Umfrage zeigt: Schulen ticken links

Umfrage zeigt: Schulen ticken links

Der Unterricht an Schweizer Volksschulen muss politisch neutral sein. Eine Umfrage unter Gymnasiasten zeigt jetzt ein anderes Bild: Die meisten Lehrer haben einen spürbaren Linksdrall. Das sehen selbst die linken Schüler so.

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von Philipp Gut am 9.12.2021, 13:30 Uhr
Regenbogenfahne als klarer Standpunkt: Gymnasien ticken links (hier eines in Wien). Foto: Keystone
Regenbogenfahne als klarer Standpunkt: Gymnasien ticken links (hier eines in Wien). Foto: Keystone
Es sind aufgeweckte junge Burschen – und mutig sind sie dazu: Mick Biesuz, Jan Suter und Fabian Zehnder von der Kantonsschule Baden haben in ihrer Maturarbeit die «politische Neutralität im Unterricht» untersucht. Dabei wurden im letzten Mai und Juni 530 Gymnasiasten aller Aargauer Mittelschulen in einer quantitativen Analyse befragt. Ergänzt wurde die Datenerhebung um qualitative Interviews mit Schülern, Lehrern und Politikern.
Das Resultat ist so eindeutig wie brisant: Der Unterricht an den Aargauer Mittelschulen wird von den Schülern nicht als politisch neutral bewertet. Rund ein Drittel oder mehr nimmt die Inhalte in Fächern wie Geschichte, Deutsch, Englisch oder Geografie als «eher links» wahr.
Dasselbe gilt, in noch stärkerem Ausmass, für die politische Orientierung der Lehrer. So stufen ganze 61,5 Prozent der befragten Schüler ihre Deutschlehrer als «links» oder «eher links» ein. Zum Vergleich: Der Anteil der als «rechts» betrachteten Lehrer ist verschwindend gering und beträgt nie mehr als 5,4 Prozent (im Fach «Wirtschaft und Recht»).

Linke Lehrer, linke Schüler

Die Einschätzungen der Aargauer Mittelschüler sind umso glaubwürdiger, als die Studienautoren auch die politische Orientierung der Umfrageteilnehmer erhoben haben. Dabei zeigt sich: Nicht nur die Aargauer Mittelschullehrer sind mehrheitlich «links» oder «eher links», sondern auch die Schüler selbst. 50 Prozent der Befragten ordnen sich diesem Spektrum zu. Als «rechts» bis «eher rechts» bezeichnen sich weniger als 20 Prozent.
Daraus kann man ableiten, dass die Wahrnehmung einer linken Lehrerschaft nicht etwa darin gründet, dass die Befragten selbst mehrheitlich rechts wären. Ganz im Gegenteil: Die deutliche Mehrheit der Gymnasiasten ist links – und auch sie nimmt den Unterricht in zahlreichen Fächern als tendenziell linkslastig wahr.

Klimastreik als Geschichtsunterricht

Allerdings – auch dazu liefert diese bemerkenswerte Maturaarbeit interessante Daten – neigen die Schüler mit zunehmendem Alter und zunehmender Reife (die Matura ist ja die «Reifeprüfung») stärker zum rechten politischen Lager. Dies besonders bei den Männern. Im Abschlussjahr sind es immerhin 40 Prozent. Die Frauen sind im Vergleich zu den männlichen Kollegen seltener rechtsorientiert.
Die Untersuchung der drei Maturanden bietet noch weitere Erkenntnisse. So zeigen sich deutliche Unterschiede bei der Frage, ob sich die Schule politisch zeigen solle. Die Schüler, die sich im rechten Spektrum verordnen, verneinen diese Frage zu 100 Prozent. Im linken Schülerlager ist die Ablehnung weniger ausgeprägt.
Das mag – neben einem gewissen missionarischen Weltverbesserungsdrang – auch mit den konkreten Erfahrungen im Schulalltag zu tun haben. So haben einzelne Schulen politische Aktionen gestartet, die klar links zu verorten sind (Teilnahme am Frauenstreik, schulfrei für Klimastreik, Gender-Plakate in Schulräumen etc.). Eine Klasse nahm sogar im Geschichtsunterricht an einem Klimastreik teil.
Eine Schülerin fragt in den qualitativen Interviews deshalb zu Recht, ob die Schulen denn auch schulfrei geben würden für «rechte» politische Demonstrationen, ganz zu schweigen von der Teilnahme einer ganzen Klasse.

