Somms Memo

Ueli Maurer über den Konflikt zwischen Elite und Volk. Ein Gespräch

image 7. Oktober 2022, 10:04
Ueli Maurer, Bundesrat, im Gespräch mit der Basis. (Quelle: Keystone)
Ueli Maurer, Bundesrat, im Gespräch mit der Basis. (Quelle: Keystone)

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Die Fakten: Ueli Maurer stieg zum Bundesrat auf – obwohl er keine Universität besucht hat. Das ist selten. Seit 1848 waren 90 Prozent Akademiker.

Warum das wichtig ist: Elite versus Volk? Wenn es einer weiss, dann Maurer. Ein Gespräch über einen Graben, der tiefer wird: «Wir müssen aufpassen», sagt Maurer.


Irgendwie passte das Bild. Als Ueli Maurer (SVP) am vergangenen Freitag vor die Bundeshausmedien trat, um seinen Rückzug aus dem Bundesrat bekannt zu geben, sassen ihm etwa 15 Journalisten gegenüber, die, so vermute ich mit begründeter Plausibilität,
  • So gut wie alle Akademiker waren
  • Und sie fragten zwar routiniert, wenn auch etwas gelangweilt, vor allem mit einer gewissen Herablassung, schliesslich sind sie Akademiker, Maurer nicht
  • jeden Witz, jede ironische Bemerkung von Maurer nahmen sie mit strengem Blick zur Kenntnis. Niemand lachte, selbst wenn es lustig war. Man gab sich humorlos wie bei der Beerdigung eines Onkels, den man nie gemocht hatte, weil man glaubte, er verprügle seine Katzen

Als Maurer dann sagte, er könne mit einer Frau oder einem Mann als Nachfolger leben, solange es sich nicht um ein «es» handle, spürte man, wie im Saal eine eigenartige Mischung von gespieltem Schock und Jagdfieber aufkam
  • Transphob! Wie kann er nur!
  • Er ist eben doch ein Bundesrat der SVP, der eidgenössisch diplomierten Grüselpartei (EDG)

Am Ende tat Maurer den Journalisten gar den Gefallen, sie zu kritisieren. Er lese sie nicht mehr, sondern nur den Teletext, Seite 104. Übersicht der Inland-Nachrichten.
  • Wer die am leichtesten beleidigte Berufsgruppe des Kontinents beleidigt, weiss, dass er nichts mehr zu verlieren hat – denn er tritt ja zurück
  • So beleidigt die Journalisten wohl waren, so erleichtert wirkten sie auch: Maurer, der Simpel, liest nicht einmal Zeitungen. Wir haben es immer gewusst

Das Verhältnis der Medien zu Maurer, und sein Verhältnis zu ihnen ist schon lange zerrüttet. Das ist symptomatisch.
  • Es geht nicht nur um Politik. Hier die linken Journalisten – dort der rechte Politiker
  • Sondern um eine neue Art des Klassenkampfes
  • Hier die Akademiker mit ihrer sonderbaren, neuerdings politisch korrekten, oft schwer verständlichen Sprache – dort die «normalen» oder «einfachen Leute», die oft das Falsche sagen, weil sie das Falsche denken, zumal sie falsch leben. Man nennt das dann «Hetze», «Rechtspopulismus», «Sexismus» oder «Rassismus»

Für sie steht stellvertretend Ueli Maurer.
Was sich im Medienzentrum des Bundeshauses zutrug, ist ein Drama, das sich im ganzen Land abspielt. Das Drama des ungeliebten Volkes.
Wenn es einer kennt, dann Maurer, der KV-Absolvent, der ehemalige Volg-Geschäftsführer, der langjährige Parteipräsident der Volkspartei, der Bundesrat ohne Matura in einer Regierung der Diplomierten, Doktorierten und Studierten.

