Valérie Litz: Nicht das Virus, der Staat schränkt uns ein

Valérie Litz: Nicht das Virus, der Staat schränkt uns ein

Etatisten haben bei ihr schlechte Karten: Valérie Litz, eine der wenigen libertären Frauen der Schweiz, lehnt sämtliche staatlichen Zwänge ab.

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von Nicole Ruggle am 24.12.2021, 11:00 Uhr
Valérie Litz. (Bild: XING)
Valérie Litz. (Bild: XING)
Spätestens seit Corona zeigt sich: Der übermächtige Staat ist wieder auf dem Vormarsch. Und mit ihm seine Anhänger. Doch nicht alle lassen sich von der Ideologie des allumsorgenden Etatismus einlullen. Auffällig viele Junge haben während der Corona-Pandemie ihre freiheitliche Stimme erhoben. Eine davon ist die Libertäre Valérie Litz.
Ich treffe Litz in einem Zürcher Cafe. Eigentlich wäre Sie gerne in die Tina-Bar oder ins Manuel’s gegangen – zwei bekannte Stadtzürcher Libertären-Treffpunkte. Doch zu dieser Stunde haben beide noch geschlossen. Die 26-jährige Studentin aus Deutschland ist eine der wenigen libertären Frauen der Schweiz. Denn obwohl es jenseits des grossen Teiches bereits eine libertäre Präsidentschaftskandidatin (Jo Jorgensen) gegeben hat, hängen die meisten ihrer Geschlechtsgenossinnen in der Schweiz immer noch dem Etatismus an.
Litz bestellt am Tresen einen Cappuccino und fackelt nicht lange – keine Seltenheit bei Radikal-Liberalen. Sie spricht schnell, prägnant und druckreif in sauberem Hochdeutsch – ihrer Muttersprache. Ihre Urgrosseltern flohen im Zuge des ungarischen Volksaufstandes in den 1950er-Jahren aus Ungarn nach Deutschland. Rebellen seien sie gewesen, hätten sich gegen die sowjetische Besatzungsmacht erhoben, erzählt sie. Eine gewisse Staatsskepsis sei ihr deswegen schon in die Wiege gelegt worden. Ihr Vater, Unternehmer von Beruf, habe sie ausserdem schon früh mit dem Wirtschaftsliberalismus in Berührung gebracht: Litz war begeistert davon.

«Teile und herrsche»

Was hält eine kompromisslose Liberale wie Litz von der Schweizer Corona-Politik? «Ich lehne sämtliche Pflichten ab», stellt sie klar. Sie störe besonders, dass der Zielpfosten permanent verschoben wurde. «Erst hiess es, man müsse die Alten schützen. Aber ob das auch alle wollten, wurde nicht gefragt.» Ein alter Mann habe sich bei ihr beschwert: Er habe die Nachwehen des Ersten Weltkrieges und den Zweiten Weltkrieg überlebt. Nun müsse er sich wegen so einem Unsinn einsperren lassen.

Ihre Urgrosseltern flohen im Zuge des ungarischen Volksaufstandes in den 1950er-Jahren aus Ungarn nach Deutschland. Rebellen seien sie gewesen, hätten sich gegen die sowjetische Besatzungsmacht erhoben.


«Dann hiess es, wir müssen nur bis zum Sommer durchhalten. Nun redet man vom Triagieren», kritisiert die Studentin. «Es wird der Eindruck erweckt, die Triage wäre etwas, das nun erstmals wegen der Pandemiesituation angewendet würde. Das ist falsch. Es gibt seit eh und je unterschiedliche Triagesysteme, die in Notaufnahmen angewendet werden, um Notfälle nach Dringlichkeit zu sortieren. Das gibt es nicht erst seit Corona.»
Wer Angst vor einer Infektion habe, der solle sich impfen lassen und zu Hause bleiben. «Es kann nicht sein, dass sich alle einschränken müssen, weil Einzelnen die Disziplin fehlt, sich selbst zu schützen. Das ist falsch aufgezwungene Solidarität», argumentiert Litz. Sie redet leidenschaftlich, man merkt: Das Thema beschäftigt sie.
Sie sei selber geimpft. Halte die Impfung für sicher. Das sei jedoch eine persönliche Entscheidung. Jeder habe ein Recht auf körperliche Selbstbestimmung, man dürfe niemanden zur Impfung zwingen: «Dieses Ungeimpften-Bashing halte ich für völlig daneben. Der Staat versucht dadurch, die Verantwortung für seine eigenen Fehlentscheidungen auf diese Gruppe abzuschieben.»
Die Jus-Studentin fragt sich: «Wann haben wir den Boden des gesunden Menschenverstandes verlassen?» Engagiert verwirft sie die Hände. Wir hätten uns in der Corona-Politik völlig verrannt, kämen nicht mehr aus diesem Teufelskreis heraus: «Ich bin mir sicher, dass unsere Freiheiten – by the way Grundrechte – in Zukunft alle paar Monate an immer neue Booster-Impfungen gekoppelt werden.» Das sei komplett irrsinnig.

«Natürlich leben wir nicht in einer Diktatur, aber die Dynamiken, die dieses absurde System katalysieren, sind die Gleichen.»

