Somms Memo

Truss oder Sunak? Egal. Boris bleibt der Star.

image 5. September 2022, 10:00
Rishi Sunak und Liz Truss: Kandidaten für das höchste Amt im Lande Shakespeares.
Rishi Sunak und Liz Truss: Kandidaten für das höchste Amt im Lande Shakespeares.
Die Fakten: Liz Truss dürfte heute zur Parteichefin der Tories aufsteigen und damit die neue Premierministerin von Grossbritannien werden.
Warum das wichtig ist: Kann es Liz Truss? Glaubt man Umfragen, trauen die meisten Briten ihr das Amt nicht zu. Es kommen unruhige Zeiten auf ein unruhiges Land zu.
Heute, um 12 Uhr 30, (also 13 Uhr 30 unsere Zeit) wird in London bekannt gegeben, wen die konservativen Parteimitglieder zu ihrem neuen Chef gewählt haben.
  • Wahlberechtigt waren rund 160 000 Tories im ganzen Land, die in den vergangenen Wochen zu entscheiden hatten, wer die Partei führen soll, nachdem Boris Johnson am 7. Juli seinen Rücktritt erklärt hatte. Seit dem 12. Juli konnten sie ihre Stimme abgeben, entweder per Post oder Online, was ein Novum war
  • Indirekt bestimmten sie damit auch den nächsten Premierminister, denn die Tories verfügen über eine klare Mehrheit im Parlament. Die nächsten Wahlen finden erst im Januar 2025 statt
  • 160 000 Tories wählten also den Premierminister. Für eine sehr alte Demokratie wie die britische doch ein merkwürdiges Prozedere. Das Land hat 67 Millionen Einwohner, davon sind 46 Millionen Wähler
Merkwürdig, wenn nicht undemokratisch, zumal selbst die Auswahl, die man diesen 160 000 Tories vorlegte, begrenzt war. Nur zwei Kandidaten standen offiziell zur Verfügung, – nachdem die Parlamentsfraktion vorher in mehreren Wahlgängen eine Short List zusammengestellt hatte.
Soll man sie Wunschliste nennen, wie sie Kinder vor Weihnachten dem Christkind zustellen, oder doch eher eine Einkaufsliste, wo die Mutter oder der Vater den Kindern aufträgt, was genau sie heimzubringen haben? Und ja nicht das Rückgeld vergessen!
Wenn schon eine Wahl, dann nur eine, wo nichts anbrennen konnte. Faktisch schrieb die Partei ihren Mitgliedern vor, welche Kandidaten ihr genehm waren:
  • Liz Truss, 47, aufgewachsen in Oxford, Schottland, Kanada und Leeds, Eltern: ein Mathematikprofessor und eine Krankenschwester/Lehrerin, die beide, so Truss, «linker als Labour» standen. Truss studierte in Oxford Philosophie, Politik und Ökonomie (PPE, ein Modefach unter angehenden Politikern)
  • Rishi Sunak, 42, aufgewachsen in Southampton als Kind indischer Eltern, die aus Ostafrika nach England eingewandert waren; der Vater ein Hausarzt, die Mutter eine Apothekerin mit eigenem Geschäft. Sunak studierte in Oxford PPE und machte an der Stanford University (Kalifornien) einen MBA
Wie diese vorgekostete, wohl abgeschmeckte Wahl auch ausgeht, den Tories scheint das Resultat nie mehr munden zu wollen.
Der Fluch der bösen Tat. Die Rache des Koches, der statt Pfeffer Gift in die Suppe gestreut hat.
Es plagt die Tories eine Art schlechtes Gewissen. Nachdem sie wochenlang – auch auf dem Land – geklagt hatten, Boris Johnson hätte sie bodenlos enttäuscht, scheinen sie heute eher enttäuscht von sich selbst und ihren Parteichefs.
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Boris Johnson, abtretender britischer Premierminister.
Denn Boris Johnson war kaum je beliebter, als jetzt, da er sich um seine Beliebtheit, nach der er stets so verlangt hatte, nicht mehr zu kümmern braucht. Er bleibt der Star.
