Teilnehmerzahlen bei Demos: Die Medien folgen den Angaben der Veranstalter – ausser bei Corona

Teilnehmerzahlen bei Demos: Die Medien folgen den Angaben der Veranstalter – ausser bei Corona

Am letzten Samstag demonstrierten Massnahmen-Gegner in Bundesbern. Die Stadt war voll mit Demonstranten – doch über die offiziellen Zahlen wird gestritten.

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von Serkan Abrecht am 28.10.2021, 18:00 Uhr
Wie viele waren es denn jetzt wirklich? Corona-Demo in Bern. Bild: Keystone-SDA
Wie viele waren es denn jetzt wirklich? Corona-Demo in Bern. Bild: Keystone-SDA
Gehen die Klimademonstranten auf die Strasse, dann ist ihnen die Medienpräsenz sicher. Und wenn sie dann in einer euphorischen Medienmitteilung eine Bilanz zu ihrer «erfolgreichen» Demo ziehen, dann übernehmen die Medien ohne zu hinterfragen die Botschaft. Bei der Klimademo in Bern im September 2019 sprechen die Organisatoren von 100’000 Teilnehmern – das SRF übernimmt diese Zahl.
Schweizweiter Klimastreik im Mai 2021: Die Organisatoren sprechen von 30’000 Demonstranten – die «NZZ» übernimmt die Zahl.
Widerstand gegen die AHV-Reform «AHV21» auf dem Bundesplatz vor wenigen Wochen: Die Gewerkschaften sprechen von 15’000 Demonstranten – «20 Minuten» übernimmt die Zahl.

Plötzliches Misstrauen

Es ist nicht unüblich, dass Medien bei Demo-Berichterstattungen die Schätzungen der Organisatoren übernehmen. Denn meist gibt es keine andere Zahlen. Eine Demo ist schliesslich keine Landsgemeinde, bei der jeder Anwesende gezählt wird. Es bleibt bei Schätzungen, und diese können die Organisatoren am besten vornehmen. Natürlich sind diese Zahlen meist ein wenig dick aufgetragen, ausgeschmückt.
Doch bislang wurde das nie hinterfragt – ausser bei der letzten Demo der Corona-Massnahmen-Gegner auf dem Bundesplatz. Dort nahmen die Medien eigene Schätzungen vor (siehe hier). Das «SRF» berichtete von «tausenden Personen», auch die Tamedia-Blätter schätzen ein paar Tausend Demonstranten in Bundesbern, «20 Minuten» schreibt von «mindestens 5’000» Personen. Die Veranstalter hingegen sprechen von mindestens 50’000 Teilnehmern. Das wäre – wenn zutreffend – eine der grössten Kundgebungen in der Schweiz in den letzten Jahren.

Zweierlei Handhabe

Was bei Klimaaktivisten und Gewerkschaftern nicht hinterfragt wird, wird nun zur Medienposse. «Wie viele Menschen waren wirklich an der Corona-Demo in Bern?», fragt «20 Minuten». Und die Blätter von CH-Media zweifeln grundsätzlich an den Schätzungen der Veranstalter: «Zahlen in dieser Grössenordnung verbreiteten Massnahmenkritiker übers Wochenende auch fleissig über Telegram-Kanäle – natürlich sollten sie als vermeintlicher Beleg dienen, um die eigene Mobilisierungskraft zu dokumentieren.»
Schätzen ist immer schwer und deshalb ungenau. Eben darum machen die meisten Polizeikorps der Schweiz keine Angaben zur Teilnehmerzahl einer Demo. «Es waren zahlreiche Personen vor Ort, wir geben jedoch grundsätzlich keine Zahlen zu den Teilnehmenden raus, da müssen sie sich an die Veranstalter wenden», sagt die Kantonspolizei Bern. Auch in Basel gibt die Polizei keine Schätzungen ab und verweist jeweils an die Veranstalter.
Weil die Veranstalter vergangenen Samstag in Bern aber keine Klimaaktivisten, sondern Massnahmengegner waren, werden die Zahlen nun von den Medien hinterfragt. Vielleicht dann auch bei der nächsten Demo der Gewerkschaften.

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