Ulrich Bräker und der Klimawandel

Ulrich Bräker und der Klimawandel

Sind die Unwetter der letzten Zeit eine Folge des Klimawandels? Eins steht fest: Wetterkatastrophen sind seit je eine Geissel der Menschheit. Ein Blick in Ulrich Bräkers Erinnerungen aus dem 18. Jahrhundert.

image
von Claudia Wirz am 22.7.2021, 07:00 Uhr
Die Idylle trügt. Vor der industriellen Revolution waren auch im Toggenburg Hunger und Elend allgegenwärtig. Auch und vor allem wegen Unwettern.
Die Idylle trügt. Vor der industriellen Revolution waren auch im Toggenburg Hunger und Elend allgegenwärtig. Auch und vor allem wegen Unwettern.
Der Sommer ist heiss – es muss der Klimawandel sein. Der Sommer ist kalt – es muss der Klimawandel sein. Der Sommer ist trocken – es muss der Klimawandel sein. Der Sommer ist nass – es muss der Klimawandel sein. Wenn Wetterereignisse die Schlagzeilen prägen, heizt sich die ohnehin hitzige Klimadebatte noch weiter auf.

Regen, Schnee und Sonne

Jedes Wetterphänomen wird dann als Zeichen für die menschengemachte Klimakrise gedeutet. Vor einem Jahr, als die Sonne eine Zeitlang ohne Unterlass vom blauen Schweizer Himmel schien, liess die Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr die Weltöffentlichkeit über Twitter wissen, dass ihr nicht etwa die Pandemie Sorgen bereite, sondern vielmehr der fehlende Regen. «Nächste Krise wartet am Horizont», schrieb sie, «wenn das so weiter geht, gute Nacht. Töss abgefischt, Sihlsee leer, Feuerverbot #Klimawandel».
Ein gutes Jahr später steht nicht nur Regierungsrätin Fehr mit festem Schuhwerk im Hochwassergebiet und inspiziert die Lage. Auch in Deutschland geizen die Politiker nicht mit Auftritten in der Krisenzone. Und es fehlt nie an Experten, die wissen: Das ist Klimawandel!
Ob und wie der Mensch für diese Phänomene verantwortlich ist, kann hier nicht geklärt werden. Tatsache aber ist, dass Wetterkatastrophen schon lange vor der Industrialisierung eine Geissel der Menschheit darstellten.
Einen Augenzeugenbericht hat uns Ulrich Bräker mit seinem Werk «Lebensgeschichte und Natürliche Ebenteuer des Armen Mannes im Tockenburg» überliefert, ein Juwel «plebejischer» Literatur, wenn man so will. Das Büchlein ist eines der äusserst seltenen Zeitzeugnisse aus dem Ancien Régime, die von Angehörigen des untersten Standes verfasst wurden. Ulrich Bräker, ein «blutarmer» aber schriftkundiger Mann aus Wattwil, Kleinstbauer und Garnhausierer, hat einiges über das Wetter und seine Folgen zu berichten.

Die heisshungrigen Jahre

Nehmen wir das Jahr 1770. Bräker, damals 35 Jahre alt und Vater von mehreren Kindern, setzt den Titel «Mein erstes Hungerjahr». Schon in den 1760er Jahren hatte es wegen Kälte und Nässe praktisch keinen Sommer gegeben. Es «rückten die heisshungrigen Siebenzigerjahre heran, und das erste brach ein, ganz unerwartet, wie ein Dieb in der Nacht», schreibt er. Im tief pietistisch geprägten Milieu Bräkers hatte man anderes erhofft. Seit 1760 gab es «in unseren Gegenden kein recht volles Jahr mehr.» Die Sommer waren nass. Die Winter kalt und lang und mit «grossem Schnee, sodass viel Frucht darunter verfaulte.» Was blieb, wurde 1768 und 1769 von schweren Hagelzügen zerschlagen. Und was folgte, waren eine massive Teuerung, eine brutale Hungersnot und zügellose Plünderungen durch die hungrige Landbevölkerung.
Auch 1770 lag «der Schnee auf der Saat bis im Mayen, so dass gar viel darunter erstickte». Doch das Schlimmste sollte erst noch kommen. «Nun brach der grosse Winter ein, der schauervollste den ich erlebt habe», schreibt Bräker zum Jahr 1771. Fünf Kinder hatte er mittlerweile und kein Verdienst. Die bescheidenen Kartoffelvorräte aus dem eigenen Gärtchen – geplündert oder aufgezehrt.
«Die Noth stieg um diese Zeit so hoch, dass viele eigentlich blutarme Leuthe kaum den Frühling erwarten konnten, wo sie Wurzeln und Kräuter finden konnten. Auch ich kochte allerhand dergleichen», schreibt er und schildert mit grösstem Schauder und Entsetzen, wie ein «erbarmenswürdiger Landsmann mit seinen Kindern von einem verreckten Pferd einen ganzen Sack voll Fleisch abgehackt, woran sich schon mehrere Tage Hunde und Vögel satt gefressen.» Lieber hätte er seinen eigenen Kindern frisches Laub serviert, als es dem Nachbarn gleichzutun.

Die Natur ist kein Idyll

Dem Hunger folgte «die rothe Ruhr», wohl eine Infektion mit Bakterien, der zwei von Bräkers Kindern zum Opfer fielen, ein Verlust den er nur schwer verkraftete. «Viele Wochen lang gieng ich überall umher wie der Schatten an der Wand (...) Der Jammer, Hunger und Kummer war damals im Land allgemein.»
Bräker blieb trotz härtester Arbeit und eines publizistischen Grosserfolgs ein Leben lang «blutarm». Er starb 1798 und damit vor dem ökonomischen Aufschwung der Schweiz. Letztlich war es ausgerechnet die Industrialisierung, die diese Art der nackten Not überwinden konnte. Eine Idylle ist die Natur für die Menschen nur dann, wenn der Bauch voll und die Wohnung gemütlich ist. Und wenn man Politiker ist und Gummistiefel hat.

Mehr von diesem Autor

image

Kampfbegriffe: Notstand

Claudia Wirz25.10.2021comments

Ähnliche Themen