Tritt Boris Johnson zurück?

Somms Memo #83

image 13. April 2022, 10:00
Boris Johnson, Premierminister von Grossbritanien.
Boris Johnson, Premierminister von Grossbritanien.
Die Fakten: Boris Johnson ist für seine Gesetzesbrüche während der Corona-Krise gebüsst worden. Er ist der erste britische Premierminister, dem dies widerfährt.
Warum das wichtig ist: Tritt er zurück, bleibt er? Keine Frage spaltet die britische Öffentlichkeit mehr. Selenski dürfte ihn retten.
Als Boris Johnson am vergangenen Samstag mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski durch die Strassen von Kiew spazierte und Passanten ihn mit Lob und Geschenken überraschten, erlebte er, was er in den letzten Monaten eher selten erfahren haben dürfte: Er konnte sich wieder einmal für einen richtig beliebten Politiker halten.
  • «You are the leader of the free world!», jubelten sie ihm zu
  • «I’m so happy, Boris. Oh my God, I love the UK!»
In London käme das kaum jemandem mehr in den Sinn. Die Briten sind enttäuscht. Wie sehr enttäuscht sie sind, mag man daran erkennen, dass sie nicht einmal mehr Witze über Boris machen. Boris, who? Den Briten ist der weltberühmte Humor vergangen.
Partygate heisst die Krise, die seit Monaten Boris Johnson zersetzt.
Am Dienstag wurde bekannt, dass er, aber auch seine Frau Carrie oder Rishi Sunak, der Schatzkanzler, nun Geldbussen zahlen müssen für diverse Regelbrüche während der Corona-Zeit, – sie haben Regeln gebrochen – und das macht es für die Briten so schwer erträglich –, die sie selbst aufgestellt hatten.
Am 19. Juni 2020 zum Beispiel kam Johnson nach dem Mittagessen ins Büro an der Downing Street, wo seine Entourage und einige Minister sich versammelt hatten:
«Happy Birthday, dear Boris, Happy Birthday to you!», sangen sie und stiessen auf den Premierminister an. Boris war 56 Jahre alt geworden. Und war doch immer noch nicht erwachsen.
Denn im ganzen Vereinigten Königreich herrschte einer der strengsten Lockdowns von Europa, und genau solche Veranstaltungen, wie etwa ein Geburtstagsfest, hatte die Regierung allen Untertanen untersagt.
  • Die Briten durften ihre alten Eltern nicht mehr besuchen, die im Altersheim vereinsamten
  • den Briten war das Pub verwehrt, das Theater, das Kino, alles, was Freude machte
  • und wenn jemand starb, dann durfte man ihn auch nicht anständig beerdigen
Die Regierung gab zahllose Kampagnen in Auftrag, auf einem Poster sah man eine Frau unter dem Beatmungsgerät, wie sie fast erstickte. Und die Regierung warnte:
«Look her in the eyes and tell her you never bend the rules»
Schau ihr in die Augen und versprich ihr, dass Du nie die Regeln brichst.
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Poster der britischen Regierung.
Die gleiche Regierung brach die Regeln, als hätte sie nie davon gehört. Am Morgen nahm sie das Poster ab, am Nachmittag feierte sie die am Vortag verbotenen Feste, Abschiede, Geburtstage oder sonst, was immer es zu feiern gab.
Vom alten englischen Protestantismus, wo man das Brot tagelang liegen liess, damit es hart genug war, um ja keine gottlose Gaumenfreude auszulösen, war nichts mehr zu spüren.
Whitehall, wie das britische Regierungsviertel auch genannt wird, war zu einer einzigen Studenten-WG verkommen. Ewige Jugend.
Als Carrie Johnson es nach Monaten der Intrige fertiggebracht hatte, Dominic Cummings, den engsten Berater ihres Mannes, zu entfernen, lud sie ihre Mitverschwörer an die Downing Street ein. Man stellte ein Karaoke-Gerät an und sang Lieder von ABBA, eine schwedische Pop-Band der 1970er Jahre:
  • The winner takes it all (hiess es auf der Einladung)
  • Dancing Queen (so nennt die britische Presse seither Johnsons Frau)
Kindsköpfe an der Macht.
Überlebt Boris Johnson?
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Wenn es nach den Umfragen ginge, wäre Johnson schon gestern Geschichte. Eine Mehrheit der Briten verlangt seinen Rücktritt. Da aber erst 2024, also in zwei Jahren, Parlamentswahlen anstehen, müsste es Johnsons eigene Partei sein, die ihm das Vertrauen entzöge, um ihn ins Pfefferland zu schicken.
Doch die Konservativen stecken im Dilemma. Wer sollte auf Johnson folgen? Dass sein Schatzkanzler und Rivale Sunak zur gleichen Zeit gebüsst wurde (für die Geburtstagsparty von Boris), macht die Sache noch verzwickter. Ausserdem kam er vor wenigen Tagen selbst unter Druck, nachdem ausgekommen war, dass seine (sehr reiche) Frau Steuern optimiert hatte. Nichts Illegales, aber auch nichts, was ihn gerade jetzt als Premierminister empfehlen würde.
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Am Ende rettet Selenski seinen neuen britischen Freund.
Wenn die Briten nämlich etwas anerkennen, dann die Tatsache, dass Boris Johnson das Vereinigte Königreich zum wohl besten Verbündeten der Ukraine gemacht hat. Niemand hilft der Ukraine zurzeit grosszügiger und wirkungsvoller. Das haben die Kiewer Passanten schon richtig verstanden – und die Briten sind stolz darauf:
  • Grossbritannien hat der Ukraine mehr Waffen und Material geschickt als fast jedes andere Land
  • Seit 2015 beraten britische Offiziere die ukrainische Armee
  • Johnson ist ein Hardliner, was Sanktionen gegen Russland anbelangt. Er drängt den Westen, den russischen Energiesektor vollständig zu boykottieren

Jeden Tag, so hört man, soll Johnson mit Selenski telefonieren. Und jedes Telefongespräch höre sinngemäss etwa so auf: «Pass auf Dich auf!», sagt Johnson: «Das ist nicht das letzte Mal, dass wir miteinander sprechen.»
Der ehemalige Comedian Wolodimir Selenski und Boris Johnson, den seine Gegner auch als Clown bezeichnen, kommen bestens miteinander aus. Auch in ernsten Zeiten.
Oder wie es Peter Ustinov, der britische Schauspieler, schon wusste:
«Comedy ist einfach eine lustige Art, ernst zu sein.»

Ich wünsche Ihnen einen heiteren Tag Markus Somm

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