Organspende

Transplantations-Gegner: «Die Organentnahme ist eine Tötung»

image 25. Januar 2023, 05:00
Lebt nach einer Transplantation ein Teil des Spenders in einem anderen Körper weiter? Transport von Spendeorganen am Universitätsspital Genf, 2022. Bild: Keystone
Lebt nach einer Transplantation ein Teil des Spenders in einem anderen Körper weiter? Transport von Spendeorganen am Universitätsspital Genf, 2022. Bild: Keystone
Ende Dezember hat der Bund die Kampagne «Regeln statt aufschieben» zur Organspende gestartet. Die Bevölkerung wird aufgerufen, sich schriftlich festzulegen, ob sie im Todesfall Organe spenden will (siehe hier). Ein entschiedener Gegner jeder Organspende am Lebensende ist Alex Frei. Der 68-jährige Arzt war Sprecher des Referendumskomitees gegen das neue Transplantationsgesetz, welches das Volk im letzten Mai mit 60 Prozent Ja-Stimmen gutgeheissen hat (siehe hier und hier). Gemäss dem Gesetz kommen neu alle Personen als Organspender in Frage, die sich nicht zu Lebzeiten dagegen ausgesprochen haben (Widerspruchslösung). Zudem ist Alex Frei Vizepräsident des Vereins Äpol (Ärzte und Pflegefachpersonen gegen Organspende am Lebensende), der ein Verbot von Organspenden am Lebensende verlangt (siehe hier). Dem Netzwerk gehören Ärzte, weitere Personen aus dem Gesundheitswesen sowie Juristen und Philosophen an.

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«Es gibt in einer Gesellschaft Grenzen, was zulässig ist»: Arzt und Organspende-Gegner Alex Frei. Bild: ZVg

Alex Frei, was halten Sie von der Organspende-Kampagne «Regeln statt aufschieben»?
Die Kampagne propagiert wie schon frühere solche Aktionen einen simplen Ja-Nein-Entscheid. Die Bevölkerung wird aber nicht wirklich über das Thema Organspenden aufgeklärt. Denn was der Bund an entsprechenden Informationen bereitstellt, reicht bei weitem nicht aus für einen fundierten Entscheid.
Was fehlt?
Es fehlt zum Beispiel jede Information, dass es zwei Arten von Organspenden gibt: diejenige nach dem primären Hirntod und diejenige nach dem sekundären Hirntod, der durch einen Herzstillstand ausgelöst wird. Im zweiten Fall wird schon nach fünf Minuten nach dem Herzstillstand mit der Organentnahme begonnen.
Und sonst?
Es wird nicht kommuniziert, dass im ersten Fall, also nach dem primären Hirntod, das Herz weiterhin schlägt. Das Herz muss darum vor der Entnahme gelähmt werden. Dann wird es aus dem Körper geschnitten. Man müsste den Leuten sagen, dass ein Hirntoter wie ein Schlafender aussieht, weil er einen Puls und einen warmen Körper hat. Der Abschied vor einer Organentnahme kann darum für die Angehörigen entsprechend schwierig sein. Auch müsste man die Bevölkerung darüber aufklären, dass die Spender vor der Organentnahme eine Narkose erhalten. Ansonsten könnte es beim Aufschneiden des Körpers zu einem Anstieg des Blutdrucks, kaltem Schwitzen, tränenden Augen sowie Arm- und Beinbewegungen kommen. Das sind vom Rückmark gesteuerte Reaktionen auf Schmerzen. Gemäss Lehrmeinung können diese Schmerzen nicht mehr gespürt werden, weil das Hirn zu diesem Zeitpunkt schon ausgefallen ist. Wissenschaftlich beweisen lässt sich das aber nicht.
Das Ziel Ihres Vereins Äpol ist, dass Organspenden am Lebensende verboten werden. Wenn Sie dieses Ziel erreichen, würden Sie sich über den Willen der spendewilligen Menschen hinwegsetzen.
Das stimmt durchaus. Man würde zum Schluss kommen, dass die Organspende am Lebensende so problematisch ist, dass die Gesellschaft grundsätzlich darauf verzichten muss.

