Trotz Corona: Schweizer Waffen-Boom geht weiter

Trotz Corona: Schweizer Waffen-Boom geht weiter

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von Serkan Abrecht am 17.5.2021, 13:35 Uhr
Herr und Frau Schweizer kaufen munter weiter Waffen: Eine zugelassene Faustfeuerwaffe der Marke «Glock». Bild: Shutterstock.
Herr und Frau Schweizer kaufen munter weiter Waffen: Eine zugelassene Faustfeuerwaffe der Marke «Glock». Bild: Shutterstock.
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In den letzten Jahren haben immer wie mehr Schweizer Waffenerwerbsscheine beantragt. Der Trend zeigt weiterhin nach oben.

Schusswaffen gehören zur Eidgenossenschaft, wie der Käse, das Matterhorn oder die Schokolade. Über zwei Millionen Waffen gibt es in privaten Haushalten, so schätzte die Landesregierung vor einigen Jahren. Rein statistisch gesehen, ist das eine Waffe auf jeden vierten Einwohner. Doch es werden wohl etliche mehr sein, da es erst seit 2008 eine Registrierungspflicht für Schusswaffen gibt.
2015 vermeldete die «Sonntagszeitung» einen Zuwachs der ausgestellten Waffenerwerbsscheine. Von einem «Waffen-Boom» aus Angst vor Terroranschlägen schrieb der «Blick». Innerhalb eines Jahres wurden knapp 30’000 Erwerbsscheine ausgestellt. Das waren ganze 17 Prozent mehr als 2014. Wie Recherchen des «Nebelspalters» nun zeigen, hat der Trend auch Jahre danach nicht abgenommen. Auf Anfrage haben 24 der 26 Kantone ihre Zahlen bekannt gegeben (es fehlen die Kantone Waadt und Appenzell Innerrhoden).
Der Waffenbesitz hat Tradition in der Schweiz – und sie wird weitergeführt. So wurden im Corona-Jahr 2020 von den 24 Kantonen 27'533 Waffenerwerbsscheine (WES) ausgestellt. Das Jahr zuvor gilt mit seinen 35'322 ausgestellten wohl als Rekordjahr. Nicht mitgezählt ist hier die Ausnahmebewilligung, die beispielsweise für Besitzer einer halbautomatischen Waffe mit einer Magazingrösse von über 10 Schuss anfällt, seit die Schweiz die neue EU-Waffenrichtlinie angenommen hat. Die Zahlen für das Jahr 2020 sind nicht abschliessend und es könnte sich um noch mehr Waffenkäufer handeln.

Keine Zunahme an Waffendelikten

Trotz den steigenden Zahlen von Waffenbesitzern, steigt die Anzahl von Schusswaffendelikten (Tötungen, Suizide) nicht an, sondern ist seit Jahrzehnten sinkend. Auch international befindet sich die Schweiz bei den Tötungsdelikten am Tabellenende – bei privatem Waffenbesitz ist sie hingegen ganz vorne mit dabei. Einen Zusammenhang zwischen Waffenbesitz und Schusswaffenkriminalität, wie er von der Politik immer wieder suggeriert wird, geht aus den Zahlen nicht hervor.
Herr und Frau Schweizer kaufen also munter weiter Waffen. Aber ist der islamische Terrorismus in Europa wirklich der Anlass dazu? «Die steigende Terrorgefahr ist als Erklärung sicher zu kurz gegriffen. Aber sie dürfe schon eine Rolle spielen», sagt Luca Filippini, Präsident des Schweizer Schiesssport Verband. «Mir ist zum Beispiel eine Studie bekannt, die zeigt, dass nach dem schwulenfeindlich motivierten Terroranschlag auf den Pulse-Nachtclub in Orlando in den USA deutlich mehr Angehörige sexueller Minderheiten Anträge auf Erwerbs- und/oder Tragbewilligungen stellten. Eine grössere Rolle spielt aber vermutlich die Zunahme der Gewaltkriminalität im Allgemeinen.»

«Ich kann die Zunahme von Waffenkäufern nachvollziehen.»

Daniel Wyss, Schweizerischer Büchsenmacher- und Waffenhändlerverband.

Seit 2015 würden schwere Gewalt- und Sexualvebrechen sowie Angriffe auf Beamte deutlich zunehmen. «Korrelation ist natürlich nicht Kausalität, aber der entsprechende Schluss ist naheliegend.»
Dafür spricht, dass sich Leute in der Stadt zum Teil mehr bewaffnen würden als auf dem Land. So schrieb die «Basler Zeitung» vor knapp drei Jahren, dass auf jeden fünften Baselstädter eine private Schusswaffe fallen würde. Im Kanton Baselland sei es nur jeder Siebte.

