Theologische Gedanken zur Tragödie von Crans-Montana

Warum sie? Warum überhaupt?

4
07.01.2026
Blumen und Kerzen erinnerten an die Opfer der Silvesternacht. Bild: Keystone
Blumen und Kerzen erinnerten an die Opfer der Silvesternacht. Bild: Keystone

von Béatrice Acklin Zimmermann, habilitierte Theologin und Geschäftsführerin des Think-Tanks Liberethica

«Und was sagen Sie zu dieser Tragödie, Sie sind doch Theologin?» In der spöttischen Frage schwingt der Vorwurf mit, die Theologenzunft verstünde sich besonders gut darauf, grosse Worte zu machen und billigen Trost zu spenden.

Was sagt man angesichts dessen, dass das in der Silvesternacht in Sekundenschnelle um sich greifende Feuer Dutzende junger Menschenleben auslöschte und die Hinterbliebenen in abgrundtiefe Trauer und Verzweiflung stürzte? Was sagt man angesichts der entsetzlichen Berichte von Schwerstverletzten, von verbrannten Körpern, versengten Gesichtern, von schreienden und wimmernden Menschen? Kann, darf man überhaupt etwas sagen, wenn man das Feuer nicht selber lodern gesehen, die Schreie nicht selber gehört, den Geruch der verbrannten Haut nicht selber gerochen, die Todesangst nicht selber erlebt hat? Kann man überhaupt etwas sagen, das nicht nach billigem Trost riecht?

Die Frage der Theodizee

Am 1. November 1755, als sich Tausende von Gläubigen in die Kirchen von Lissabon drängten, um der Messe beizuwohnen, wurde die Stadt kurz vor 10 Uhr von einem starken Erdbeben erschüttert. Kirchen und andere Gebäude stürzten ein und begruben zahllose Opfer unter Trümmern. Die Kerzen, die zu Ehren der Heiligen angezündet worden waren, fielen zu Boden und setzten ganze Stadtteile in Brand. Das Erdbeben und die damit verbundene Feuersbrunst, die innerhalb weniger Minuten Lissabon fast vollständig zerstörten und Zehntausenden von Menschen das Leben kostete, erschütterten das Gott- und Weltvertrauen einer ganzen Generation von Menschen und brachten Theologen in arge Erklärungsnot: Wie konnte ein guter und allmächtiger Gott die Menschen wahllos und grausam zu Tode kommen lassen? Die uralte Frage der Theodizee stellte sich in Lissabon brennend neu.

Die Frage «Wie konnte Gott das zulassen?», wird in der säkularisierten Welt wohl nur noch wenigen Menschen über die Lippen kommen. Die Frage nach dem «Warum», eine der grössten aller Menschheitsfragen, dürfte aber auch heute und gerade jetzt viele umtreiben. Warum widerfährt guten Menschen Schlimmes? Warum mussten so viele junge Menschen, die einfach nur feiern wollten, in den Flammen umkommen? Warum hat es zwei Schwestern und sogar Kinder getroffen? «Ich werde mich bis in den Tod hinein weigern, die Schöpfung zu lieben, in der Kinde gemartert werden», sagt im Roman «Die Pest» von Albert Camus der Arzt Dr. Rieux, der angesichts des Todes eines Kindes und der Grausamkeit und Ungerechtigkeit in der Welt um seine Fassung ringt.

Aus manchen Momenten ist nichts zu machen

An der Frage, wie ein gütiger und allmächtiger Gott das Leid unschuldiger Menschen zulassen kann, arbeiten sich seit Jahrhunderten Theologen, Philosophen und Kunstschaffende ab. Eine endgültige Antwort darauf konnten sie bislang nicht finden. Vor dem Warum, warum ist die Welt so grausam und ungerecht, musste und muss die Vernunft, gläubig oder nicht gläubig, kapitulieren. Warum junge Menschen? Warum gerade sie? Warum überhaupt?

