Transgender Trumpf sticht lesbische Königin

Transgender Trumpf sticht lesbische Königin

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von Ralph Weibel am 8.5.2021, 05:00 Uhr
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  • Satire
  • Jassen
  • Gleichstellung

Die Ungerechtigkeit liegt auf dem Jassteppich, wie ein aufgelegter Match. Die Deutschschweizer Karten sind frauenfeindlich, rassistisch und homophob, dazu grenzen sie Adipöse, Behinderte, Veganer, Transsexuelle und Ausserirdische aus. Ein Fall für das Büro für Gleichstellung.

Die Dampfschwade des frisch aufgegossenen Ingwertees zieht über den Tisch und den selbstgemachten Rüeblikuchen. Dieser sieht etwas traurig aus, ohne dekorative Marzipanrüebli. Bei der letzten Sitzung hatten die Mit- und ohne Glieder des Eidgenössischen Büros für Gleichstellung beschlossen, diese Marzipandinger würden zu sehr an einen erigierten Penis erinnern und gehörten kastriert, oder wenigstens vom Rüeblikuchen verbannt. Nach diesem grossen Schritt, hin zu einer besseren Welt, steht heute der Nationalsport Jassen auf der Traktandenliste.

«Um etwas Swissness beizubehalten, taufen wir den König, in Anlehnung an das Kasperli-Stück <Dr Schorsch Gaggo goht uf Afrika>, Krambambuli».

Also er schlage vor, wenn er denn als Mann als erstes eine mögliche Lösung einbringen dürfe, ohne damit die Frauen in der Runde und Karl-Heinz, der sich seit gestern Abend wieder so unbeschreiblich weiblich fühle, zu unterdrücken, wenigstens den verschiedenen Ethnien gerecht zu werden. «Aus Rosen machen wir Indianer und folglich aus dem König einen Häuptling», sagt Thomas. «Schilten sind ohnehin schwarz. Um etwas Swissness beizubehalten, taufen wir den König, in Anlehnung an das Kasperli-Stück <Dr Schorsch Gaggo goht uf Afrika>, Krambambuli». Während sich Lisa-Maria an ihrem Ingwertee verschluckt, fährt Thomas weiter: «Eichel steht für die Weissen.» Bei diesem Satz zieht es der hustenden Lisa-Maria den Gebärmutterhals zusammen: «Typisch!», prustet sie unter ihrer FFP2-Maske, «dieses übersexualisierte Symbol männlicher Dominanz gehöre…». Weiter kommt sie nicht. Die Gruppe entscheidet, auch Thomas hätte, als einziger heterosexueller Mann in der Runde, das Recht, seine Meinung zu äussern. Abschliessend macht er aus Schellen Gelbe und folgerichtig Xi Jinping zum König.
Kollektiv wird beschlossen, Thomas für seine Ignoranz, die durchwegs männlichen Könige, Ober und Buure nicht zu transgendern, vom nächsten Gruppenseminar «Baumumarmen und Singen mit Waldpilzen» auszuschliessen und stattdessen in eine Supervision zu Tamara Funiciello zu schicken, die ihm zur Strafe die Worte: «Ich bin ein dreckiger, alter, weisser Mann» auf die Stirn tätowiert. Zur Beruhigung singen die Mit- und ohne Glieder des Büros für Gleichstellung ein paar Mantras, bevor sie sich wieder der konstruktiven Lösungsorientierung hingeben.

Beispielsweise eine im Stehen pinkelnde Königin, die einen alleinerziehenden schwulen Ober zu einem Bäuerinnenzmorgen in den Zoo einlädt.

Schnell kehrt die Einsicht ein, der Vorschlag von Thomas sei viel zu grobschlächtig. Beispielsweise sei nicht klar, ob sich die Eskimos, also Inuits, nun eher der Asiatenschaft zugehörig fühlen oder doch eher den Indianern. Allerdings seien diese eigentlich auch keine Indianer, sondern Angehörige indigener Völker. Was an sich schon wieder sexistisch ist, weil es auch Angehörige gibt, die zwar gleich geschrieben werden aber die weiblich sind, an dieser Stelle aber im generischen Maskulin untergehen. Und, es war unvermeidlich, was gänzlich fehle sei die Inklusion einer Person, die nach einer Geschlechtsumwandlung homo- oder bisexuell ist und auf Robbenbabys steht.
Etwas Kreistanzen hilft, das Karussell der Argumente anzuhalten. Es wird eine Arbeitsgruppe gebildet, die bis zum nächsten Treffen Vorschläge von allen sich bietenden Darstellungen ausarbeiten soll, die wiederum keine Stereotypen bedienen. Beispielsweise eine im Stehen pinkelnde Königin, die einen alleinerziehenden schwulen Ober zu einem Bäuerinnenzmorgen in den Zoo einlädt.
«Also für mich ist neben der optischen Darstellung die hierarchische Struktur an sich ein Problem des Spiels», regt Lisa-Maria die Diskussion an. König*Innen und Bäuer*Innen seien ein Zeugnis der patriarchalen Unterdrückung, nicht nur der Frauen im Speziellen, sondern vom Proletariat im Allgemeinen. Lisa-Maria erhält viel Zustimmung. Schnell ist man, frau und alles dazwischen, sich einig, es dürfte eigentlich nichts geben, das mehr wert sei als das Andere. «Es ist unverantwortbar, wenn ein Transgendertrumpf eine lesbische Königin sticht», ereifert sich Lisa-Maria. Nur schon der Terminus des Stechens sei skandalös und würdige die Frau herab. Grundsätzlich empfände er es als gewaltverherrlichend, versucht Thomas sein ramponiertes Image aufzupolieren und sich doch noch für das «Baumumarmen und Singen mit Waldpilzen» zu empfehlen, wenn auf dem Jassteppich ständig gemordet werde.

Als er dann noch sein «Bock» hinterhergerufen habe, hätte sie dem Sauhund die Aromat-Maggi-Menagerie an den Kopf geworfen.

«Bock!», ruft Lisa-Maria plötzlich. Kürzlich sei sie mit ihrer Seminargruppe «Veganes Kochen» beim Bärlauchsammeln vor einem Wolkenbruch in eine Landbeiz geflüchtet. Als sie eintraten, hätte ein Jasser am Stammtisch laut und deutlich «Stöck!» gerufen, um sich über die Frauengruppe lustig zu machen. Als er dann noch sein «Bock» hinterhergerufen habe, hätte sie dem Sauhund die Aromat-Maggi-Menagerie an den Kopf geworfen.
Spätestens jetzt sind die letzten Zweifel ausgeräumt, dass das Jassen kein harmloses Spiel, sondern der Inbegriff des Bösen ist. «Die sollen die Kreide fressen, statt damit Striche auf die Kreidetafel zu machen», ereifert sich Lisa-Maria und erhofft sich so, eine nachhaltige Friedfertigkeit in den Schweizer Nationalsport zu bringen. Weil das auf freiwilliger Basis nicht funktioniert, beschliesst das Eidgenössische Büro für Gleichstellung die Rundumerneuerung der Jasskarten. Künftig wird mit androgynen Wesen in regenbogenfarbenen Kleidern gespielt. Jede Karte hat denselben Wert und die Jassenden diskutieren im Kollektiv, wer wann eine Karte legen darf und dass am Schluss alle gewonnen haben.