Tor des Monats: Thierry Burkhart

Tor des Monats: Thierry Burkhart

So bitter kann das Schicksal sein: Vier Tage, nachdem sich mit Thierry Burkart doch noch ein Freisinniger fürs FDP-Präsidium zu Verfügung gestellt hat, kündigt Elon Musk einen Roboter zur Erledigung von langweiligen, repetitiven und gefährlichen Arbeiten an.

image
von Marco Ratschiller am 30.8.2021, 08:00 Uhr
Gezeichnet von Michael Streun
Gezeichnet von Michael Streun
Mag ja sein, dass man gelegentlich vom Leben bestraft wird, wenn man zu spät kommt. Es kommt aber auch vor, dass man zu früh ist. So wie Thierry Burkart. Obwohl der jungdynamische Aargauer Ständerat (46) sich zwar lange bedeckt gehalten hatte, während ein Kron-, Top- oder Geheimfavorit nach dem anderen (Hinweis: generisches Maskulinum) den Ambitionen abschwor, Petra Gössi, der scheidenden Parteipräsidentin, auf dem heissen Stuhl nachzufolgen.
Dass es immer schwieriger wird, Freiwillige für politische Führungsämter zu finden, ist ja nicht neu. So wurde der aktuelle US-Präsident erst nach langer Suche in der Requisitenkammer der Obama-Administration entdeckt, behelfsmässig restauriert – und trotzdem verträgt er nur wenige Minuten Öffentlichkeit am Stück. In Deutschland bemühen sich derzeit Kandidaten um die Merkel-Nachfolge, die man eher in der Regional- oder Bezirksliga spielen sehen möchte.
Thierry Burkart ist der Bezirksliga selbstverständlich längst entwachsen. Im Gegenteil: Der studierte Rechtsanwalt legte eine mustergültige Ochsentour hin und vertritt seit 2019 seinen Kanton in der «Chambre de Réflexion». Von hier führen nur noch zwei Wege weiter nach oben. Einer in die Landesregierung – was für einen Freisinnigen nicht mehr so einfach ist wie 1848, als die Zauberformel noch «Sieben auf einen Streich» lautete. Der andere Weg ins Parteipräsidium ist weit weniger attraktiv, dafür aber schlecht bezahlt, arbeitsintensiv und zermürbend. Petra Gössi ist im Amt schneller gealtert als ihr grün angehauchtes Parteiprogramm. Auch Christian Levrat, der ehemalige SP-Präsident, wäre viel lieber Bundesrat geworden, doch stattdessen muss er sich heute mit einem 50-Prozent-Job als Pöstler mit 250 000 Franken im Jahr über Wasser halten.
Es ist nur verständlich, dass Thierry Burkart sich viel Zeit für den Entscheid genommen hat, sich für den Posten aufzuopfern. Denn die Formkurve des Freisinns gefällt einem Epidemiologen grundsätzlich besser als einem Parteipräsidenten: Von Legislatur zu Legislatur infizieren sich weniger Schweizer mit Liberalismus. Dies, obwohl ständig neue Bindestrich-Varianten auftauchen. Noch bis vor kurzem schien die öko-liberale Mutante auf dem Vormarsch. Immerhin ist es Burkart auf Anhieb gelungen, die Basisrepräsentationszahl fürs Vizepräsidium von zwei auf vier zu verdoppeln. Mit einem ungehinderten exponentiellen Wachstum könnten so bis zu den Wahlen 2023 alle rund 100 000 Mitglieder Teil der Parteileitung sein.
Niemanden wird es überraschen, wenn mit dem Sessel- auch ein Kurswechsel einhergeht. Burkart neigt als Präsident des Lastwagenverbandes «Astag» eindeutig eher zum Duftbäumchen als zur echten Waldluft. Bei seiner Kandidatur hat er jedenfalls schon mal passend zur weltweiten Waldbrandsaison mit dem «liberalen Feuer» gedroht, das er in die Partei und die ganze Schweiz hinaustragen will. Muss man nun fürchten, dass er als Anhänger der bindestrichfreien, reinen Lehre bald als Liberaliban das ganze Land erobern wird?
Feuer und Flamme
Klar ist, dass Burkart mit der Metapher vom «feu libéral» allen künftigen Kritikern ein Geschenk gemacht hat. Denn wo Feuer ist, ist meist auch heisse Luft. Wer Wähler zum Glühen bringen will, braucht primär das richtige Brennmaterial. Die Linke findet dies zuverlässig in den unversteuerten Milliarden, welche der Neofeudalismus weltweit scheffelt. Die Rechte findet es in jedem neuen Asylgesuch und jedem autonom nachvollzogenen EU-Passus. Für die zerstückelte Parteienlandschaft dazwischen ist es gar nicht so einfach, zuverlässige Zündwürfel zu bekommen. Jedenfalls, wenn einem der brennende Planet plötzlich wieder zu grün ist und man zurück zur alten noblen Blässe möchte. Da entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, wenn die Klarliberalen gerne über die veralteten, realitätsfremden Rezepte der Linken herziehen, zugleich aber überzeugt sind, ihr mitnichten weniger angejahrtes Mantra «Schlanker Staat, weniger Gesetze» werde der Komplexität und den Herausforderungen der Gegenwart in irgendeiner Weise gerechter. Na dann: Feuer frei, Herr Präsident!

Mehr von diesem Autor

image

Viel heisse Luft im deutschen Wahlkampf

image

Ein Lob den alten Ingenieuren

Ähnliche Themen

image

Der «Blick» enthüllt: Alain Berset wurde vom Ausland bedroht