Tabuthema weibliche Gewalt. Ein Betroffener erzählt

Tabuthema weibliche Gewalt. Ein Betroffener erzählt

Im Väter- und Männerhaus in Bern finden gewaltbetroffene Männer und Kinder Zuflucht. Die Täter sind in den meisten Fällen Frauen – doch diese haben von den Behörden wenig zu befürchten. Ein Besuch.

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von Nicole Ruggle am 5.8.2021, 04:00 Uhr
Weibliche Gewalt ist immer noch ein Tabuthema. (Foto: Unsplash)
Weibliche Gewalt ist immer noch ein Tabuthema. (Foto: Unsplash)
Irgendwann hat Christian genug. Hält es nicht mehr aus. Er will weg von zuhause, will vor allem weg von seiner Frau.
Per Zufall erfährt Christian, der in Wirklichkeit anders heisst, vom Männerhaus in Bern. Eilig holt er seine beiden Töchter, zieht im Männerhaus ein und macht eine Gefährdungsmeldung bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb).
Dann bricht er zusammen.
Der Stress der letzten Jahre fordert seinen Tribut. Und auch von den Behörden wird er argwöhnisch beäugt, zunehmend unter Druck gesetzt. Dabei wollte er nur seine Kinder vor ihrer Mutter schützen – und sich selbst natürlich auch. Christian sagt: «Es war, als würde man mir unterstellen, meine Kinder entführt zu haben.»
Sieglinde Kliemen kennt diese Geschichte. Sie sagt: «Bei Behördenangelegenheiten können Männer fast nur verlieren.» Kliemen ist Leiterin und Co-Präsidentin des Vereins «Zwüschehalt» und verantwortlich für das Berner Männerhaus. Sie hat das Treffen mit Christian vermittelt. Weil sie es wichtig findet, dass die Gesellschaft mehr über ein Thema weiss, das gerne tabuisiert wird: Frauen, die ihren Männern Gewalt zufügen.
Seit mehr als sieben Jahren bietet der privat finanzierte Verein «Zwüschehalt» gewaltbetroffenen Männern und Kindern in Krisensituationen Sicherheit und Unterschlupf. Das heisst: Wenn die Mutter, die Partnerin oder die Ehefrau zu Hause den Partner oder die eigenen Kinder misshandelt, bieten die Häuser in Bern und Luzern eine erste Anlaufstelle. Kliemen sagt: «Wenn Väter versuchen, die eigenen Kinder vor der Mutter zu schützen, würden diese von den Partnerinnen nicht selten als Täter hingestellt. Weggewiesen oder mitgenommen wird dann im Regelfall der Mann, die Täterin kommt oft straffrei davon.»
So ist es auch bei Christian. Es ist seine Frau, die ihn bei der Polizei anschwärzt.

Kantonale Opferhilfe: Auf einem Auge blind

Wie heikel das Thema ist, wird bei einem Besuch offensichtlich. Die Adresse des Männerhauses in Bern nennt man aus Sicherheitsgründen nicht. In der Vergangenheit soll es schon zu Stalking-Vorfällen von Täterinnen rund um das Haus gekommen sein. Deswegen findet das erste Treffen mit Kliemen auf einem öffentlichen Platz in Bern statt. «Ich muss Sie bezüglich der Adresse um Geheimhaltung bitten», sagt Kliemen. Sie weiss, wovon sie redet. Seit fünf Jahren berät, begleitet und unterstützt sie Männer und Kinder, die Opfer häuslicher Gewalt werden. Alles für ein sehr bescheidenes Honorar und viel Freiwilligeneinsatz.
Während die Frauenhäuser im Kanton Bern mit Subventionen überschüttet werden, erhält das Männerhaus keine staatlichen Gelder. Manchmal erhalte man einen sehr niedrigen Betrag von der kantonalen Opferhilfe, der, so Kliemen, «beschämend» tief sei. Im Klartext: Männer und Kinder, die Opfer häuslicher Gewalt werden, fallen durch sämtliche Maschen. Der Verein ist deswegen stark auf Spenden aus der Zivilgesellschaft angewiesen. (Lesen Sie hier: «Für Frauenhäuser gibts Millionen, für Männerhäuser Almosen»)

