Ehrliche Klimapolitik: Kernkraft statt Netto-Null!

Ehrliche Klimapolitik: Kernkraft statt Netto-Null!

An der Klimakonferenz in Glasgow wurde in erster Linie Panik geschürt sowie der Eindruck erweckt, das Klima sei beliebig steuerbar. Das aber ist ein Irrtum – die Klimapolitik ist nicht ehrlich.

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von Peter Morf am 21.11.2021, 13:00 Uhr
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Gegen 40'000 Teilnehmer sind nach Glasgow an die Weltklimakonferenz gepilgert: Delegationen der Länder, Wissenschafter, Aktivisten, Beobachter, Journalisten und so weiter. Es kann davon ausgegangen werden, dass höchstens vereinzelte Teilnehmer klimaneutral angereist sind. Nicht wenige liessen es sich nicht nehmen, mit dem Privatjet von wo auch immer anzureisen. Viel klimaunfreundlicher geht gar nicht. Dennoch: Die verheerende Klimabilanz der An- und Rückreise war nirgends ein Thema – das ist nicht ehrlich.
Ebenso unehrlich war die permanente Panikmache durch praktisch alle offiziellen Delegationen und so genannten Fachleute. Stellvertretend dafür steht UNO-Generalsekretär Antonio Guterres, der gleichsam den unmittelbar bevorstehenden Weltuntergang an die Wand malte.

Falsche Prognosen

Der Weltuntergang wurde allerdings schon sehr oft prognostiziert. Man denke nur etwa an die Prognose des Club of Rome oder die düsteren Aussagen um das Waldsterben in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Die «Wissenschaft» war sich in beiden Fällen einig – und sie lag falsch. Das gilt auch für praktisch alle bekannten Klimaprognosen und Modelle.
Hinter der Panikmache steht implizit der Glaube an eine beliebige Steuerbarkeit des Klimas. Ausdruck davon ist das 1,5 Grad-Ziel, das um jeden Preis erreicht werden müsse. Demnach ist das Ziel mit beliebiger Genauigkeit erreichbar, auch in einem Zeithorizont von 30 Jahren, der CO2-Ausstoss muss einfach genügend gesenkt werden. Das ist Unsinn, niemand weiss heute, wie sich das Klima genau verhält, niemand weiss, wie es auf deutlich niedrigere CO2-Emissionen reagiert. Und niemand weiss vor allem, wie das angestrebte Netto-Null-Ziel erreicht werden kann. Dennoch wird es unablässig propagiert.

Untaugliche Subventionspolitik

Die Schweiz stimmte leider in den Kanon der Unehrlichkeit ein. Umweltministerin Simonetta Sommaruga schürte die Panik in Glasgow kräftig mit. Nach dem gescheiterten CO2-Gesetz soll es nun die Revision des Energiegesetzes richten. Dabei bleibt das Gesetz auf der falschen Spur: Die Subventionen für die erneuerbaren Energien sollen, wenn auch in einer leicht modifizierten Form, weitergeführt und gar ausgebaut werden. Dies obwohl ihr Leistungsausweis, höflich formuliert, höchst durchzogen ist.
Ein Soll/Ist-Vergleich zeigt dies deutlich auf. Trotz vielen Jahren der Subventionen erreichte die Fotovoltaik 2020 gerade einmal 7,7% der für 2050 angestrebten 33,6 Terawattstunden (TWh). Die bestehenden Kapazitäten müssten also um rund das 13fache gesteigert werden. In der Windkraft ist das Verhältnis noch krasser: 2020 wurden gerade einmal 3,4% der angestrebten 4,4 TWh erreicht. Die Produktion müsste also um das 30fache gesteigert werden. Und in der Geothermie, die in den offiziellen Strategien immer noch mitgeschleppt wird, war die Produktion 2020 Null – und das wird so bleiben.
Wie falsch und eben unehrlich die Subventionierung von Sonne und Wind ist, zeigt eine andere Zahl: Die Fotovoltaik kam im schweizweiten Durchschnitt 2020 gerade einmal auf 874 Volllaststunden, was einem Lastfaktor (bei 8760 Stunden pro Jahr) von nur etwa 10% entspricht. Der Wind kommt knapp auf die doppelte Zahl der Volllaststunden bzw. auf einen Lastfaktor von knapp 20%.

Speicher und Backup fehlen

Mit anderen Worten: In der verbleibenden Zeit ist man auf entsprechende Speicher- bzw. Backup-Kapazitäten angewiesen, die es beide vorerst nicht gibt. Und ein weiterer, subventionierter Ausbau von Sonne und Wind führt zu einem noch höheren Bedarf an Backup-Kapazitäten. Die entstehende Lücke kann in der Schweiz bei den gegebenen Voraussetzungen und in nützlicher Frist nur über den Bau von Gaskraftwerken gedeckt werden – womit das Netto-Null-Ziel vollständig obsolet wird. Die Schweiz tritt in das Zeitalter der fossilen Stromproduktion ein – und das unter dem Titel des Klimaschutzes!
Eine ehrliche Politik würde diese Zusammenhänge offen auf den Tisch legen und sich konsequenterweise vom Netto-Null-Ziel verabschieden, beziehungsweise auch ehrlich festhalten, dass es zur Erreichung des Zieles langfristig neuer Kernkraftwerke bedarf – die Planung müsste jetzt in Angriff genommen werden. Ehrlich wäre auch, sich vom klimapolitischen Glauben an die unbegrenzte Machbarkeit zu loszusagen. Stattdessen wäre ernsthaft zu überlegen, wie sich Gesellschaft und Wirtschaft auf ein wärmer werdendes Klima einstellen können. Das wäre der ehrlichere und vor allem auch der effizientere Weg.

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