«Rechte Parteien werden sehr runtergemacht»

Selbstverständlich sind die qualitativen Aussagen nicht repräsentativ, aber sie geben doch einen interessanten Einblick. «Die SVP und andere rechte Parteien werden hier sehr runtergemacht, was ich echt schade finde, da die politische Neutralität so nicht vorhanden ist», gibt eine Schülerin zu Protokoll. Eine andere weibliche Stimme sagt: «Ist man nicht links oder teilt man nicht dieselbe Meinung wie die Mehrheit, wird man entweder als rechtsradikal oder als Verschwörungstheoretiker beschimpft, was meiner Meinung nach komplett unangemessen ist.»
Ein Schüler, der sich selbst als «links» bezeichnet, merkt an: «Mittlerweile ist es leider nicht mehr nur die politische Meinung oder Ausrichtung, sondern die felsenfeste Überzeugung des Richtigen und die klare Abgrenzung von Richtigkeit und Falschheit, welche sich bei den Linken verankert hat. Das führt zu einer fühlbaren Abneigung gegen jede Form von rechten Meinungen oder schon nur Beiträgen.»
Damit beschreibt der Gymnasiast ein Klima der Intoleranz, das gerade die angeblich so Toleranten auszeichnet. Der Meinungskorridor wird immer enger, auch weil sich die Linke oft moralisch überlegen fühlt. Als Fazit sagt ein Schüler, der sich der politischen Mitte zuordnet: «Generell fällt auf, dass praktisch alle Lehrer eher links sind.»
Natürlich gibt es Ausnahmen und eine gewisse politische und weltanschauliche Vielfalt unter den Lehrern, doch sowohl die quantitative wie die qualitative Auswertung der Untersuchung lassen keine Zweifel offen, dass die Mehrheit der Aargauer Mittelschullehrer politisch (eher) links steht. Dies ist zumindest die Erfahrung der Schüler, sowohl der linken wie der rechten und auch derjenigen, die sich in der Mitte ansiedeln.

Selbstkritik der Lehrer? Fehlanzeige

Der erschütterndste Befund dieser Maturaarbeit ist aber die praktisch nicht vorhandene Einsicht der Lehrerschaft. Die Studienautoren haben mehreren Lehrern die Resultate vorgestellt und sie unter anderem gefragt, ob sie denn Handlungsbedarf sehen. Dies wird rundweg verneint.
Mehr noch: Die Lehrer gehen in die Gegenoffensive und bezweifeln, ob die Schüler genügend Kenntnisse über die Begriffe «links» und «rechts» hätten – und sie versuchen die Resultate der Umfrage durch angebliche methodische Mängel wegzudiskutieren.
Das ist ein starkes Stück, das die Verfasser denn auch in ihrem Schlusswort klar zurückweisen. Der Vorwurf falle auf die Lehrer selbst zurück: «Die Kantonsschulen würden unserer Meinung nach ihren Auftrag der politischen Bildung stark vernachlässigen, wenn stimmberechtigte Bürger*innen nicht einmal die Begriffe ‹politisch links› und ‹politisch rechts› kennen würden», schreiben sie. Auch seien sie verwundert über die Unfähigkeit der Lehrer zur «Selbstkritik».
Auch die Politik wird sich mit der Angelegenheit trotz der Verweigerungshaltung der Lehrer beschäftigen: Grossrat Adrian Schoop (FDP) hat ein Postulat eingereicht, in dem er den Regierungsrat dazu auffordert, weitere Daten auf repräsentativer Basis zu erheben. Sollte sich bestätigen, dass die politische Neutralität an den Aargauer Schulen systematisch verletzt wird, müsse der Regierungsrat handeln.

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