Valérie Litz

Natürlich würden wir nicht in einer Diktatur leben, aber die Dynamiken, die dieses absurde System katalysieren, seien die gleichen. «Nicht das Virus, der Staat schränkt uns ein», stellt Litz klar. Und sie zitiert das lateinische divide et impera (teile und herrsche): Geimpfte und Ungeimpfte würden sich nun gegenseitig zum Feind stilisieren, statt dem Staatsapparat auf die Finger zu klopfen.
Die Lösung für dieses Dilemma? Wer ein grösseres gesundheitliches Risiko eingehen wolle, der solle auch die Möglichkeit haben, sich entsprechend zu versichern. «Aus libertärer Sicht wäre das in Ordnung. Nicht nur in Bezug auf Corona. Man könnte die individuellen Risiken künftig einpreisen, dann kann jeder selbst entscheiden, wie er leben will», schlägt Litz vor. Menschen einfach nicht behandeln zu wollen, hält sie – auch aus ethischer Sicht – für absurd. Schliesslich hätten viele Ungeimpfte ihr Leben lang ins Gesundheitssystem eingezahlt.

«Ich bin das Gegenteil von einem EU-Ultra»

Litz redet nicht nur, sie handelt auch. Fünf Jahre war sie im Vorstand der Zürcher Jungfreisinnigen. Dort hat sie sich um das Fundraising gekümmert und war aktiv am Politgeschehen beteiligt. Aktuell ist sie als Vize-Präsidentin der Libertären Partei engagiert. Die radikal-liberale Kleinpartei entstand 2014 aus ehemaligen Jungfreisinnigen und FDP-Mitgliedern. Litz lobt das politische System der Schweiz: «In Deutschland gibt es ein paar etablierte Parteien. Dort kann man mit einer Kleinpartei nicht viel ausrichten. In der Schweiz kann man auch als kleinere Gruppe schon viel bewirken.»
Trotzdem betrachtet sie die politischen Geschehnisse in der Schweiz mit Besorgnis. Man verspüre offenbar einen gewissen Druck, sich der EU anzugleichen. «Ich bin das Gegenteil von einem EU-Ultra», stellt Litz klar. Deswegen findet sie es wichtig, dass Bürger und Bürgerinnen so früh wie möglich zu selbständigem Denken angeregt werden. Politisieren und streiten sei wichtig, damit die Leute nicht unreflektiert fremde Meinungen übernähmen.
In erster Linie sieht Litz die Eltern – aber auch die Schulen – in der Pflicht. «An Familientischen und in Schulzimmern muss wieder mehr politisiert werden. Vor allem in den Schulen wieder strikt auf politisch neutralem Boden. Man muss Kinder mit Problemen konfrontieren, damit diese lernen, eigenständige Lösungsansätze zu erarbeiten.» Geschehe dies nicht, gäben die Kinder als Erwachsene sämtliche Verantwortung dem Staat ab. «Menschen sind träge. Es gefällt ihnen, ihre Denkarbeit an den Staat abzugeben», moniert Litz. Man müsse dem Staat dafür aber sein Vertrauen schenken. Ganz viele Menschen gingen diesen faulen Deal ein.

«Menschen sind träge. Es gefällt ihnen, ihre Denkarbeit an den Staat abzugeben»

Valérie Litz

Das blinde Vertrauen in den Staat hält Litz für brandgefährlich. «Nehmen wir als Beispiel die Altersvorsorge. Die Leute denken, sie zahlen als Junge in einen Topf ein und werden das Geld dann später wiederbekommen. Dem ist nicht so. Wenn die Babyboomer-Generation in Rente geht, werden nicht mehr genug Junge da sein, die deren Lebensabend finanzieren können. Das umlagefinanzierte System funktioniert so nicht», ist sich die Jus-Studentin sicher. Dennoch würden die Leute das System nicht hinterfragen.

Ayn Rand als weibliches Idol

Zuletzt bekommt Litz von mir noch die Gretchenfrage gestellt: Warum gibt es so wenig libertäre Frauen in der Schweiz? Litz denkt einen Moment nach, trinkt einen Schluck Kaffee. Sie überlegt. Dann beginnt sie von der radikalen Staatskritikerin Ayn Rand zu erzählen. «Ich habe von Rand ‹den Streik› gelesen. Das Buch hat mich wahnsinnig beeindruckt. Da leitet eine Frau – ganz alleine und praktisch aus dem Hinterstübchen – eines der grössten und mächtigsten Unternehmen ihrer Zeit.» Litz habe sich in dem Moment gefragt: Warum ist das nicht unser normales Frauenbild? Frauen, die sich aus reiner Überzeugungskraft gegen Männer (und andere Frauen) durchsetzen könnten.
«Ich denke ausserdem, dass Frauen ein grösseres Sicherheitsbedürfnis haben als Männer. Das zeigt sich auch bei so mancher Partnerwahl: Sie suchen sich oft einen starken Beschützer und Ernährer», mutmasst Litz. Männer hätten dafür ein grösseres Ego, das sie unabhängiger und unerschrockener mache. Deswegen seien sie oft selbständiger als Frauen. «In unserer Familie war das aber nie so. Mir hat nie jemand gesagt, ich könne etwas nicht, weil ich eine Frau bin. Mir wurde immer gesagt, ich könne alles erreichen, was ich wolle.»
Genau das werde sie auch eines Tages ihren eigenen Kindern beibringen: Frauen können alles erreichen und machen. Auch ohne Hilfe des Staates. Und dieser letzte Punkt ist ihr ganz besonders wichtig.

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