Tor des Monats: Alois Gmür

Tor des Monats: Alois Gmür

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von Nebelspalter Print am 17.3.2021
Text: Marco Ratschiller | Cartoon: Michael Streun | veröffentlicht am 26.02.2021
Text: Marco Ratschiller | Cartoon: Michael Streun | veröffentlicht am 26.02.2021
  • Satire
  • Schweiz

Nachdem ich jetzt schon eine Weile nichts mehr über Sie gelesen habe, hoffe ich, es geht Ihnen bereits wieder etwas besser. Ich muss sagen, die Meldung, dass Sie am Fasnachtsvirus erkrankt sind, war für mich ein Schock.

Man hätte eigentlich erwarten können, dass ich mich nach einem Jahr Pandemie langsam an die täglichen Schreckensmeldungen gewöhnt haben müsste. Wie die meisten von uns, die inzwischen aufs BAG pfeifen und gegen Berset trommeln.«Drummle und Pfyffe» im ganzen Land – so gesehen haben wir 2021 gar nicht weniger, sondern sogar mehr Fasnacht als sonst.
Aber mir gehen Einzelschicksale wie Ihres immer noch sehr nahe. Nach eigener Aussage haben Sie sich ja schon vor langer Zeit mit dem Fasnachtsvirus angesteckt.
Doch bei all den Mutationen, die uns in letzter Zeit das Leben schwer machen, deutet für mich viel darauf hin, dass hinter Ihrer Ansteckung ebenfalls eine neue, veränderte Variante steckt. Denn anders als die bisher zirkulierenden Fasnachtsviren befällt das neuartige Fasnachtsvirus «SÜ-Hudi-21» offensichtlich nicht nur Lachmuskeln, Zwerchfell und Alkoholleber, sondern führt zum Verlust des Gemeinsinns und beeinträchtigt nachhaltig die Sauerstoffsättigung im präfrontalen Cortex. Anders lässt sich nicht erklären, dass auch noch Tage nach dem Konfetti-Spreader-Eventkognitive Fähigkeiten wie Einsicht und Reue nicht zurückgekehrt sind.
Okay, jetzt habe ich geflunkert. Natürlich lässt es sich anders erklären. Schliesslich gehören Sie als erfahrener Schwyzer Nationalrat zu jenen Politikern, die sehr wohl auf die Wissenschaft hören. Gut, jetzt nicht unbedingt auf Virologen, aber dafür umso mehr auf Wahlforscher. Letztere konnten eindeutig einen sinkenden Reputationswert R bei Parlamentariern ermitteln, welche sich zu stark und zu lange für sinkende Ansteckungsraten einsetzen. So was passiert Ihnen sicher nicht: Denn wofür hat der Gmür ein Gspür? Genau, für Wählerstimmen.
Sie haben erkannt, dass das Land die Nase voll hat. Auch wenn Schnupfen im Zusammenhang mit Sars-CoV-2 eher selten auftritt. Wer ein Volk durch eine Krise führen will, muss mit dessen Seele umgehen können. Das ist leider genau das, worin die Herren Task-Farce-Experten mit ihren Kurven und Modellen versagen. Die Seele braucht Emotionen, keine Zahlen und Fakten, um berührt zu werden. Dabei gilt zu beachten: Genauso wie Glück kein Dauerzustand ist, währt auch Angst nicht ewig. Nur logisch also, dass wir endlich wieder mal ein neues Lebensgefühl verspüren wollen, jetzt wo wir die Zahlen so weit runter haben – also immerhin so tief wie zum Höchststand der ersten Welle im letzten April. Sie wissen schon: damals, als wir uns noch gegenseitig den Klopapier-Vorrat aus den Händen rissen, wenn wir sie nicht gerade zum Klatschen auf dem Balkon benötigten.
Die fünfte Jahreszeit bietet ein ganz besonderes Lebensgefühl. «Fasnacht bedeutet per se Ungehorsam gegen die Obrigkeit», war im Einsiedler Coronfetti-Regen zu vernehmen, «darum lässt sie sich auch im Lockdown nicht verbieten.» Klar, das macht total Sinn. Schliesslich leben wir noch heute in einem Feudalstaat, in dem uns die Obrigkeit widerwillig einmal im Jahr den «Sühudi» durchs Dorf treiben lässt,damit wir die restlichen vier Jahreszeiten brav unseren Zehnten abliefern und still davon träumen, irgendwann in einer Demokratie zu leben. In einer Demokratie, in der wir dann Leute wie Sie in ein Parlament wählen könnten, damit keine Corona-Diktatoren ihre Untertanen knechten, sondern unsere eigenen Volksvertreter Politik machen, Kompromisse schmieden und dafür geradestehen.
Aber ja, noch leben wir in Knechtschaft. Unsere Lockdown-Massnahmen gehören zuden strengsten überhaupt. Sämtliche Länder Europas sind viel weniger streng, allen voran Finnland. Na gut, eigentlich nur Finnland. Trotzdem muss irgendwann auch mal genug sein. Wir sind einfach alle reif für Lockdown-Ferien. Um endlich wieder mal Feste zu feiern, Freunde zu treffen und den Akku aufzuladen für die durch unsere vorübergehende Freiheit verursachte nächste Welle. Darüber sollte unser Obrigkeitmal ernsthaft nachdenken: vier bis sechs garantiert lockdown freie Wochen, sinnvoll übers Jahr verteilt. So was würde unserem Leben jene Struktur geben, die es noch hatte, als tatsächlich nur Fasnacht, Ostern, Pfingsten, Chilbi und Weihnachten unseren entbehrungsreichen Alltag für ein paar Tage aufheiterten. Weiterhin gute Besserung!
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