Kündigung! Ungeimpfte Piloten demonstrieren vor der Swiss

Kündigung! Ungeimpfte Piloten demonstrieren vor der Swiss

Das Flugpersonal der Swiss muss sich impfen lassen. Wer das nicht tut, wird entlassen. Nun droht mehreren Hundert Mitarbeitern die Kündigung.

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von Serkan Abrecht am 2.12.2021, 05:00 Uhr
Ungeimpft? Entlassen. Bild:Keystone-SDA
Ungeimpft? Entlassen. Bild:Keystone-SDA
Für zahlreiche Angestellte der deutschen Airline Swiss hiess es am Mittwochabend: Abschied nehmen. Über hundert Personen taten dies mit Kerzen, Briefen und Rosen, die sie beim Operation Center 1 am Flughafen Kloten niederlegten. Die Betroffenen müssen sich einen neuen Job suchen. Grund: Sie sind nicht geimpft. Viele sind enttäuscht und traurig.
Enttäuscht ist auch die deutsche Lufthansa. Und zwar über die angeblich zu niedrige Impfquote. Das sagte deren Chef Carsten Spohr letztes Wochenende der «Westdeutschen Allgemeinen Zeitung». Aber – immerhin – funktioniere die Anwendung des 3G-Modell bei den Fluggästen und den Crewmitgliedern reibungslos. «Wir arbeiten bei Inlandsflügen seit dieser Woche unter 3G-Bedingungen, auch für unsere Crews, bisher ohne Probleme», so Spohr.
Seine Aussagen zeigen einen gewissen Zynismus. In Deutschland müssen die Angestellten die 3G-Regeln einhalten. Bei der Swiss gilt hingegen eine Impfpflicht, also 1G. Nur noch Geimpfte dürfen seit dem 1. Dezember für die Swiss in die Maschinen. Eine durchgemachte Infektion zählt nicht, obwohl sie mindestens so gut vor Übertragung schützt.

Keine Impfung? Kündigung!

Bis zum 15. November mussten sich alle Mitarbeiter impfen lassen. Egal ob Steward oder Pilot. «Bei weiterer Nichterfüllung des geforderten Impfobligatoriums sehen wir uns gezwungen, Massnahmen aufgrund Pflichtverletzung gemäss GAV (Gesamtarbeitsverträge, Anm. d Red.) einzuleiten (Stufenverfahren). Das Stufenverfahren endet bei einer anhaltenden Entscheidung gegen die Impfung (...) im Aussprechen einer Kündigung.»
Diese internen Zeilen erreichten die Mitarbeiter der Swiss Ende September. Unterzeichnet sind sie von der Führungsriege der deutschen Airline Swiss: Oliver Buchhofer, Head of Operations, Stefan-Kenan Scheib, Head of Flight Operations, Reto Schmid, Head of Cabin Crew, Christian Trelle, Head of Human Resources.
Piloten werden arbeitslos, Flugbegleiter müssen in den Bodendienst. «Mittlerweile haben die ersten Gespräche angefangen und uns wurde vorgeschlagen, dass wir in ein sogenanntes ‘Ruhendes Arbeitsverhältnis’ gehen könnten», sagt ein 43-jähriger Pilot, der seit 11 Jahren für die Swiss fliegt. Seit Mittwoch ist er gegroundet. Er möchte nicht namentlich genannt werden, da sein Fall in einem Schlichtungsverfahren mit der Airline steht.

«Ruhendes Arbeitsverhältnis» - ohne Lohn

Swiss-Sprecherin Karin Müller konkretisiert: «Mit jenen Besatzungsmitgliedern, die sich nicht gemeldet haben beziehungsweise über kein Zertifikat verfügen, sucht Swiss nun den Dialog, da sie ab Dezember nicht mehr für den Flugbetrieb eingesetzt werden können. Für sie besteht die Möglichkeit eines sogenannten «Ruhenden Arbeitsverhältnis» (RAV). Sämtliche Rechte und Pflichten, inklusive Versicherung, Pensionskasse und Flugvergünstigungen werden pausiert. Das RAV ist eine Art Austritt mit garantiertem Wiedereintrittsrecht.» Heisst: Sollten sich die Piloten innerhalb von sechs Monaten impfen, dürfen sie wieder fliegen.
Zurzeit sei noch niemanden gekündigt worden, sagt Müller. Logisch: Denn das geschieht erst im Rahmen des angekündigten Stufenverfahrens.

