Tödliche Schüsse auf Perron 4: Polizei in der Kritik

Tödliche Schüsse auf Perron 4: Polizei in der Kritik

Ein Mann geht in Morges (VD) mit einem Messer auf zwei Polizeibeamten los. Diese wehren sich – und stehen deshalb nun am Pranger.

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von Serkan Abrecht am 21.9.2021, 18:00 Uhr
Trauer in Morges: Der Ort, wo die Polizei einen Mann erschoss. Bild: Keystone-SDA
Trauer in Morges: Der Ort, wo die Polizei einen Mann erschoss. Bild: Keystone-SDA
Die Antifa macht mobil. Für den Dienstag sind in den sozialen Medien schweizweit Demonstrationen angekündigt. «Gerechtigkeit für Nzoy», lautet der Aufruf. «Am 30. August 2021 wurde im Bahnhof von Morges (VD) unser Bruder, Sohn, Cousin, unser geliebter Nzoy durch drei Schüsse aus einer Polizeiwaffe aus dem Leben gerissen. Dieser Todesfall ist ein Weiterer in einer ganzen Reihe von Morden aufgrund von menschenverachtender, rassistischer Polizeigewalt», schreiben die Linksradikalen auf Portalen wie Twitter und Instagram. In der Romandie ist das Thema seit einer Woche ein Dauerbrenner.
«Die Deutschschweizer Medien haben bisher verschleiert, dass es sich bei dieser Hinrichtung (sic!) um einen schwarzen Mann handelt», schreiben die Aktivisten in ihrem Demo-Aufruf weiter. Der 37-jährige Schweizer Nzoy ist tot. Was ist passiert?

Gelbe Jacke, blaue Jeans, ein Messer

Es knallt. «Ich habe meinem Mann gesagt, dass sich ein Knall wie ein Schuss angehört hat. Wir haben uns nichts dabei gedacht. Hier ist es dermassen lärmig», sagt eine Passantin dem «Blick». An diesem Montagabend, kurz nach 18 Uhr, machen zwei Polizeibeamte im waadtländischen Morges von ihrer Schusswaffe Gebrauch. Ein im Internet veröffentlichtes Video zeigt, wie ein Mann in gelber Jacke und blauen Jeans auf einen Polizisten zurennt. Einer der Beamten weicht zurück, zieht die Pistole und schiesst. Der Mann – bewaffnet mit einem Messer – stürzt zu Boden, rappelt sich wieder auf und geht auf die Polizisten los. Nochmals ein Schuss. Der dunkelhäutige Mann bleibt reglos auf dem Perron 4 liegen.
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Versuchte der Reanimation des Mannes. Screenshot: RTS

Seit diesem Einsatz steht die Waadtländer Kantonspolizei in der Kritik. Unverhältnismässig sei der Einsatz gewesen, kritisieren linke Politiker. In Morges gingen Aktivisten auf die Strasse, um gegen die Polizei zu demonstrieren.
Ein Augenzeuge schildert dem «RTS» den Fall und sagt:«Es gab nach den Schüssen einen seltsamen Moment: Der Mann liegt blutend da und die Polizei macht nichts. Die Polizisten schienen wie gelähmt.» Tatsächlich hätten die Polizisten erst vier Minuten nach den Schüssen Erste Hilfe geleistet, wie die Kantonspolizei Waadt mitteilt. Mehr sagt sie dazu nicht: «Es laufen Untersuchungen.»
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Wut auf die Polizei: Demonstranten in Morges. Bild: Keystone-SDA

Schliesslich leistet ein vorbeigehender Passant Hilfe. Die Polizisten stehen neben dem blutenden Nzoy. Weshalb sie nach den Schüssen selbst keine Reanimation einleiteten, ist nicht bekannt. Doch Jonas Weber, Professor für Strafrecht an der Universität Bern, gab eine erste Einschätzung ab : «Das Spezielle ist meines Erachtens, dass die Person bereits einmal getroffen wurde, wieder aufstand und erneut auf die Polizisten zuging. Das könnte zur Bewertung führen, dass man sagt: Die Polizisten konnten nicht wissen, ob die Person tatsächlich ausser Gefecht gesetzt wurde.»

