In Sorge um unsere politische Kultur

Mehr Ehrlichkeit im Bundesrat, bitte!

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01.01.2026
Der Bundesrat muss wieder die Institution werden, die über Taktik und Machtspielen steht: Bundesratsfoto 2026. Bild: Keystone
Der Bundesrat muss wieder die Institution werden, die über Taktik und Machtspielen steht: Bundesratsfoto 2026. Bild: Keystone

Die Fakten: Bundesrat und Verwaltung haben 2025 die Art und Weise missachtet, wie in der Schweiz politische Debatten ausgetragen werden. Machen sie 2026 so weiter, beschädigen sie nicht nur ihre Glaubwürdigkeit und das Vertrauen der Bürger, sondern die Institution Bundesrat selbst. 

Warum das wichtig ist: Die Willensnation Schweiz wird von ihren Institutionen zusammengehalten. Deren Ämter sind wichtiger als die Personen, die sie besetzen. Wer die Institutionen beschädigt, beschädigt das Land.

Bundesrat Ignazio Cassis
Bundesrat Ignazio Cassis: Falschaussagen mangels oder wider besseres Wissen? Bild: Keystone

Das ist passiert: Bundesrat und Verwaltung machten 2025 alles für die Zustimmung zu den Rahmenverträgen. Da werden Fakten verdreht oder Tatsachen weggelassen, nur um das Verhandlungsresultat gut aussehen zu lassen. Ein paar konkrete Beispiele – ohne Anspruch auf Vollständigkeit: 

Das Fazit: Der Bundesrat missachtete 2025 mehrfach die Bundesverfassung, behauptete Dinge wider besseres Wissen und liess wichtige Informationen weg. Alles für die Taktik, alles für den Sieg am Abstimmungssonntag – auch wenn dieser vielleicht nur knapp ausfällt.

Symbolbild Bundeshaus
Der Bundesrat sollte die politische Kultur unter allen Umständen bewahren. Bild: Keystone

Wie nennen wir das? Das ist «Bullshit», wie der Moralphilosoph Harry G. Frankfurt es definiert hat: «Bullshit is speech aimed at persuading without regard to truth.» (dt.: «Bullshit ist Rede um zu überzeugen – ohne Rücksicht auf die Wahrheit.») Der «Bullshitter» ist schlimmer als der Lügner – letzterer kümmert wenigstens die Wahrheit, ersterem ist sie egal. 

Meine Beurteilung: Damit verstiess der Bundesrat im letzten Jahr gleich mehrfach gegen die politische Kultur der Schweiz. Dass Befürworter und Gegner einer Vorlage in der Auseinandersetzung weit gehen, gehört zwar zur demokratischen Auseinandersetzung. Wenn es der Bundesrat tut, beschädigt er seine Glaubwürdigkeit und das Vertrauen der Bevölkerung – letztlich seine Institution selbst. Aber am Montag nach dem Entscheid über die Rahmenverträge sind wir immer noch ein Land, eine Nation, die zusammengehalten wird von der Überzeugung, dass wir es besser haben, als wenn wir Deutsche, Italiener oder Franzosen wären.

Was ist zu tun? Der Bundesrat sollte 2026 zurückkehren zur sachlichen Erläuterung des Verhandlungsergebnisses und zugeben, dass die Rahmenverträge auch unerwünschte Auswirkungen haben. Es gehört zudem zu unserer politischen Kultur, nicht alles der Taktik unterzuordnen. Der Bundesrat darf sich nicht zu Machtspielen hinreissen lassen. Ein bisschen politische Grosszügigkeit, zum Beispiel bei der Frage des Ständemehrs wäre angebracht – um eine Spaltung des Landes (nur schon in den Köpfen) zu verhindern. Ignazio Cassis ist sich dessen bewusst. Warum handelt er nicht danach?

Und dann noch dies: Lebt der Nebelspalter selbst auch nach dieser politischen Kultur? Die Medien sind keine Institution wie der Bundesrat. Aber auch Medien leben von Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Wir werden auch 2026 alles daran setzen, sachlich und faktenbasiert zu informieren – und erst danach zu kommentieren. Versprochen! Lesen Sie als Beweis dafür unser Dossier zu den Rahmenverträgen – und wenn Sie einen Fehler finden, dann schreiben Sie uns.

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