Die letzten Watt werden teuer

Die letzten Watt werden teuer

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von Stefan Bill am 27.3.2021
Die Schweiz will bis 2050 die Treibhausgas-Emissionen auf Netto-Null bringen. Das wird nicht nur für den Staat, sondern auch für den Konsumenten teuer. (Bild: Shutterstock)
Die Schweiz will bis 2050 die Treibhausgas-Emissionen auf Netto-Null bringen. Das wird nicht nur für den Staat, sondern auch für den Konsumenten teuer. (Bild: Shutterstock)
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Der Bundesrat hat Netto-Null-Treibhausgas-Emissionen bis 2050 als Ziel gesetzt. Eine Studie des Paul Scherrer Instituts rechnet vor: Möglich ist es, doch die letzten 20 Prozent werden richtig teuer.

Das Paul Scherrer Institut (PSI) hat eine Studie veröffentlicht, die aufzeigt, welche Massnahmen nötig wären, um die Schweizer Treibhausgas-Emissionen innerhalb von 30 Jahren unter dem Strich auf Null senken und wie viel jeder von uns dafür zahlen müsste. Klar ist: billig wird es nicht. Und 80 Prozent der Investitionskosten werden die Konsumenten zahlen.

Mehrkosten von 97 Milliarden

Im Hauptszenario der Studie rechnen die Forscher mit kumulierten Mehrkosten von 97 Milliarden Franken bis 2050. In diesem Szenario würden sich die effizientesten Technologien durchsetzen. Zudem würden Rohstoffe und Strom über die Grenzen hinweg frei gehandelt werden und die Transformation global unterstützt.
Die Wissenschaftler haben jedoch diverse Szenarien ausgearbeitet. Dabei kamen auch verschiedene Kosten heraus. So entstand eine Bandbreite zwischen 200 und 860 Franken pro Person und Jahr. Die Kostenunterschiede sind auf unterschiedliche Entwicklungen zurückzuführen. Beispielsweise, wie sich die Energietechnologien entwickeln, wie die benötigten Ressourcen verfügbar sein werden, oder auch wie gross die Akzeptanz gegenüber den neuen Technologien sein wird.

«Erst die letzten 20 oder zehn Prozent werden richtig teuer»

Dr. Tom Kober, Leiter der PSI-Forschungsgruppe Energiewirtschaft und einer der Hauptautoren der Studie
Auffallend ist: Ein Szenario, bei dem die energiebedingten Treibhausgas-Emissionen um nur 80 Prozent gesenkt werden, kostet mit 11 Milliarden fast neunmal weniger, als das Hauptszenario. Zwar erreicht es mit der 80-prozentigen Reduzierung der Emissionen bis 2050 nicht das Ziel des Bundesrates, das dem Ziel des Pariser Klimaabkommen, die globale Klimaerwärmung auf maximal 1,5 °C gegenüber 1990 zu begrenzen, entspricht. Gemäss Tom Kober, Leiter der PSI-Forschungsgruppe Energiewirtschaft und einer der Hauptautoren der Studie, berücksichtigt es aber alle  Optionen, die sich kosteneffizient umsetzen lassen.
«Erst die letzten 20 oder zehn Prozent werden richtig teuer», sagt Kober. «Es ist dementsprechend eine exponentiell ansteigende Kostenfunktion.» Denn um die letzten 20 Prozent zu erreichen, wird es teure Optionen brauchen. Man müsste beispielsweise den gesamten Schwerlastverkehr, der zur Zeit überwiegend auf fossilen Brennstoffen basiert, auf synthetische Kraftstoffe umstellen.

Was müsste getan werden, um das Ziel des Bundesrates zu erreichen?

«Das Ziel im Jahr 2050 Netto-Null-Kohlendioxid-Emissionen zu erreichen, erfordert einschneidende Transformationen bei der Bereitstellung und dem Verbrauch von Energie in beinahe allen Bereichen» fasst Kober zusammen. Denn das gesteckte Ziel wird nur erreicht, wenn eine radikale Veränderung der Art und Weise stattfindet, wie Energie genutzt, gespeichert und umgewandelt wird.
Evangelos Panos, ebenfalls einer der Hauptautoren der Studie gibt zu bedenken: “Um ihre Ziele zu erreichen, muss die Schweiz die Emissionen im Durchschnitt jedes Jahr um eine bis anderthalb Millionen Tonnen verringert werden.» Veränderungen der Co2-Emissionen in dieser Grössenordnung habe es im Zeitraum 1950 bis 1980 bereits gegeben – allerdings «in die umgekehrte Richtung.» Doch er zeichnet auch ein positives Bild. Mehr als zwei Drittel der Emissionsreduktionen seien durch Technologien erreichbar, die bereits kommerziell verfügbar seien oder sich in der Demonstrationsphase befänden. Diese Technologien führen durch ihre Effizienzsteigerung dazu, dass der Endenergieverbrauch pro Kopf bis 2050 um über die Hälfte sinken wird. Dies beispielsweise, weil die Gebäude besser isoliert werden oder die Effizienz von Elektromotoren besser ist, als von Verbrennungsmotoren.

Solarstrom muss ausgebaut werden

Doch um die Ziele des Bundesrates zu erreichen, müssten die privaten Autos bis 2050 fast ausschlieslich elektrisch angetrieben werden und Wärmepumpen müssten bis 2050 zwei Drittel des Wärme- und Warmwasser-Bedarfs aller Gebäude decken. Im Hauptszenario der Studie würden durch diese Massnahmen der schweizweite Strombedarf bis 2050 um 20 Terawattstunden ansteigen. 2019 lag der Stromverbrauch in der Schweiz bei 57,2 Terawattstunden. Zwar wird die Nachfrage nach fossilen Energieträgern sinken. Doch um den Strombedarf zu decken, müssten beispielsweise deutlich mehr Photovoltaikanlagen gebaut werden. Und zwar soviel, dass sich der Solarstrom in der Schweiz alle zehn Jahre verdoppelt.
Die Studie können Sie hier nachlesen.

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