Valposchiavo: spannend und vielfältig

Valposchiavo: spannend und vielfältig

Auf Französisch würde man schreiben: «Cela vaut le détour»: Das frühere «Nordirland der Schweiz», mit seinen Konflikten zwischen Katholiken und Protestanten, bleibt ein grandioses, etwas peripheres Kleinod der Schweizerischen Eidgenossenschaft.

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von Erich Heini am 7.12.2021, 15:00 Uhr
Was für ein Blick, was für eine Gegend. Foto: Wikipedia
Was für ein Blick, was für eine Gegend. Foto: Wikipedia
Wie immer, wenn ich Vergleichbares bereise, ist ein Friedhofsbesuch «Pflicht», die mich über die Namen der zur Ruhe Gelegten weiter bringt. In Poschiavo gilt es, zwei Gottesäcker zu besuchen, denn jener der Katholiken und derjenige der Protestanten sind getrennt.
Letzterer liegt unmittelbar hinter der Kirche und entsprechend ganz nahe bei der stimmungsvollen Piazza communale. Der dominierende Name ist jener der Lardelli. Die sehr (auch in Deutschland) bekannten Paravicini sind viel seltener dort begraben. Sehr zahlreich sind auch die Gräber für die Familien Olgiati. Gleich beim Seiteneingang an der südlichen Friedhofmauer stösst man auf das Grab des Wolfgang und der Silvia Hildesheimer-Dillmann.
Als Wolfgang Hildesheimer nach einem Aufenthalt von 34 Jahren in Poschiavo 1991 zu Grabe getragen wurde, läuteten für den Seelenfrieden des Verstorbenen jüdischen Glaubens die Glocken der katholischen Chiesa die San Vittore Mauro und jene der etwas jüngeren Kirche der Protestanten erstmals gleichzeitig.

Betrachtungen für Ferrophile

Der Friedhof der Katholiken befindet sich etwas vom Zentrum weg, nahe an der Bahnlinie. Was mich zu einigen Betrachtungen für Ferrophile animiert: Frühe Preziosen des Baus von Adhäsions-Bergstrecken in eine Rangfolge der Grossartigkeit bringen zu wollen, ist irgendwie nicht angezeigt. Die Jahrzehnte vor den Grossprojekten in der Schweiz erstellten Semmering- und Arlberg-Bahnen sowie die Ligne des Cevennes zwischen Clermont-Ferrand und Nîmes sind zu Recht berühmt.
Ich will mich hier auf die Bauten in der Schweiz beschränken: Am bekanntesten sind bestimmt die ebenfalls in Normalspur gebauten Süd- und Nordrampen der Gotthard-Bahn sowie die Lötschberg-Bahn. Bei den auf der Meterspur verkehrenden Bahnen ist wohl die Albula-Strecke am besten bekannt. Sie beginnt in Thusis, schlängelt sich zwischen Sils im Domleschg und Tiefencastel durch die furchterregende Schyn-Schlucht. Kurz vor Filisur überquert sie den einer Kurve verlaufenden Landwasserviadukt. Am südlichen Brückenende verschwinden die Züge gleich in eine senkrechte Felswand. Der Glacier-Express auf dieser Brücke ist wahrscheinlich das weltweit bestbekannte Fotosujet aus der Schweiz. Unmittelbar hinter dem diesbezüglich unschlagbaren Matterhorn.
Der Höhepunkt folgt dann zwischen Bergün/Bravuogn und Preda, vor dem Albulatunnel. Auf diesem Abschnitt wechseln die Geleise vier Mal die Talseite. Entsprechend grandios sind die Ansichten auf die jeweils zurückgelegten Abschnitte. Die Horizontaldistanz zwischen Thusis und Preda ist recht gross. Denn die Strecke verfügt auch über relativ flache Abschnitte. Die Höhendifferenz beträgt 1100 Meter. Dies ist auf der etwas weniger bekannten Südrampe der Berninabahn, zwischen Poschiavo und dem Ospizio Bernina auf 2253 Metern über Meer, gedrängter. Die Bahnlinie windet sich auf der westlichen Talseite mit beinahe ununterbrochener Steigung von 70 Promille und unzähligen Kehren sowie durch zahlreiche Tunnels nach oben.

Respekt für die Bahnbauten

Die Sicht nach Poschiavo, auf den See gleichen Namens und auf die das Veltlin/Valtellina südlich begrenzenden Berge, ist auf der ganzen Strecke frei. Die Höhendifferenz beträgt nicht weniger als 1250 Meter. Und nach dem Lago di Poschiavo folgt nochmals eine Geländestufe bis zur Endstation Tirano, das auf etwas über 400 Metern über Meer liegt. Unterschiedlichste Klimazonen auf noch weniger Kilometern zu durchfahren, dürfte schwierig sein.
Für die Auftraggeber, die Ingenieure und für die – ausländischen – Arbeiter bleibt bei all den hier erwähnten Bahnbauten nur höchster Respekt übrig. Wie diese Linien in die Berglandschaften gelegt wurden und wie die anfänglichen Wunden an der gewachsenen Natur längst ausgebügelt sind, lässt einen immer wieder stauen. Und auch hoffen: Am Albula und an der Bernina wird auch in hundert Jahren kein Basistunnel die Bergstrecken in den Hintergrund treten lassen.

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