Todesfalle Windrad

Todesfalle Windrad

Der Betrieb von Windturbinen führt immer wieder zu spektakulären Unglücken. Doch wie viele Vorfälle und Unfälle sich ereignen, ist unbekannt: Die Windindustrie zeigt sich zugeknöpft. Sicher ist aber, dass bei Windrad-Unfällen schon Hunderte von Menschen gestorben sind.

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von Alex Reichmuth am 12.10.2021, 07:00 Uhr
Brand einer Windturbine in Österreich 2017. Bild:  Keystone
Brand einer Windturbine in Österreich 2017. Bild: Keystone
Die Menschen in Haltern im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen waren am Morgen des 30. Septembers schockiert. Am Vorabend war ein riesiges Windrad mit einer Höhe von 239 Meter eingestürzt. Die Bauteile lagen nun im Wald verstreut neben dem Stumpf der Windturbine. Wie durch ein Wunder war niemand zu Schaden gekommen.

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Eingestürztes Windrad bei Haltern, Deutschland, 2021. Bild: Keystone

Die Anlage war neu. Sie hätte exakt an diesem 30. September eingeweiht werden sollen. Nun sprach der Geschäftsführer des Windparks von einem «Werk der Zerstörung». Die Ursache des Einsturzes ist bis heute unbekannt. 22 baugleiche Anlagen in Deutschland mussten vorsorglich abgeschaltet werden. «Müssen Windräder immer höher werden?», fragte sich eine Journalistin.

Die Feuerwehr konnte nur zuschauen

Nur einen Tag später wurde Nordrhein-Westfalen von einem weiteren Windturbinen-Unglück heimgesucht. In der Nacht auf den 1. Oktober brannte ein Windrad bei Neuenkirchen. Wie meist bei solchen Bränden konnte das Feuer nicht gelöscht werden. Denn dieses war zu weit oben (die Nabenhöhe der Anlage betrug 100 Meter), und wegen herabstürzender Teile war ein Löscheinsatz beim Turm sowieso zu gefährlich. Die Feuerwehr konnte nichts tun, ausser den Bereich um das Windrad grossräumig abzusperren und zu warten, bis das Feuer erloschen war.

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Brand einer Windturbine in Neuenkirchen, Deutschland, 2021

Bereits im April 2020 hatte sich in Haltern ein erstes Windrad-Unglück ereignet. Damals war ein 57 Meter langes und 15 Tonnen schweres Rotorblatt vom Wind zerborsten worden und auf eine Strasse gefallen. Auch hier handelte es sich um eine besonders grosse Anlage mit einer Höhe von über 200 Meter. Ursache dieses Absturzes war ein Materialfehler. Das Windrad stand monatelang still. Es mussten drei neue Rotorblätter montiert werden.

Windrad während eines Sturms umgeknickt

Der deutsche Bundesverband Windenergie sprach nach dem jüngsten Unglück in Haltern von einem «seltenen Vorfall». Seit 2005 seien insgesamt nur sechs solche Ereignisse in Deutschland registriert worden. Zu ihnen gehört sicher der Vorfall vom Dezember 2016, als im Bundesland Sachsen ein 95 Meter hohes Windrad während eines Sturms umknickte. Die Anlage war kurz zuvor einer Inspektion unterzogen worden. Der Ort wurde daraufhin zu einer Art Pilgerstätte für Schaulustige.

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Umgeknicktes Windrad in Sachsen, Deutschland, 2016

Ebenfalls im Dezember 2016 fiel im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern ein 70 Meter hohes Windrad zusammen. Ursache hier war vermutlich ein defektes Bauteil.
Der Einsturz in Haltern erinnert an denjenigen eines Windrads in Nordschweden im November 2020. Die Betreiberfirma Vestas sprach damals ebenfalls von einem «extrem seltenen» Vorfall.

Bisher keine Vorfälle in der Schweiz

Brände bei Windturbinen sind hingegen nicht so selten. Im Mai dieses Jahres brannte in Bundesland Schleswig-Holstein eine Anlage aus. Das Feuer griff dabei von der Kabine auf einige Rotorblätter über und zerstörte diese komplett. Die Anwohner der Ortschaft Lindewitt wurden wegen der starken Rauchentwicklung aufgefordert, die Fenster und Türen geschlossen zu halten.
Im April 2021 brannte eine Anlage im österreichischen Burgenland. Die Flammen waren bis zu 50 Meter hoch. Auch hier war ein Löschen unmöglich. Der Feuerwehr blieb nichts anderes, als das Gebiet um das Windrad grossräumig abzusperren.
Aus der Schweiz sind bisher keine Einstürze oder Brände bei Windrädern bekannt. Allerdings gibt es hier auch nur 42 Anlagen.

Tote und Verletzte bei Stromschlägen

Bei all den erwähnten Ereignissen sind keine Menschen zu Schaden gekommen. Doch es gibt eine ganze Liste von Unfällen bei Windrädern mit Verletzten und Toten. Im April dieses Jahres war ein Mann bei Wartungsarbeiten an einer Anlage bei Hückeswagen im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen durch einen Stromschlag schwer verletzt worden. Ebenfalls im April kam in Creglingen im Bundesland Baden-Württemberg ein Arbeiter wegen eines Stromschlags ums Leben.
Im September 2015 stürzte im Bundesland Brandenburg der Lift einer Windanlage ab. Dabei gab es einen Toten und einen Schwerverletzten. Das Brandenberger Umweltministerium rapportierte 2016 aufgrund einer parlamentarischen Anfrage insgesamt vier tödliche Unfälle bei Windrädern seit 2003. Unter anderem war im Mai 2013 ein Arbeiter durch eine ungesicherte Kranluke in den Tod gestürzt.