  • 46 Prozent der konservativen Parteimitglieder, die in den vergangenen Wochen für einen neuen Parteichef gestimmt haben, hätten wieder Johnson gewählt, wäre er zur Wahl gestanden. Das zeigt eine jüngste Umfrage
  • Im Vergleich zu «Boris», wie er jetzt wieder zutraulich genannt wird, fallen die beiden offiziellen Kandidaten deutlich ab
  • Liz Truss: 24 Prozent, Rishi Sunak: 23 Prozent
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Wenn man gleichzeitig eine Stichprobe aller Briten befragt – nicht bloss die Konservativen unter ihnen –, dann erhält man noch erstaunlichere Antworten:
  • 68 Prozent der Briten finden, Johnson mache als Premierminister einen guten Job. Das sagten sie am 29. August 2022, also vor wenigen Tagen
  • Ebenso gilt er gemäss Umfragen nach wie vor als der beliebteste konservative Politiker des Landes
Die spinnen, die Briten, um es mit Obelix zu sagen, der sich seinerzeit, als er und Asterix sie besuchten, nie an die seltsamen Gebräuche der alten Briten gewöhnen konnte, (unter anderem daran, dass sie ihr Wildschwein kochten und in Pfefferminzsauce servierten).
Boris Johnson tritt ab – auf dem Höhepunkt seiner Popularität offenbar – aber gestürzt, weggelobt, wegbefördert, anders kann man es nicht sagen, von einer Mehrheit seines Kabinetts und seiner Fraktion in Westminster, dem britischen Parlament.
  • Verloren hat er keine Wahl
  • verurteilt wurde er wegen keines Verbrechens
  • er wurde mit einer Geldbusse bestraft, weil er die Regeln seiner eigenen Corona-Politik gebrochen hatte
Als er dann noch (ein weiteres Mal) des Flunkerns oder Lügens oder Schönredens überführt wurde, eine Sünde, die viele Politiker kennen, war es genug: Die Tories in Westminster verloren die Nerven und drängten ihn zum Rücktritt.
Vermutlich sinnt der Mann nun auf Revanche, selbstverständlich glaubt er an sein Comeback. Wenn ich an seine möglichen Nachfolger denke, dann mit gutem Grund.
Alle Umfragen deuten zwar darauf hin, dass Truss in der Gunst ihrer Partei vorne liegt, doch die gleichen Umfragen zeigen: Die Briten sind von ihr nicht beeindruckt, und sicher nicht «amused», wie die Queen das ausdrücken würde.
Truss, ursprünglich eine Liberaldemokratin, dann eine Remainerin, also eine Gegnerin des Brexits, jetzt sich aber als eine brutale Rechte gebend, die den Brexit vollenden will, wendet sich offenbar immer zu jener Seite hin, wohin der Zeitgeist sie lockt.
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Das war vielleicht das Geheimnis von Boris, wofür ihn die Leute liebten. Dass er geliebt werden wollte, machte er so deutlich, dass man ihm selbst den Opportunismus, den er oft ebenso bewies, immer verzieh. Boris, das liebe, lustige Kind.
Was er aber unterschätzte, war die Folge seiner besten Politik. Den Brexit verziehen ihm gewisse Leute nie – er mochte noch so lustig reden. Am Ende fehlte es ihm an Ernsthaftigkeit.
Ausgerechnet sein grosses Vorbild, Winston Churchill, der ebenso lustig sein konnte, zeigte Ernst, wenn es darauf ankam:
Lady Astor zu Churchill, als sie neben ihm an einem Tisch sass und sich offenbar unwohl fühlte:
«Wenn ich mit Ihnen verheiratet wäre, würde ich Gift in Ihren Kaffee geben.»
Churchill: «Und, wenn ich mit Ihnen verheiratet wäre, würde ich es trinken

Ich wünsche Ihnen einen guten Wochenbeginn Markus Somm

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