Im Männerhaus

Der Eingang liegt etwas versteckt. Kliemen führt durch ihr Büro und zeigt die einzelnen Räume. Die Einrichtung des Männerhauses ist spartanisch, aber dennoch einladend und freundlich. Die Betroffenen sollen hier zur Ruhe kommen dürfen.
Insgesamt acht Personen bietet das Haus derzeit Platz. Die Zimmer der Männer darf ich nicht besichtigen – man wolle die Betroffenen nicht stören. Denn: Ich bin eine Frau, und das ist ein Männerhaus. Es ist unangenehm, auf einmal als Bedrohung und Eindringling wahrgenommen zu werden. Ein Gefühl, dass Männer in der Regel nur allzu gut kennen. So sieht es oft auch die Gesellschaft: Die Frau als Opfer, der Mann als Täter. Dies, obwohl laut Bundesamt für Statistik ein Drittel aller Opfer häuslicher Gewalt Männer sind. Die Spannweite von den an Männern verübten Delikten reichen von «Tätlichkeiten» über «schwere Körperverletzung» und «sexuellen Missbrauch» bis hin zur «Freiheitsberaubung» und Tötungsdelikten. Dennoch werden Männer, erstatten sie bei der Polizei Anzeige, oft nicht ernst genommen.

Ein Spielzimmer für traumatisierte Kinder

In einem weiteren Stockwerk befindet sich ein Spielzimmer. Denn auch Kleinkinder und Babies werden aufgenommen, wenn die Situation für sie zu Hause nicht mehr zumutbar ist.
Auf dem Boden liegen fein säuberlich geordnete Spielsachen. Parkierte Plastikbagger, eine Legoschachtel, bunte Sitzkissen und ein Teeset mit einem Plastikkuchen. Auch ein Plüschteddy und eine Stoffpuppe sind vorhanden. Auf einem Fenstersims stehen Buntstifte, von den Fenstern hängen Girlanden in verschiedenen Farben. «Alles Spenden», klärt mich Kliemen auf.
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Kinderzeichnungen im Männerhaus Bern. (Foto: Nebelspalter)
Auf den ersten Blick sieht es hier aus wie in jedem anderen Kinderzimmer auch. Aber eben nur auf den ersten Blick. Kinder, die hier spielen, wurden zu Hause vernachlässigt, geschlagen, mitunter sexuell missbraucht oder waren psychischer Gewalt ausgesetzt. «Wenn es so weit ist, dass die Kinder mit ihren Vätern hierher kommen, sind sie bereits traumatisiert», sagt Kliemen. Das passiere immer wieder, jedes Jahr habe man solche Fälle. Und der Täter? Im Regelfall ist es die eigene Mutter. Aber darüber rede die Gesellschaft nicht.
Mit der Stigmatisierung der Frau als Opfer sind auch finanzielle Interessen verbunden. Jedes Jahr fliessen Millionen an Subventionen an Projekte und Organisationen, die sich der Gewaltbekämpfung an Frauen verschrieben haben. Die Frau als Täterin könnte unangenehme Fragen aufwerfen, das Weltbild der zementierten Täter- und Opferrollen ins Wanken bringen.

«Sie drohte mir damit, die Kinder wegzunehmen»

