business wie der Formel 1 soll nun die «Diversität» Einzug halten. Das fordert zumindest Mercedes-Pilot Lewis Hamilton. Der einzige schwarze Fahrer in der Formel 1 sollte sich etwas mehr auf seine Leistung am Steuer konzentrieren, denn prompt hat ihm Max Verstappen dieses Jahr den Weltmeistertitel entrissen.

2. «Woke»

Wer heute etwas auf sich hält, gibt sich «woke». Laut Duden bedeutet der Begriff «in hohem Mass politisch wach und engagiert gegen (insbesondere rassistische, sexistische, soziale) Diskriminierung». Man benutze also immer den Genderstern. Und vermeide um Gottes Willen Ausdrücke wie «Zigeuner», «Eskimos» oder «Schwarze». Stattdessen rede man von «Fahrenden» (noch besser: «mobile ethnische Minderheiten»), «Inuits» und «People of Color» (siehe unten). Und von «menstruierenden Menschen» statt von «Frauen». «Mutter» und «Vater» geht auch nicht, das sind heute «Elter 1» und «Elter 2». Wer besonders «woke» sein will, vermeide an den Weihnachten …ähm Festtagen die Namen «Maria und Josef». Heute heisst das «Malika und Julio» (so ein inzwischen zurückgezogener Vorschlag der EU), damit sich keine Andersgläubigen ausgeschlossen fühlen. Doch obacht: Sich als «woke» zu bezeichnen, ist selber passé und sollte vermieden werden. Denn zunehmend wird der Begriff sarkastisch verwendet - um die «Generation woke» und ihre Ziele abzuwerten.

3. «Geflüchtete»

Bis vor einigen Jahren war klar: Wer von «Asylanten» sprach, stand Asylbewerbern kritisch gegenüber. Wer hingegen von «Flüchtlingen» sprach, hatte Sympathien für diese. Doch nun setzt sich immer mehr eine seltsame Wortwandlung durch: Statt von «Flüchtlingen» ist von «Geflüchteten» die Rede. Offenbar scheint «Flüchtlinge» plötzlich etwas Abstossendes zu haben. In der Tat: Das Wort sei «angeklagt», stellte die deutsche Menschenrechtsorganisation Pro Asyl fest. «Der Vorwurf lautet: Das Wort habe eine bedenkliche Wortstruktur, deren Endung -ling sich in vorwiegend negativ konnotierten Wörtern (Fiesling, Sonderling) wiederfinde.» In der Tat: Auch «Lehrlinge» wird mehr und mehr durch «Lernende» abgelöst. Streng genommen bezeichnet der Ausdruck «Geflüchtete» nur Personen, die die Flucht schon hinter sich haben. Folglich müssten etwa Bootsmigranten auf der Überfahrt über das Mittelmeer als «Flüchtende» betitelt werden. Man kann nun darauf wetten, wie lange es geht, bis sich die «Schweizerische Flüchtlingshilfe» in «Schweizerische Geflüchtetenhilfe» umbenennt.

4. «People of Color»

Eine noch wundersamere Wortwandlung ist beim Begriff «People of Color» festzustellen. Hier hilft offenbar nur noch der Griff zu einer Fremdsprache, um Political Correctness herzustellen. Eigentlich, so würde man meinen, bedeutet der Begriff übersetzt nichts anderes als «Farbige». Aber da sind wir schon ins Fettnäpfchen getreten, denn «Farbige» steht längst auf dem Index der verbotenen Bezeichnungen. «Schwarze» geht, wie erwähnt, auch nicht. «People of Color», so lernen wir, ist aber weit mehr als nur eine Rassenbezeichnung. Amnesty International erklärt den Ausdruck als «eine internationale Selbstbezeichnung von/für Menschen mit Rassismuserfahrung». Der Begriff markiere eine politische gesellschaftliche Position und verstehe sich als emanzipatorisch und solidarisch. Nur dunkler Hautfarbe zu sein genügt also nicht, man muss auch noch diskriminiert werden, um als «People of Color» zu gelten. Was dann wieder eine Diskriminierung von Schwarzen ohne Rassismuserfahrung wäre. Und dürfen sich auch Weisse mit Rassismuserfahrung «People of Color» nennen? Das korrekte Sprechen wird immer mehr zu einem Eiertanz.

5. «Dystopie»

Ich gebe zu: Nachdem mir der Begriff zum x-ten Mal begegnet war, musste ich zuerst nachschlagen, was «Dystopie» eigentlich heisst. Wikipedia definiert den Ausdruck als «meist in der Zukunft spielende Erzählung, in der eine erschreckende oder nicht wünschenswerte Gesellschaftsordnung dargestellt wird». Da fällt mir spontan der Roman «1984» von George Orwell ein – geschrieben im Jahr 1948. Heute aber drohen dystopische Verhältnisse offenbar allenthalben. Die Physikerin Simone Weinmann zeichnete in ihrem Romandebüt eine Zukunft ohne Wissenschaft – also eine «Dystopie». Die Schriftstellerin Sibylle Berg warnte im Zusammenhang mit dem Covid-19-Gesetz vor einem Überwachungsstaat – also vor einer «Dystopie». Der Journalist (und «Nebelspalter»-Autor) Philipp Gut schrieb in der «Automobilrevue» gegen den Richtplan der Stadt Zürich an – also gegen eine «links-grüne Dystopie». Laut Wikipedia ist «Dystopie» das Gegenbild zur «Utopie». Utopien werden kaum je Wirklichkeit. Dystopien wohl auch nicht.

6. «Brandgefährlich»

Der Begriff ist ein Klassiker und vor allem bei Journalisten beliebt. Wann immer einem Schreiberling eine Entwicklung nicht passt, bezeichnet er sie als «brandgefährlich». Die «Handelszeitung» hat etwas gegen die Politik von Joe Biden: Darum bezeichnete sie die Wahlversprechen des US-Präsidenten als «brandgefährlich». Die Schweizerische Gewerbezeitung wollte die 99-Prozent-Initiative der Jungsozialisten abschiessen: Darum betitelte sie diese als «brandgefährlich». Dem «Tages-Anzeiger» ist das Wirken von Bundesrat Ueli Maurer ein Dorn im Auge: Darum verurteilte die Zeitung dessen Kritik an der Covid-Politik der Regierung als «brandgefährlich». Und der linke «Sonntagsblick» hält natürlich nichts von der Kritik der SVP an den Städten. Folglich muss diese Kritik «brandgefährlich» sein. Immerhin: Einige Journalisten nehmen den Begriff nicht so bierernst und lassen sich zu Wortspielen verleiten: Die «NZZ am Sonntag» schrieb darüber, dass Ethanol-Öfen als dekorativer Ersatz für Cheminées bedrohlich für deren Besitzer werden können. Titel des Artikels: «Brandgefährliche Kuschelstimmung».

Mehr von diesem Autor

image

Der Horror der Spätabtreibungen

Alex Reichmuth20.1.2022comments

Ähnliche Themen