Vielleicht einmal die Klappe halten – Teil 2

Vielleicht einmal die Klappe halten – Teil 2

Nach dem teuren Irrlauf droht jetzt ein weiteres bildungs-politisches Mekka: Der obligatorische Sprachaustausch!

image
von Alain Pichard am 6.5.2021, 11:31 Uhr
Bild: Shutterstock
Bild: Shutterstock
Im ersten Teil seiner Analyse beschäftigte sich Alain Pichard mit dem monumentalen Scheitern von Frühfranzösisch und Mehrsprachendidaktik. Sein Fazit: Eine gigantische Fehlinvestition. Im zweiten Teil sieht er die Karawane weiterziehen: Nach dem teuren Irrlauf droht jetzt ein weiteres bildungspolitisches Mekka: Der obligatorische Sprachaustausch! Bevor nun schon wieder Fachkommissionen gegründet und Geldbeträge gesprochen werden, mahnt Pichard einen Besuch des OSZ-Orpund an.
Schon 2014 forderte der NZZ-Journalist Andreas Diethelm einen obligatorischen Sprachaustausch für jeden Schweizer Schüler. Letztes Jahr postulierte der frühere Chefredakteur der Tribune de Lausanne, Peter Rothenbühler, in der Basellandschaftlichen Zeitung ebenfalls einen obligatorischen Sprachaustausch (Oktober 2019). Und das Migros-Magazin kürte den Studenten Christian Siegenthaler in einem Wettbewerb mit dem unfreiwillig ironischen Namen «Wunschschloss» zum Preisträger 2019 für die innovativste Idee. Er forderte – dreimal dürfen Sie raten – einen obligatorischen Schüleraustausch zwischen den Landesteilen.
Natürlich darf jetzt auch die Politik nicht fehlen. Neu gewählte Nationalrätinnen aus allen Parteien wollen – keine Überraschung – einen obligatorischen Sprachaustausch der SchülerInnen unseres Landes fördern. Der Bund, so eine Nationalrätin, müsse jetzt endlich vorwärts machen. Im Dezember 2019 verlangte Martin Rufer (FDP) im Solothurner Kantonsparlament, dass die Französischkompetenzen der Volksschüler verbessert und der Sprachaustausch gefördert werden sollten. Und der Regierungsrat erklärte eilfertig, dass er sich der Wichtigkeit von Austauschprojekten bewusst sei. Es seien bereits Schritte zur Förderung solcher Aktivitäten unternommen worden. Der stets reformeuphorische wie alarmistische «Tagesanzeiger» schliesslich beklagte: Nur zwei Prozent der Schüler machen einen Sprachaustausch. Das Ziel müsse aber 100 Prozent sein (13.5.19).
Damit keine Missverständnisse entstehen. Der Autor dieser Zeilen hält sehr viel von Sprachaustauschen. Er pflegt Kontakte zu Genfer Partnerklassen, führte gemeinsame Skilager mit französischsprachigen Klassen durch und plant seine Abschlussreisen des Öfteren in Südfrankreich. Er unterrichtete auch selber an französischsprachigen Klassen. Vor allem aber installierte er an seiner Schule, dem OSZ-Orpund, den traditionellen Sprachaustausch mit den französischsprachigen Walliser Schulen. Vier Tage verbringen unsere Schüler bei ihren welschen Kollegen und beherbergen diese ebenso lange bei sich.
Ausserdem besuchen sie jeweils den Unterricht in den beiden Schulen, schreiben sich vorher mehrere Briefe und absolvieren zu zweit einen Postenlauf. An einem Samstag im Januar fahren die Eltern mit ihren Zöglingen und den Lehrkräften ins Wallis, wo sie von den Eltern ihrer Partnerkinder empfangen werden. Dies ist ein grosser Anlass, der die Leute zusammenbringt. Auch wir Lehrkräfte kennen uns mittlerweile und freuen uns schon jetzt auf das Wiedersehen. In wenigen Fällen geht dieser Austausch schief, in den meisten profitieren unsere Lernenden aber ungemein von diesen Begegnungen. Und manchmal entstehen sogar Freundschaften fürs Leben, gehen die Familien zum Beispiel gemeinsam in die Skiferien.

Austausch ist Knochenarbeit

Was hier wie ein Werbeprospekt tönt, ist in Wirklichkeit Knochenarbeit. Deshalb empfehle ich den praxisfernen Gestaltern dringend, sich vorerst einmal mit den immensen Vorbereitungen unseres Austausch-Verantwortlichen an unserer Schule zu beschäftigen.
In beiden Sprachregionen beteiligen sich trotz intensiver Werbung lediglich 50 bis 70 Prozent an diesem Austausch, Tendenz sinkend. Es gibt Familien, denen man eine Austauschschülerin nicht anvertrauen kann. Es kommt immer mehr zu angsterfüllten Panikabsagen, Spezialwünschen und kurzfristigen Abmeldungen. Die Abmeldung einer Mutter lässt übrigens tief blicken: «Mein Sohn hat mit ‹Mille Feuilles› so wenig Französisch gelernt, dass ich ihm diese Erfahrung ersparen möchte.» Auch religiöse Bedenken muslimischer Familien stellen ab und zu ein Hindernis dar. Die prekären Wohnverhältnisse einiger Familien tun ihr Übriges. Selbst im zweisprachigen Biel ist es nie gelungen, einen solchen Austausch voranzutreiben. Eine Schulleiterin der Oberstufe meinte: «Bei uns lassen die sozialen Verhältnisse einen solchen Austausch in vielen Fällen gar nicht zu. Und wir haben hier andere Probleme, wie z. B. das Erlernen und Beherrschen von Deutsch.»
Ebenso wird der Fakt, dass es viel mehr deutschsprachige als französischsprachige Schüler in der Schweiz gibt, einen obligatorischen Sprachaustausch für alle verunmöglichen.
Die organisatorischen Vorbereitungen sind gewaltig und die Reibungsflächen nehmen zu. Es kommt auch zu Abmeldungen von Schulen, die sich an dem Austausch nicht mehr beteiligen wollen.
Trotzdem möchten wir dieses Projekt nicht missen. Es ist für uns ein wirkungsmächtiger und herzerwärmender Anlass, der neben dem Spracherwerb viele weitere positive Effekte für die Reifung der Persönlichkeiten hervorbringt.

Bitte keine Masterpläne mehr

Ein gesamtschweizerischer obligatorischer Sprachaustausch ist allerdings Wunschprosa in Reinform. Es ist dringend von weiteren Masterplänen abzuraten. Stattdessen könnte man die bereits bestehenden Projekte fördern, den Praktikern zuhören, sich für ihre Arbeit interessieren und sie in eine eventuelle Ausweitung des Sprachaustausch-Gedankens einbeziehen. Und ansonsten – wie es Alt-Regierungsrat Pulver vormacht – einfach mal die Klappe halten.
  • Schweiz
  • Schule
  • Kommentare
  • Bildung
Ähnliche Themen
image

Bund geht auf Like-Jagd auf Instagram — und stellt dafür 10 Leute ein

image
Sandro Frei, 24.6.2021