Nachvollziehbar: Warum die Taliban auf Frauen im Kino verzichten

Nachvollziehbar: Warum die Taliban auf Frauen im Kino verzichten

Mit Frauenverachtung hat der Entscheid nichts zu tun. Die Gründe sind künstlerischer Natur.

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von Beni Frenkel am 6.12.2021, 08:00 Uhr
Illustration: Clemens Ottawa
Illustration: Clemens Ottawa
Letzte Woche teilten die Taliban mit, dass sie inskünftig auf Filme mit weiblichen Darstellern verzichten wollen. Der Aufschrei in den Massenmedien war gewaltig. Mit «Schritt ins tiefste Mittelalter» oder «Schlag in die Gesichter weiblicher Filmstars» war die Rede. Dabei ging vergessen, dass die Taliban mit keinem Wort verlangten, dass Schauspielerinnen zum Beispiel geköpft oder ihre Zunge abgeschnitten werden sollen.
Im Diskurs wurde auch die zentrale Frage vernachlässigt, ob denn wirklich jeder Film Frauen braucht. Zum Beispiel die Filme «Armageddon», «Apollo 13», «Pearl Harbor» oder «Independence Day»: Hier treten Frauen ausschliesslich als weinende Gattinnen oder Freundinnen, die um ihre Männer bangen, auf.
Hätte die Regisseure auf den Rat der Taliban gehört, und die Frauen rausgeschnitten: Die Filme wären besser geworden. Die Handlung hätte sich auf den eigentlichen Plot konzentriert, die USA, beziehungsweise die Welt, zu retten. Vor Ausserirdischen, den Japanern, den Russen und auf die Erde zurasenden Asteroiden.

Die Frau als Polizeidirektor

Natürlich darf und soll es Filme mit Frauen geben. Darum geht es nicht in der Diskussion. Die Taliban sorgen sich um den künstlerischen Wert der Filmindustrie. «Warum», so Hossain al-Mustafa, der Direktor der Künste, «muss ein Polizeidirektor in den westlichen Filmen immer eine Frau sein?» Die Statistik gibt ihm recht. In 89 Prozent der Filme (zwischen 2000 und 2020) ist der Polizeidirektor eine Frau.
Al-Mustafa sagt: «Wir wollen dem Westen nichts vorschreiben, aber in unseren Kinos sollen Männerfilme ausgestrahlt werden.» Eine souveräne und sympathische Haltung.
Es gibt in der Filmgeschichte leider nur wenige Filme, die ohne Frauen (oder Männer) auskommen. Die «12 Geschworenen», «Papillon», «The Shawshank Redemption» sind Kinofilme, die (fast) ohne Frauengestalten auskommen.

Die Taliban sind Fans der Schweiz

Al-Mustafa ist kein Feind von Hollywood. Der Direktor hat einige Jahre in den USA gelebt und in Berkeley mehrere Kurse in Filmgeschichte und Dramaturgie besucht. Nach dem Abzug der US-Streitkräfte aus Afghanistan ereilte ihn der Ruf der Taliban, das wichtige Direktorium der Künste zu führen.
Im Gespräch zeigt sich al-Mustafa auch beeindruckt von der Schweizer Demokratie. Der Direktor ist ein profunder Kenner der Schweizer Kunstszene. Selbst die Sage Wilhelm Tell ist ihm ein Begriff. Er lobt Schillers Werk und dessen Verzicht auf Frauengestalten.
Für März 2022 soll ausserdem ein kultureller Austausch zwischen dem afghanischen Direktorium für Künste und dem Bundesamt für Kultur (BAK) stattfinden. Thema ist der Austausch von Studenten zwischen der Schweiz und Afghanistan.

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