Wo ist die Pflichtverletzung?

Momentan versuche man mit der Swiss zu klären, inwiefern die Weigerung sich impfen zu lassen gegen den GAV verstosse, sagt der Pilot. «Darin steht nichts darüber, dass eine Weigerung sich zu impfen lassen zur Kündigung führt.» Auch von einer Pflichtverletzung sei nirgends die Rede. Einzig eine Gelbfieberimpfung sei bei Flügen auf den afrikanischen Kontinent vorgeschrieben.
Doch gemäss der Swiss – so geht aus internen Dokumenten hervor – sei diese Impfung notwendig für die «stabile Organisation» des Betriebes. «Willkürlich», nennt der Pilot diese Begründung. Schliesslich sei die Weiterführung des Betriebes bei der weit grösseren Muttergesellschaft Lufthansa auch ohne Impfpflicht möglich.

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Kerzen für das Grounding: Demo beim Flughafen Kloten. Bild: zvg

Im GAV für das Kabinenpersonal steht jedoch unter Artikel 19 tatsächlich: «Zur Verhütung von Erkrankungen kann Swiss International Airlines verlangen, dass Schutzimpfungen und andere prophylaktische Massnahmen vorgenommen werden.» Swiss interpretiert diesen Vertragssatz als Legitimation der Impfpflicht.
Dem halten die Rechtsvertreter der Piloten und des übrigen Flugpersonals entgegen, dass die Coronaimpfung nur provisorisch und im Eilverfahren zugelassen sei und viel höhere Nebenwirkungen nachgewiesen seien als bei einer Gelbfieberimpfung, die praktisch nebenwirkungsfrei sei. Diese potenziellen Nebenwirkungen der Covid-Impfung – wie Herzversagen – könnten die Flugsicherheit gefährden.

Swiss widerspricht BAG

Was weiter irritiert, ist das Vorgehen der Swiss bei schwangeren Angestellten des Kabinenpersonals. Sollten sich diese nicht impfen lassen wollen, werden sie in den Bodendienst versetzt. Dies obwohl das Bundesamt für Gesundheit (BAG) eine Impfung für Schwangere erst ab der 12. Woche (nach einem Drittel) der Schwangerschaft empfiehlt.
Mediensprecherin Müller sagt dazu: «Grundsätzlich werden für Schwangere wie auch für Personen, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können, individuelle Lösungen gefunden.» Dies habe keinen Einfluss auf die Lohnfortzahlung oder andere Vertragselemente und könne daher nicht mit Fliegendem Personal, welches sich nicht impfen lassen möchte, verglichen werden, sagt Müller.

Alles für die Firma getan

Weshalb diese unterschiedliche Handhabung aber bei der Lufthansa möglich ist und bei der Swiss nicht, will die Mediensprecherin nicht beantworten und verweist an die Lufthansa.
Einen weiteren Widerspruch gibt es in der Schweiz unter den Gewerkschaften. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund hält ganz klar fest: «Es darf keine allgemeine Impfpflicht für Arbeitnehmende eingeführt werden.» Die Gewerkschaft des Kabinenpersonals wiederum begrüsst das Impfobligatorium: «Die Impfpflicht entspricht dem GAV. Wir alle haben das irgendwann unterschrieben. Ich persönlich vor 21 Jahren», sagte Präsidentin Sandrine Nikolic-Fuss dem «Blick».
Für den betroffenen Piloten, der am Mittwochabend ebenfalls vor dem Operation Center 1 eine Kerze niederlegt, ist die Angelegenheit frustrierend. Er möchte sich nicht impfen lassen, weil er dem Impfstoff nicht voll vertraut. Doch er will auch wieder fliegen. «Wir haben alles für die Firma gemacht und würden das auch weiterhin tun.» Deshalb sei er auch hier in Kloten erschienen. «Wir wollen ein Zeichen setzen, dass wir da sind– und dass wir gerne fliegen.»

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