The Somm Show Ep. 7, mit Ladislaus Löb: «Nein, die meisten SS-Männer waren böse. Ein einziger war nett.»

The Somm Show Ep. 7, mit Ladislaus Löb: «Nein, die meisten SS-Männer waren böse. Ein einziger war nett.»

Ladislaus Löb, Professor für Englisch und Deutsch, ein einst ungarischer Jude aus Siebenbürgen, der zum Schweizer wurde, hat den Holocaust überlebt. Er ist 88 – und munter. Ein Gespräch über die Hölle – und den Himmel.


Als Ladislaus Löb elf Jahre alt war, kam er mit seinem Vater ins KZ Bergen-Belsen. An sich war es ein Missverständnis, eigentlich hätten die beiden längst in Palästina sein sollen, so wie es ein jüdischer Unterhändler mit den Nazis ausgemacht hatte: Für 1000 $ pro Juden hatten sich die Nazis bezahlen lassen, doch die 1700 ungarischen Juden, darunter Löb und sein Vater, die so hätten freikommen sollen, wurden zunächst nicht befreit. Vermutlich, weil die Nazis noch mehr Geld herauspressen wollten. Im KZ wurden sie sozusagen zwischengelagert. Immerhin, so erzählt Löb, behandelte man sie im KZ deshalb ein wenig besser als die übrigen Gefangenen. Und das war unmenschlich genug.
«Gab es denn unter den SS-Männern gar keinen, der nett war?», fragte Markus Somm den Holocaust-Überlebenden, der vor kurzem 88 Jahre geworden war, und nach wie vor von einer Lebenslust und Erzählfreude sprüht, wie sie nur bei wenigen 40jährigen zu erleben sind. «Nein, die meisten waren böse. Ein einziger war nett. Er war klein, wir nannten ihn Popeye. Einmal, so wurde mir erzählt und ich glaube die Geschichte, hatten die Häftlinge wieder einmal zum Appell anzutreten. Es regnete in Strömen, und einem Mädchen widerfuhr das Unglück, dass es in einer Pfütze zu stehen kam, wo es sich nicht wegbewegte. Niemand durfte sich nämlich bewegen, das hätte böse Folgen gehabt. Also blieb das Mädchen starr stehen, und seine Füsse wurden ganz nass, denn in ihren Schuhen hatte es Löcher. Offenbar war das Popeye aufgefallen. Am nächsten Morgen kam er zu ihr und schenkte ihr neue Schuhe.»
Irgendwann hiess es dann: Ihr kommt in die Schweiz, und Löb und sein Vater wurden im Dezember 1944 in dieses kuriose, neutrale Land geschickt, das sie nicht gekannt hatten. In St. Margrethen erreichte ihr Zug die Freiheit. «Was fiel Ihnen auf?», fragte Markus Somm. «Die gute Schokolade.»
Ladislaus Löb blieb – er machte in Zürich die Matura, studierte an der Universität Zürich Englisch und Deutsch, um dann nach England zu ziehen, wo er für kurze Zeit Deutsch unterrichten sollte. Doch es kam anders, und bald stieg er zum Professor auf, was er bis zur Pensionierung blieb, zuletzt an der Universität von Brighton. Erst vor vier Jahren kehrte er aus England in seine neue und alte Heimat zurück: Boris Johnson und der Brexit hatten ihn vertrieben, beides verabscheut er. Ausgerechnet er, der einst ungarische Jude, der Schweizer geworden war, kam zurück in die Schweiz, dem Land, das partout nicht in die EU will.
Ein Gespräch über das Leben, das Böse und Heiterkeit trotz allem.

Mai 13, 2021