«Den Spendern werden die Organe bei lebendigem Leib aus dem Körper geschnitten.»


Kann man den Entscheid, ob man spenden will, nicht jedem Einzelnen überlassen?
Nein. Denn es gibt in einer Gesellschaft Grenzen, was zulässig ist. Es gibt ein absolutes Verbot der Tötung eines Menschen, und eine Organentnahme ist eine Tötung. Denn Organspender sind bei der Organentnahme noch nicht tot. Sie werden erst durch die Entnahme getötet. Menschen dürfen aber andere Menschen nicht töten – auch nicht, um Dritten zu helfen.
Das stimmt doch nicht. Die Organe werden erst entnommen, wenn der Spender hirntot ist.
Der Hirntod ist ein künstliches, juristisches Kriterium, das speziell mit Blick auf das Organspenden definiert worden ist. Biologisch gesehen sind die Spender aber noch lebendig. Das Hirn ist zwar tot, aber der restliche Körper lebt noch. Sterben ist ein vielfältiger Prozess, der nicht auf ein einziges Kriterium reduziert werden kann. Er zieht sich über eine längere Zeit hin. Auch die Organe sind bei der Entnahme alles andere als tot. Denn tote Organe könnte man niemandem mehr einpflanzen. Richtig ist, dass die Organe den Spendern bei lebendigem Leib aus dem Körper geschnitten werden.
Das ist doch Polemik.
Im Gegenteil, es ist die Realität. Das Herausschneiden der Organe mit Todesfolge ist eine massive Verletzung der Würde eines Menschen. Es handelt sich um ein Vergehen gegen die Menschlichkeit.
Aber nach dem Hirntod kann ein Mensch nichts mehr wahrnehmen.
Das wissen wir nicht. Der Hirntod ist wie gesagt nur ein juristisches Konzept. Das hat mit Biologie nichts zu tun. Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg, dass ein Mensch nach dem Hirntod nichts mehr wahrnehmen kann. Entsprechend müsste man sich zurückhalten und vermeiden, den Sterbeprozess zu stören. Bei einem natürlichen Tod dauert es bis zu einer Woche, bis alle Zellen abgestorben sind. Dann aber ist keine Organspende mehr möglich. Es gibt aber noch einen weiteren Punkt.
Bitte.
Wissenschaftlich kann man keine Aussage darüber machen, was es mit einem Menschen macht, wenn ein Teil von ihm, also seine Organe, an einem anderen Ort weiterlebt. Dieser Mensch stirbt gar nicht vollständig. Man müsste nachweisen können, dass dieses Weiterleben dem Spender nicht schadet. Aber das ist nicht möglich. Wir wissen nicht, ob es eine unsterbliche Seele gibt, die nach dem Tod weiterlebt. Darum müssen wir uns so verhalten, als ob es das gäbe.

«Möglicherweise gibt es eine Seele, die wahrnimmt, dass die Organe weiterleben. Vielleicht ist ein solcher Zustand eine Tortur für die Seele.»


Es ist doch eine schöne Vorstellung, dass die eigenen Organe nach dem Tod in einem anderen Menschen weiterleben.
Das tönt schön, ist aber, wie Sie sagen, nur eine Vorstellung. Erforderlich wäre die Gewissheit, dass damit der Spender nicht geschädigt wird. Möglicherweise gibt es eine Seele, die wahrnimmt, dass die Organe weiterleben. Vielleicht ist ein solcher Zustand eine Tortur für die Seele.
Sehen Sie denn Hinweise, dass es so sein könnte?
Die Wissenschaft kann jedenfalls keine abschliessenden Aussagen machen, wie Gehirn und Bewusstsein zusammenhängen. So erleben Menschen mit einer Nahtoderfahrung Dinge, die man nicht erklären kann. Aus diesen Gründen sollte man darauf verzichten, Sterbenden Organe herauszuschneiden und diese weiterleben zu lassen.
Sie haben in einem Beitrag in der Schweizerischen Ärztezeitung Folgendes geschrieben: «Sollte es eine unsterbliche Seele geben, könnte diese durch das Weiterleben der Organe an das irdische Dasein gebunden bleiben, dadurch leiden und daran gehindert werden, einer möglichen Bestimmung im Jenseits zu folgen.» Das ist doch Esoterik und hat nichts mit Wissenschaft zu tun.
Ich wollte damit verdeutlichen, was ich meine. Wie gesagt, kann man nicht ausschliessen, dass die Organentnahme den Spendern schadet.

