Tagi-Leser wollen keinen Genderstern

Tagi-Leser wollen keinen Genderstern

Der «Tages-Anzeiger» lanciert eine Leserumfrage zum gendergerechten Schreiben – und wird wohl von seiner eignen Leserschaft überrascht.

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von Serkan Abrecht am 31.3.2021, 21:23 Uhr
Die Schreibarten bieten die Tagi-Redaktoren ihren Lesern an. Bild: Screenshot
Die Schreibarten bieten die Tagi-Redaktoren ihren Lesern an. Bild: Screenshot
Du bist, was du liest. Das ist das Motto des «Tages-Anzeigers». Und seit heute ist klar, dass seine Leser nicht so «woke», sprich aktivistisch und militant links-grün sind wie die Redaktion. Als vor einigen Wochen Journalisten einen offenen Brief an die Geschäftsführung verfassten und sich über sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz beschwerten, wurde mitunter reklamiert, dass man die Einführung des Gendersterns als «Klamauk» abgetan habe. Die Redaktion will sich nun offenbar gegen die Geschäftsleitung durchsetzen und ihr aufzeigen, dass dies auch der Wunsch der Leser sei. Der Schuss ging nach hinten los.
Denn die Genderpolizei bei Tamedia hat sich mit einer Umfrage, die online auf allen Tamedia-Titeln erscheint, an die Leserschaft gewandt und gefragt, welche Art von «gendergerechten» Sprache sie lesen möchten. Die klare Mehrheit (38,3 Prozent, Stand: 13:00) will die Tagi-Artikel weiterhin im generischen Maskulinum lesen. Den Genderstern wollen nur neun Prozent.
Auf Platz zwei stehen die Leser, die sich lediglich wünschen, dass zwischen den beiden Geschlechtern gewechselt wird. Auffallend ist zudem, dass die weiblichen Leser sich noch mehr für das generische Maskulinum aussprechen (44 Prozent) als die männlichen Leser (32,5 Prozent). Das Resultat ist umso bemerkenswerter als dass bei der Abstimmung zum generischen Maskulin noch in Klammer «alles männlich» hinzugefügt wurde.
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Mehrheit will die Sprache in männlich. Bild: Screenshot
Für viele Frauen gilt das generische Maskulinum wohl weiterhin als integrierend – und nicht der Genderstern wie ihn die «progressiven» Journalisten beim Tagi fordern. So sah es übrigens auch eine der ersten bekannten Frauenrechtlerinnen der Schweiz.
Die Zürcher Juristin Emilie Kempin-Spyri ging 1887 bis vor das Bundesgericht, um zu erkämpfen, dass der Begriff «Schweizer» in der Verfassung als generisches Maskulinum gelte und die Frauen ebenfalls betreffe. Das Bundesgericht wies diese Ansicht mit «ebenso neu als kühn» und deshalb auch die Klage ab. Nun, 134 Jahre später, gilt die männliche Form aber für viele Tagi-Journalisten nicht mehr als inkludierend und sie würden sie gerne abschaffen – wenn da nur nicht ihre Leserschaft wäre.
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