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Ueli Maurer, Bundesrat seit 2008. Eer hat seinen Rücktritt auf Ende Jahr angekündigt. (Quelle: Keystone)

Maurer:
«Kleinere oder einfachere Leute haben zunehmend das Gefühl, sie werden nicht mehr ernst genommen. Selbst in unserem Land.»
Dabei beobachtet der Finanzminister eine Art innere Emigration:
«Viele trauen sich nicht mehr, laut zu sagen, was sie denken. Mir sagen sie es dann. Am meisten fiel mir das in der Corona-Zeit auf. Jede abweichende Meinung war verboten. Jetzt dürfen die einfachen Leute auch nicht mehr reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.»
Die Folgen sind unerfreulich. Viele machen die Faust im Sack, stimmen gar nicht mehr ab, auch weil sie das Abstimmungsbüchlein überfordert. Was diese Leute oft erleben, so glaubt Maurer, ist eine neue Ungerechtigkeit, nicht die soziale, von der die Linke spricht, sondern eine kommunikative:
«Wenn jemand allerdings etwas sagen darf, – so empfinden es diese Leute –, dann sind es die Studierten und die Reichen – denen man dann selbst in unseren gut-bürgerlichen Kreisen anfängt zu misstrauen. Das ist eine gefährliche Entwicklung
Was für die Medien gilt, wo akademisch geschulte Journalisten den Ton angeben, was in der Verwaltung festzustellen ist, wo die Doktoren-Dichte mittlerweile höher ist als an den Spitälern, oder was in der Öffentlichkeit überwiegt – der imposante Sound des akademischen Jargons: Die neue Klassengesellschaft macht sich auch im Parlament breit.


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Insbesondere die Linke ist eine Linke der Akademiker geworden. Die neuen herrschenden Kreise. Wäre da nicht die SVP, das ganze Parlament würde wohl bald eher einem Seminar an einer Hochschule gleichen,
  • wo gescheite Leute sich über den Geschlechterunterschied unterhalten würden, wie Römer und Römerinnen den Untergang ihres Reiches erfahren haben
  • Früher war die SP die Partei der kleinen Leute, jetzt ist es die SVP

Das bestätigt Maurer:
«Die Parteien haben sich in dieser Hinsicht verändert. Unsere Partei, die SVP, ist auch deshalb die grösste geworden, weil wir uns der ‹kleinen Leute› annehmen und auf ihre Anliegen hören. Gleichzeitig sprechen wir auch viele Vermögende an. So sind wir dann beides: eine bürgerliche Volkspartei, die alle Schichten, oben und unten, für sich gewinnt.»
Wenn Maurer sich jetzt aus dem Bundesrat zurückzieht, wird auch er aller Wahrscheinlichkeit nach durch einen Akademiker ersetzt. Selbst die SVP ist vor der Akademisierung nicht gefeit. Gerade für diese Partei, die davon lebt, die Partei der Verschnupften, Verstossenen und Überhörten zu sein, ein Risiko, wie es die übrigen Parteien gar nicht mehr kennen.
Maurer warnt:
«Ich höre so viel an der Basis. Gerade eben am Schwingfest. Da kommen sie dann zu mir und sagen: Gut haben wir dich in dieser Partei, sonst haben wir ja nur noch die ‹wichtigen Cheibe›. Obwohl ich Bundesrat bin, werde ich ein wenig wie ein Teil der Basis wahrgenommen. Da müssen wir auch als Partei aufpassen, dass wir uns nicht zu einseitig nur noch um die eine oder andere Schicht kümmern. Wir sind keine Partei für Millionäre – sondern wir schauen, dass es allen gut geht, den Millionären und den einfachen Leuten.»
Elite versus Volk. Müssen wir uns vorsehen? Vermutlich schon. Und dann wieder nicht.
Wenn es ein Land gibt, wo noch jede Elite an der Renitenz und Verschlagenheit ihres Volkes verzweifelt ist, dann die Schweiz. Maurer selbst hat 14 Jahre lang dafür gesorgt, dass diese Eigenschaften in der höchsten Landesbehörde vertreten waren.
Er war – um es landwirtschaftlich auszudrücken – unser Bullshit Detector in einer Zeit des grassierenden Bullshits.
Vor den übrigen Politikern hat schon Karl Kraus, der grosse österreichische Autor, gewarnt:
«Kann ich dafür, dass die Halluzinationen und Visionen leben und Namen haben, und zuständig sind?»

Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende
Markus Somm

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