Unvereinbar: Die Standpunkte der Konsumenten-Organisationen zu den Agrar-Initiativen

Unvereinbar: Die Standpunkte der Konsumenten-Organisationen zu den Agrar-Initiativen

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von Alex Reichmuth am 12.4.2021, 15:00 Uhr
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Die Stiftung für Konsumentenschutz empfiehlt zweimal Ja, das Konsumentenforum zweimal Nein. Nicht zum ersten Mal ist man sich bei den Konsumentenschützern uneinig.

Er wird mit Spannung erwartet: der Ausgang der Abstimmungen über die Trinkwasser-Initiative und die Pestizid-Initiative. Das Schweizer Stimmvolk entscheidet am 13. Juni darüber. Die Trinkwasser-Initiative will nur noch denjenigen Bauern Bundessubventionen zukommen lassen, die keine synthetischen Pflanzenschutzmittel verwenden. Die Pestizid-Initiative will den Einsatz künstlicher Pestizide in der Schweiz gänzlich verbieten und auch beim Import auf Pestizidfreiheit achten.
Wie soll man als Konsument oder Konsumentin auf die beiden Volksanliegen reagieren? Man mag hier etwas irritiert zurückbleiben - denn die Standpunkte der beiden wichtigsten Organisationen in diesem Bereich, der Stiftung für Konsumentenschutz und des Konsumentenforums, sind völlig gegensätzlich.
Das Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) empfiehlt, die Trinkwasser- und die Pestizid-Initiative anzunehmen. «Die heutige Lebensmittelproduktion ist nicht nachhaltig und gefährdet langfristig die Verfügbarkeit von gesunder Nahrung und sicherem Trinkwasser in der Schweiz», begründet SKS-Kommunikationschef Alex von Hettlingen das Ja, und verweist auf ein schriftliches Statement der Organisation. «Der sogenannte Pflanzenschutz vergiftet unsere Lebensgrundlagen: das Trinkwasser und die Lebensmittel», heisst es darin. Ausserdem belaste er die Biodiversität und die Bodenfruchbarkeit.
Es sei höchste Zeit, dass die Schweizer Landwirtschaft zukunftsfähig werde, ist im SKS-Papier weiter zu lesen. «Die Initiativen geben den entscheidenden Anstoss.» Denn diese Initiativen setzten sich für eine umweltfreundliche Landwirtschaft ein, welche die Biodiversität und den fruchtbaren Boden erhalte und gesunde Nahrungsmittel für die Konsumentinnen und Konsumenten hervorbringe. «Und sie wollen das Trinkwasser, unser wichtigstes Lebensmittel, auf lange Zeit schützen. Diese Ziele verfolgt auch der Konsumentenschutz.»

«Noch nie so gesund und hochwertig»

Ganz anders tönt es beim Konsumentenforum (KF). In den Medien werde der Eindruck erweckt, als seien die Konsumenten mit kontaminierten, pestizidverseuchten Lebensmitteln konfrontiert, schreibt die geschäftsführende Präsidentin Babette Sigg. «Das Gegenteil ist der Fall. Noch nie in der neueren Geschichte der Menschheit waren Lebensmittel so gesund, qualitativ hochwertig und auch ausreichend und zu günstigem Preis, sprich für alle erschwinglich, vorhanden.»
Der Pestizideinsatz sei in den letzten Jahren kontinuierlich zurückgegangen und könne auch weiterhin reduziert werden, argumentiert Sigg vom KF weiter. «Aber ohne einen Minimaleinsatz von Pflanzenschutzmitteln drohen Schimmelbefall, Ernteausfälle und Qualitätseinbussen bei Früchten und Gemüsen. Diese Produkte lassen sich schlecht vermarkten und landem im besten Fall in der Biogasanlage.» Die Folge seien Lebensmittelverschwendung und steigende Preise, mehr Import und weniger Selbstversorgung. Es sei wichtig, für die Konsumenten die Wahl zwischen Produkten aus verschiedenen Regionen, Preisniveaus und Anbauarten zu erhalten, so Babette Sigg.
Dass die Stiftung für Konsumentenschutz und das Konsumentenforum gegensätzlicher Meinung sind, ist allerdings nichts Aussergewöhnliches. So macht sich die SKS seit Jahren für das Verbot von Gentechprodukten stark, weil die Konsumenten vor der Gentechnik geschützt werden müssten - während das KF dieses Verbot ablehnt, weil die Konsumenten die Wahlfreiheit haben müssten. Als die SKS vor einigen Jahren die Verlängerung der Produktegarantie von zwei auf fünf Jahren forderte, wies das KF dies als «übertrieben» zurück.

SKS eine Art Kampforganisation

Obwohl beide Organisationen in Anspruch nehmen, die Konsumenten zu vertreten, haben sie ganz unterschiedliche Stossrichtungen. Die SKS ist 1964 aus Kreisen von Gewerkschaften und Angestelltenverbänden entstanden. Ihre Positionen decken sich meist mit denjenigen linker Parteien und Verbänden. Die SKS versteht sich als eine Art Kampforganisation, die «kein Blatt vor den Mund» nimmt, wie man in ihrem Internetauftritt liest. «Der SKS ging es von Anfang an darum, pointiert die Anliegen der Konsumentinnen und Konsumenten gegenüber der Wirtschaft zu vertreten.»
Das KF dagegen ist wirtschaftsnah. Gegründet wurde es 1961, also schon drei Jahre vor der SKS, von Deutschschweizer Frauenorganisationen. Obwohl vom Budget her etwa sechs Mal kleiner, versteht sich das Konsumentenforum als bürgerlicher Gegenpol zur SKS. Ein funktionierender Wettbewerb bringe den Konsumenten vorteilhaftere Preise und passende Angebote, schreibt das KF im Netz. «Durch gesetzliche Regulierungen sind einzig die Rahmenbedingungen festzulegen, nicht aber das Angebot.» Man setze auf «Beratung statt Belehrung», und auf «Dialog statt Konfrontation».
Die letzte Bemerkung ist durchaus als Seitenhieb gegen die SKS zu verstehen. Generell gifteln die beiden Organisationen öfters gegeneinander. Vor einigen Jahren warf das Konsumentenforum der SKS vor, Dinge zu skandalisieren. Prisca Birrer-Heimo, Präsidentin der Stiftung für Konsumentenschutz und SP-Nationalrätin, wies das postwendend zurück: «Wir prangern Probleme an. Und dies machen wir laut und deutlich.»

«Nicht gerade warmherzig»

An anderer Stelle betonte KF-Chefin Babette Sigg, das Konsumentenforum verbreite keine Ideologie und keine Dogmen. «Wes Brot ich ess, des Lied ich sing», gab SKS-Geschäftsleiterin Sara Stalder zurück. Sie spielte darauf an, das beim KF auch Wirtschaftsverbände wie der Obstverband oder der Schweinezucht-Verband Mitglieder sind. «Ich finde, die Wirtschaft wird schon gut genug vertreten», so Stalder.
Einig sind sich SKS und KF einzig, was das gegenseitige Verhältnis angeht. Als «nicht gerade warmherzig», bezeichnete Babette Sigg dieses einmal. «Unser Verhältnis ist schon seit längerer Zeit auf Sparflamme», stimmte Prisca Birrer-Heimo zu. Es scheint, dass auch die anstehenden Agrarinitiativen keine Annäherung in der Konsumentenschutz-Branche zulassen.
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