Branche begrüsst die Zunahme

Die Ergebnisse der Recherche des «Nebelspalters» haben Filippini überrascht: «Diese Entwicklung ist bemerkenswert. Es ist ja so, dass infolge der neuerlichen Verschärfung des Waffengesetzes nun für viele gängige Feuerwaffen eine Ausnahmebewilligung beantragt werden muss. Aus diesem Grund kann es gut sein, dass 2020 noch mehr Anträge auf eine Erlaubnis zum Erwerb einer Feuerwaffe gestellt wurden als 2019. Und das im Coronajahr!» Zwar gab es im 2019 mehr WES-Bewilligungen als im Coronjahr, jedoch sind diese Zahlen mit Vorsicht zu geniessen. Der Kanton Bern beispielsweise schreibt: «Hierbei gilt es anzumerken, dass teilweise im 2020 gestellte Gesuchsverfahren noch hängig sind.»
Die Zunahme an Waffenkäufern freut vor allem Branchenkenner und Händler. Daniel Wyss betreibt einen Waffenladen in Burgdorf und ist Mitglied des Schweizerischen Büchsenmacher- und Waffenhändlerverband. «Ich kann die Zunahme von Waffenkäufern nachvollziehen.» Er sagt, dass der Waffenbesitz zum Selbstverteidigungszweck legitim sei: «Die meisten Gewaltdelikte dauern keine 30 Sekunden, die Reaktionszeit der Polizei ist ein Vielfaches. Das in der Politik leider immer noch oft verbreitete Narrativ, mehr Waffen bedeute mehr Gewalt, ist längst widerlegt.» Gerade neuere Untersuchen würden zeigen, dass Waffen in gesetzestreuen Händen eine kriminalitätsdämpfende Wirkung hätten. «Angesichts positiver Erfahrungen mit dem bedürfnisnachweisfreien verdeckten Tragen in Tschechien, Estland, Litauen und vielen US-Bundesstaaten sollte vor dem Hintergrund der steigenden Unsicherheit im öffentlichen Raum auch darüber nachgedacht werden, das verdeckte Waffentragen anders zu regeln als das offene.»

Momentane Gesetze seien verfassungswidrig

In der Schweiz ist zwar der Erwerb und der Besitz einer Waffe ziemlich unkompliziert möglich. Das Tragen einer Waffe im Alltag ist jedoch verboten. Es können unter bestimmten Bedingungen Ausnahmebewilligungen erteilt werden, doch die kommen in der Regel selten vor. Bekannt ist hierzu ein Urteil des Bundesgerichts von 2002. Damals wollte ein Basler einen Waffentragschein erhalten, da er sich bedroht fühlte. Der Mann war homosexuell und wurde von einer homophoben Bande mit Benzin übergossen und angezündet. Er erlitt bleibende Verletzungen. Deshalb beantragte er einen Tragschein um sich zukünftig gegen solche Übergriffe schützen zu können. Dafür zog er bis vors Bundesgericht, das ihn als letzte Instanz jedoch abkanzelte. Die Richter argumentierten, dass er die «Hotspots» an denen sich die Homosexuellen treffen würden, meiden könne.
Aber werden die heutigen gesetzlichen Verordnungen und Massnahmen den Bedürfnissen der anscheinend wachsenden Zahl von Waffenerwerber gerecht? Definitiv nicht, meint Filippini: «Sie werden nicht einmal der Verfassung gerecht.» Die verfassungsmässige Grundlage für das heutige Schweizer Waffengesetz sei der 1993 angenommene Artikel 40 der alten Bundesverfassung. Darin steht: «Der Bund erlässt Vorschriften gegen den Missbrauch von Waffen, Waffenzubehör und Munition.» Derselbe Satz ist in der aktuellen Bundesverfassung unter Artikel 107 zu finden.
«Vor der Abstimmung machten beide Kammern des Parlamentes eindeutig klar, dass dieser Artikel nicht zur Kontrolle oder Regulierung des Gebrauchs von Waffen befuge, sondern bloss zur Verhinderung von Missbrauch. Flächendeckende Waffen- und Zubehörverbote, wie wir sie heute leider kennen, sind dementsprechend klar verfassungswidrig.»
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