Gefangen durch das Feuer

Gerade zwei Tote forderte 2013 ein Unglück bei Ooltgensplaat in den Niederlanden. Bei einer Windanlage war Feuer ausgebrochen. Zwei Arbeiter waren auf der Anlage gefangen. Einer sprang hinunter. Der andere wurde tot auf der Turbine gefunden.
Wie viele Unglücke und Unfälle sich im Zusammenhang mit der Windenergie ereignen, ist unbekannt. In Deutschland etwa gibt es keine entsprechenden Statistiken – oder sie sind zumindest nicht öffentlich. Nur wenige Bundesländer verfügen wegen parlamentarischer Anfragen zumindest über unvollständige Aufstellungen. «Es ist schon bemerkenswert, dass wir in Deutschland alles Mögliche erfassen und archivieren, Havarien von Windkraftanlagen aber offenbar nicht», monierte FDP-Präsidiumsmitglied Frank Sitta bereits vor zwei Jahren gegenüber «t-online.de».

«Verschwindend geringe Zahl»

Der deutsche Bundesverband Windenergie nannte im Februar 2019 gegenüber der «Wirtschaftswoche» eine Zahl von zehn Ereignissen (Brände, Einstürze, Abbrüche) pro Jahr. Das sei «eine verschwindend geringe Zahl bei einer installierten Kapazität von 30’000 Anlagen».
Der TÜV-Verband kam aber durch eigene Recherchen auf durchschnittlich 50 gravierende Vorfälle pro Jahr an Windrädern in Deutschland. «Unfälle sind ein Sicherheitsrisiko für Menschen und Umwelt, zumal Windparks immer näher an Strassen und Siedlungen heranrücken», stellte Joachim Bühler fest, Geschäftsführer des Verbands. Für etwa die Hälfte aller deutschen Windräder seien aber keine Prüfungen nach einheitlichen Kriterien von unabhängigen Stellen vorgeschrieben.

TÜV-Verband fordert bessere Kontrollen

Der Bundesverband Windenergie wiederum hielt dem TÜV-Verband vor, dessen Forderung nach besseren Kontrollen sei von Eigeninteressen geleitet, denn die Sicherheitsstandards bei Windrädern seien etabliert und ausreichend. «Das Kalkül ist klar», sagte Verbands-Chef Wolfram Axthelm gegenüber «t-online.de». «Der TÜV versucht sehr aggressiv, neue Geschäftsfelder zu erschliessen.»
Weil so gut wie keine Statistiken von Betreibern oder Behörden zu Vorfällen bei Windanlagen bekannt sind, müssen Private einspringen. So hat es sich das schottische Caithness Windfarms Information Forum (CWIF) zur Aufgabe gemacht, weltweit Vorfälle bei Windkraftanlagen zu sammeln – aufgrund von behördlichen Informationen und Presseberichten. Die Initianten des CWIF betonen dabei, dass ihre Statistiken unvollständig seien, ja es sich bei den erfassten Ereignissen vermutlich nur um «die Spitze des Eisbergs« handle.

220 Tote bei Windkraft-Unglücken

Eine Übersicht des CWIF über Unfälle bei Windparks – seit 1996 bis Mitte 2021 – kommt auf 3033 Vorfälle. Dabei sind Unfälle im Laufe der Jahre tendenziell immer häufiger geworden, im Gleichschritt mit der steigenden Zahl an Windturbinen. Letztes Jahr sind erstmals über 300 Unfälle registriert worden (siehe hier).

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Zahl der weltweiten Windrad-Unfälle. Quelle: CWIF

156 Unglücke endeten tödlich. Dabei kamen insgesamt 220 Personen ums Leben, wovon 127 Angestellte der Windrad-Betreiber oder von Support-Unternehmen waren. Ob auch Passanten und Privatleute unter den Toten waren, geht aus der Statistik nicht hervor. Weitere 451 Menschen wurden verletzt.

Bis zu 1,6 Kilometer weit geschleudert

Am häufigsten registrierte das CWIF Vorfälle mit versagenden Rotorblättern. Es wurden 468 entsprechende Vorfälle verzeichnet. Dabei sind Teile von Rotorblättern bis zu einer Meile (rund 1,6 Kilometer) weit geschleudert worden.
Weiter sind in der Statistik 414 Brände zu finden, 258 Unfälle bei Transporten und 46 Vorfälle mit Eiswurf.
Wie erwähnt erhebt des CWIF keinen Anspruch auf Vollständigkeit seiner Daten. «Keine andere Energie-Industrie arbeitet mit einer solchen Geheimhaltung, was Vorfälle angeht», stellen die Autoren des erwähnten Berichts ernüchtert fest.

Podcast zu Infraschall bei Windturbinen: siehe hier
Windkraft in der Krise, Teil 1: siehe hier
Windkraft in der Krise, Teil 2: siehe hier
Windräder: Tödliche Gefahr für Fledermäuse: siehe hier
Podcast mit Windkraft-Gegner Elias Meier: siehe hier


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Alex ReichmuthHeute, 05:00comments

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