Politik mischt sich ein

Vier linke Abgeordnete haben im Waadtländer Grossrat wegen dem Drama auf Perron 4 eine Interpellation eingereicht. Darin werden die Verhältnismässigkeit und die Ausbildung der Polizei infrage gestellt. «Es ist nicht das erste Mal, dass die Ausbildung der Polizei kritisiert wird, weil sie zu militärisch ist und sich zu sehr auf die Aufrechterhaltung der Ordnung konzentriert, was zulasten anderer Reaktionsmöglichkeiten geht", sagt Hadrien Buclin, Grossrat des Ensemble à Gauche. Und Staatsrechtler Weber sagt zum «RTS»: «Es muss vermutlich abgeklärt werden, ob man die Situation nicht auch mit einem Taser hätte beruhigen können.»
Ein Taser gegen ein Messer? Diese Argumentation widerspricht der gängigen, internationalen Praxis von Polizei und Militär. Grundsätzlich gilt für Beamte unter Waffen der sicherheitstechnische Aspekt der «Waffengleichheit» oder «Waffenüberlegenheit». Heisst: auf eine nicht letale Waffe muss ein Polizist ebenfalls mit einer nicht letalen Waffe reagieren können. Die höhere Eskalationsstufe war auf Perron 4 in Morges der Fall. Auf einen Angriff mit einer tödlichen Waffe – also einem Messer – darf die Polizei ebenfalls von einer tödlichen Waffe Gebrauch machen.

«Ein Angriff mit einem Messer kann zum Einsatz der Schusswaffe zwingen.»

Alex Birrer, Direktor der interkantonalen Polizeischule in Hitzkirch

Das Prinzip der «Waffengleichheit» oder der «Waffenüberlegenheit» wird auch Schweizer Wehrpflichtigen rudimentär in der Rekrutenschule beigebracht. Bei Polizisten in ihrer zweijährigen Ausbildung wird es detaillierter.

Übung mit Schusswaffen

«Ein Angriff mit einem Messer kann zum Einsatz der Schusswaffe zwingen», sagt Alex Birrer, Direktor der interkantonalen Polizeischule in Hitzkirch (LU). Zum Fall Morges kann er sich nicht äussern, da die Einzelheiten Teil der laufenden Ermittlungen sind und jedes Polizeigesetz, das auch die Einsatzbedingungen der Polizisten regelt, kantonal unterschiedlich ist.
Grundsätzlich gebe es aber beim Schusswaffeneinsatz drei Hauptkomponenten, sagt Birrer. Die Erste sei die rechtliche. Es müsse sich um Notwehr oder Notstand handeln, damit ein Polizist die Pistole ziehen darf. Dann müsse abgewogen werden, ob die Schusswaffe das richtige Mittel sei. Birrer spricht hier die «Waffengleichheit» an. Und letztlich muss der Einsatz verhältnismässig sein. Heisst, dass nur geschossen werden darf, um eine akute Bedrohung für Leib und Leben zu stoppen.
Den Pistoleneinsatz trainieren die angehenden Beamten in Birrers Polizeischule. «Wir üben in mehreren praktischen, verhaltensbezogenen Szenarien. Der Polizist lernt, wie er in bestimmten Situationen reagieren muss. Das geht von einer Festnahme bis zum Einsatz der Schusswaffe», sagt Birrer. Dieser werde mit Waffenattrappen oder Pistolen, geladen mit Übungsmunition, geübt. «Man stellt die Leute vor Situationen, in der sie schnell entscheiden müssen, ob sie nun schiessen dürfen oder nicht.» Zwar könne man den Ernstfall, bei dem auch Stress und Adrenalin eine Rolle spielen, nicht eins-zu-eins nachstellen. Aber: «Den Reflex, wann man eine Waffe ziehen soll, können wir antrainieren», sagt Birrer.

Berüchtigtes Perron

Das Drama von Perron 4 in Morges erhitzt nun auch die Gemüter in der Deutschschweiz. In Bern, Basel und Zürich hat die Antifa Demonstrationen angekündigt. Für die Linksradikalen ist klar, dass die Polizei den 37-jährigen Nzoy nur wegen seiner Hautfarbe erschossen hat. Belege dazu gibt es keine. Die Kantonspolizei Waadt dementiert die Rassimusvorwürfe. Wie immer, wenn ein Polizist seine Dienstwaffe ziehen muss, hat die zuständige Staatsanwaltschaft ein Verfahren eröffnet.
Für die Waadtländer hat Perron 4 mittlerweile einen schlechten Ruf. Hundert Meter von diesem Perron entfernt hat im September 2020 ein Islamist einen Anschlag verübt und einen Mann erstochen.

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