Tor des Monats: Lukas Engelberger

Tor des Monats: Lukas Engelberger

Offen gesagt, Herr Engelberger, ich habe gerade echt Mühe mit Ihnen. Damit bin ich nicht ganz allein. Nur in meinem Fall ist es ein wenig anders. Als eines der Gesichter der aktuellen Pandemiebewältigung müssen Sie schliesslich damit rechnen, nicht von jedem Balkon aus beklatscht zu werden.

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von Marco Ratschiller am 8.10.2021, 07:00 Uhr
Michael Streun
Michael Streun
Ein kurzes Bad in den Wogen der sozialen Medien genügt, um zu sehen, was aus den Untiefen der Schweizer Volksseele alles an die Oberfläche blubbert, sobald Sie als oberster Gesundheitsdirektor Schlagzeilen machen. Zum Beispiel, wenn Sie sich für eine Zertifikatspflicht für Skigebiete und Bergbahnen aussprechen. Die Frage ist eigentlich nicht mehr ob, sondern wann Sie vor einem der Volkstribunale enden, das auch für Bundesrat Berset die Höchststrafe fordert.
Nun sitze ich also mit all meinen Notizen vor dem Bildschirm und habe Mühe mit Ihnen. Auf meinem Notizblock steht zum Beispiel, dass Sie zehn Jahre für Roche arbeiteten, ehe sie 2014 eine Rochade in den Basler Regierungsrat vollzogen, vermutlich ohne wirklich (Achtung: Pointe!) «Roche ade» gesagt zu haben. Total witzig, oder?
Eher nicht. Genau da liegt mein Problem. Wenn ich mir vor Augen führe, was anderthalb Jahre Pandemiedebatte in unserer Gesellschaft angerichtet haben, vergeht mir oft das Lachen. Die Aggressivität, mit der man sich heute im Internet oder auf dem Bundesplatz begegnet, ist mehr als beunruhigend. Die Verbissenheit, mit der jede Seite der anderen Spaltung vorwirft, um sie ungerührt selbst voranzutreiben, ist verstörend.
Davon sind auch Schweizer Humorschaffende nicht ausgenommen. Die Quintessenz dessen, was derzeit als lustige Cartoons, Memes oder Tweets die Runde macht, ist meist die Verhöhnung des gegnerischen Lagers. Es ist auch kein Zufall, wenn wir inzwischen beim Militärjargon («gegnerisches Lager») angelangt sind. Corona-Satire dient aktuell hüben wie drüben der eigenen Truppenmoral – ohne Aussicht darauf, entwaffnend die verhärteten Frontlinien aufzuweichen.
Übrigens, Herr Engelberger, ich bin längst geimpft, für mich keine Frage. Trotzdem sehe auch ich zahllose Kritikpunkte und Widersprüche in der Pandemiepolitik. Warum zum Beispiel wird für gewisse Skeptiker nicht längst ein drittes, mRNA-freies Vakzin angeboten? Und dennoch ist mir ein Rätsel, wie man sich gegen Maske und Spritze in einen mythisch überhöhten Freiheitskampf steigern kann, der am Ende genau das verlängert, was man bekämpft.
Als ich vor rund sechzehn Jahren als noch junger Chefredaktor dieser Zeitschrift mein erstes «Tor des Monats» schrieb – dies ist übrigens mein letztes –, sollte auch der Name Programm sein. Zuvor hiess die Rubrik, reichlich blutrünstig: Fallbeil. Im «Tor des Monats» dagegen schwang die Doppeldeutigkeit mit, die mein Humorverständnis bis heute prägt. Ich meine einen Humor, der sich zwar bewusst ist, grösstenteils Gleichgesinnte zu unterhalten, und dennoch darauf abzielt, Andersdenkenden die eine oder andere Schuppe von den Augen zu schreiben. Oder zu zeichnen. Mit einem Fallbeil geht das nicht. Die grössten Momente für mich als Satireliebhaber waren stets jene, bei denen ich möglichst spektakulär über mein eigenes Weltbild gestolpert bin.
Der Unterschied zwischen Satire, die uns über eigene Fehler schmunzeln lässt, und Satire, die uns verletzt und empört, ist am Ende weniger in den konkreten Aussagen zu suchen als im Kontext, in dem sie uns erreicht. Und im Kontext der aktuellen Pandemie gilt, dass es für viele nur noch schwarz oder weiss gibt. Deshalb macht es mir Mühe, Sie hier als Lukas, den Evangelisten einer neuen Staatsreligion, zu verspotten. Wenn auf dem schleichenden Weg zur gespaltenen Gesellschaft einzig die Zugehörigkeit zu dieser oder jener Bubble entscheidet, ob ich etwas für geistreiche Satire oder armselige Propaganda halte, steht für unser Miteinander mehr auf dem Spiel als Lacher und Likes.
Ich habe keine Ahnung, wie sich der Wandel hin zu polarisierten Parallelgesellschaften umkehren lässt. Ich habe aber grosse Zweifel daran, dass Satire dabei eine Rolle spielen kann, wenn sie nur noch hinter den Mauern verfeindeter Meinungstrutzburgen zur Selbstvergewisserung eigener Überlegenheit betrieben wird. Sorry, keine Pointe.

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