«Die Transplantationsmedizin unterliegt einer massiven Selbstüberschätzung. Sie setzt sich über elementare ethische und wissenschaftliche Grundsätze hinweg.»


Wenn aber Organspenden am Lebensende nicht mehr möglich sind, würde man den Tod ganz vieler Menschen in Kauf nehmen nämlich all derjenigen, die verzweifelt auf eine neue Niere, eine neue Leber oder ein neues Herz warten. Ist denn das zu verantworten?
Ja, das ist zu verantworten. Denn heute heiligt der Zweck des Organspendens die Mittel. Es ist zwar nicht abzustreiten, dass vielen Menschen durch ein neues Organ geholfen werden kann. Die Mittel dazu sind aber so falsch, dass man es trotzdem nicht tun darf. Die Transplantationsmedizin unterliegt einer massiven Selbstüberschätzung, ja einer Hybris. Sie setzt sich über elementare ethische und wissenschaftliche Grundsätze hinweg.
Aber ein solches Verbot wäre das Todesurteil für viele, die auf ein Organ warten.
Das ist nicht zu bestreiten. Allerdings wäre nur ein Teil der Menschen, die auf ein neues Organ warten, betroffen. Denn wer auf eine neue Niere wartet, stirbt nicht, wenn er keine bekommt. Er kann mittels Dialyse am Leben gehalten werden. Und Nierengeschädigte machen etwa achtzig Prozent der Menschen aus, die auf ein neues Organ warten. Zudem können Nieren und Lebern auch von Lebenden gespendet werden. Dagegen haben wir nichts.
Wer aber ein neues Herz braucht, könnte nicht gerettet werden.
Das ist so. In Bezug auf die Organempfänger ist aber ein wichtiger Punkt zu betonen: Es gibt ernstzunehmende Hinweise, dass sich ihre Persönlichkeit verändern kann, wenn ein Teil eines anderen Menschen in ihnen weiterlebt. Das deutet darauf hin, dass Organspender das Weiterleben ihrer Organe wahrnehmen – und je nachdem leiden.
Das Volk hat sich letztes Jahr für die Widerspruchslösung beim Organspenden entschieden. Damit hat es implizit seine Zustimmung zur Organspende am Lebensende gegeben. Müssten Sie nicht den Volksentscheid respektieren und Ihre Forderungen nach einem Organspende-Verbot begraben?
Das Organspenden wurde während Jahrzehnten unfair beworben. Man hat immer den Zweck hervorgestrichen und über die Mittel geschwiegen. Trotzdem hat es unser Referendumskomitee geschafft, dass zumindest in der Deutschschweiz rund die Hälfte der Stimmbürger das neue Transplantationsgesetz abgelehnt hat. Wenn wir weiter informieren, wird der Anteil der Gegner des Organspendens am Lebensende zunehmen. Wir müssen dran bleiben.
Mit Ihrer radikalen Forderung nach einem Verbot schaden Sie doch den gemässigten Anliegen in Sachen Organspenden etwa, dass die Organentnahme nicht zu früh beginnen darf.
Die Wahrheit ist, dass die Organspende am Lebensende nicht vertretbar ist. Diese Wahrheit wird sich durchsetzen.

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