Die Tragödie von Crans-Montana beweist weder die Existenz eines allmächtigen und gütigen Gottes, noch dementiert sie diese. Vielmehr zeigt sie auf, dass es Lebensmomente gibt, aus denen nichts zu machen ist: Nichts zu verstehen, nichts zu erklären, nichts zu verwenden, nichts zu bewältigen. Momente, in denen wir uns mit aller Kraft dem Sog der Sinnlosigkeit entgegenzustemmen versuchen. Momente, deren grausiger Absurdität unser Blick nicht standzuhalten vermag. Momente, in denen wir uns, überwältigt vom Grauenvollen, entsetzt abwenden. Was sich existenziell nicht rechtfertigen lässt, sollte man intellektuell nicht zu rechtfertigen versuchen. Das unschuldige Leiden ist nicht theoretisch zu verstehen, sondern praktisch zu bestehen.

Bibel spendet Worte

Nicht nur, aber gerade an der Grenze des Menschenmöglichen, wenn wir mit unseren Erklärungen am Ende des Lateins sind, kann eine Dimension relevant werden, die noch mit einem anderen Akteur als dem Menschen und etwas Größerem als dem eigenen Ego rechnet. Wenn uns der Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen zu Boden wirft, wenn uns die abgrundtiefe Verzweiflung die Sprache verschlägt, dann könnten uns die Psalmen im uralten Buch der Bibel Worte des Klagens und Fragens leihen.

Die sogenannten Klagepsalmen sprechen von Menschen, denen die Zerbrechlichkeit und Endlichkeit des Lebens vor Augen steht, sie erzählen von Tod und Trauer, Verzweiflung und Verlassenheit, von unermesslichem Leid und unerträglichem Schmerz, und sie tun dies, ohne abzuwiegeln oder zu beschwichtigen. Dadurch wirken die Klagepsalmen auch heute noch wie geduldige Zuhörer. Sie fragen unerbittlich: Weshalb gerade ich? Weshalb muss ich das erleiden? Wenn Gott Gott ist, so antworte er mir! Sie schreien nach Antwort und fragen nach dem Sinn, wo alles sinnlos erscheint.

Wer in den alttestamentlichen Klagepsalmen liest, findet Erstaunliches: Gott wird angeklagt und angeschrien. Der Klagende hält seine Not Gott ungefiltert entgegen. Er schreit zu Gott und macht ihm schwere Vorwürfe. Der Beter des 13. Psalms fragt Gott vier Mal, wie lange er denn noch leiden soll. Die biblische Klage beschönigt nichts und erklärt nichts. In ihr gibt es Platz für Schreie und Tränen und Wut, hier können die, die unmittelbar betroffen sind, auf das Miteinstimmen und Mitleiden der anderen zählen.

Zurück aus dem Hintergrund

Die Klage und Anklage, wie sie in den Klagepsalmen und im Buch Hiob, aber auch in der Passionsgeschichte vorkommen, sind im Laufe der vielen Jahre immer mehr in den Hintergrund gedrängt worden. Bereits der dänische Philosoph und Pastor Søren Kierkegaard forderte in heiligem Zorn, dass es die Klage und Anklage, den «wahren Hiob», zurückzugewinnen gelte: «Hiob! Oh Hiob! Sagtest du wirklich nichts anderes als diese schönen Worte: der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gepriesen? Weh dem, der den Trauernden auf subtile Weise um den einstweiligen Trost der Trauer, sich Luft zu machen und ‚mit Gott zu hadern‘, betrügen will.»

Die Blumen und Kerzen, die auf der Strasseninsel an die Opfer der Silvesternacht erinnerten, wurden zwischenzeitlich weggeräumt, der Verkehr läuft wieder flüssig. Nicht weit davon entfernt ziehen Skifahrer ihre Kreise, der Neuschnee glitzert in der Sonne. Der Natur scheinen die Toten gänzlich gleichgültig zu sein. Bald dürfte sich auch das Interesse der Öffentlichkeit einem anderen Ereignis zuwenden. Im Zug unserer kurzlebigen Zeit könnte es nicht falsch sein, die Klagepsalmen zurückzugewinnen, um mit ihnen gegen das gedächtnislose Verschwinden der Opfer von Crans-Montana anzukämpfen.

Fehler gefunden? Jetzt melden.

Konversation wird geladen