Christian hat sich zu einem Gespräch mit dem «Nebelspalter» bereit erklärt. Ich treffe ihn im Sitzungszimmer des Männerhauses. Fast einen Monat lang verbringt er hier, nachdem die Situation mit seiner damaligen Frau immer weiter eskaliert. Er ist Vater zweier Töchter und hat sich inzwischen von seiner Partnerin getrennt.
Die Ehe sei schwierig gewesen, erzählt er. Früher habe er vollzeit gearbeitet, sämtliche Rechnungen bezahlt, nach Feierabend noch den Haushalt erledigen und das Familienleben praktisch im Alleingang managen müssen. Seine damalige Frau habe hingegen nicht viel zur Familienharmonie beigetragen. «Sie hat viel gelogen, Schulden angehäuft, mich sogar persönlich bestohlen.» Irgendwann folgen konkrete Drohungen. Sie würde Christian die beiden Töchter wegnehmen, wenn er sich nicht ihrem Wille beuge. Sie habe immer mehr Druck aufgebaut, die gemeinsamen Kinder manipuliert, diese gegen ihn aufgehetzt.
Was Christian beschreibt, erleben viele Männer in Beziehungen: Psychische Gewalt. Dafür gibt es keinen Straftatbestand. Zwar gibt es die Möglichkeit, jemanden wegen Nötigung oder Drohungen anzuzeigen, doch die juristischen Hürden dafür sind sehr hoch. Letztendlich steht Wort gegen Wort. Geglaubt wird meistens der Frau. Zudem sitzen Mütter in einem Sorgerechtsstreit meistens am längeren Hebel, die Väter unterliegen meist.
«Wäre sie eine gute Mutter gewesen, die die Kinder gut behandelt hätte, wären diese Drohungen ja kein Problem gewesen», sagt Christian, «man hätte sich einfach trennen können.» Doch die Angst um seine Töchter sei gross gewesen, die Situation zu Hause habe sich zunehmends verschlechtert. Seine Ex-Partnerin habe versucht, ihn aus dem Haus zu mobben und ihn von den Kindern zu entfremden. «Die Mädchen haben Angst vor der eigenen Mutter gehabt, kaum noch ein Wort in ihrer Gegenwart gesprochen. Sie wirkten zunehmend apathisch, ruhig und eingeschüchtert.» Dies sei auch heute noch so. Über ein Jahr nach den Ereignissen.
Seine Ex-Partnerin sei, sagt Christian, «eine super Schauspielerin». In der Öffentlichkeit achte sie auf ein heiles Familienbild, spiele die fürsorgliche Mutter. Zu Hause sei die Stimmung dann schlagartig umgeschlagen. «Die Kinder wurden vernachlässigt, mussten sich um sich selbst kümmern. Manchmal bekamen die Mädchen einen ganzen Tag lang nichts zu essen.» Auch die Hygiene der Kinder sei in schlechtem Zustand gewesen. Oft seien die Mädchen unter der Obhut der Mutter verwahrlost. Diese habe nicht selten den ganzen Tag im Bett gelegen, sich mit ihrem Handy beschäftigt oder fern geschaut.
Sieglinde Kliemen kennt dieses Verhalten auch von anderen Fällen. Solche Frauen litten sehr oft unter einer Persönlichkeitsstörung. Vor allem Narzisstinnen oder Borderlinerinnen würden der Gesellschaft gerne die perfekte Familienfrau vorspielen – zu Hause sei dann oft die Hölle los. Das mache es schwer, den Behörden gegenüber etwas zu beweisen.
Diese Erfahrung musste auch Christian machen. Lehrer und Psychologen aus dem familiären Umfeld seien zwar von den Behörden einvernommen worden, die Kinder selbst habe man aber nicht angehört. Auch die Nachbarn, die zugunsten des Vaters hätten aussagen können, wollte man nicht befragen. Deren Meinung sei angeblich nicht ausschlaggebend.
«Hätte es das Männerhaus nicht gegeben, hätte ich nicht gewusst, wohin mit den Kindern», sagt Christian. Zur Polizei wollte er nicht, da er das Vertrauen in die Behörden verloren habe. «Als Mann wird man nicht ernst genommen, geglaubt wird der Frau.» Es herrsche immer noch der Irrglaube, eine Mutter wolle immer das beste für die Kinder. Und Christian will nicht hinnehmen, dass seine Töchter unter solchen Umständen aufwachsen.
Die Kesb, sagt er, habe ihm zwar geholfen, doch diese sei überarbeitet. Es habe lange gedauert, bis diese endlich reagiert hätten. Inzwischen hat Christian zu fast 50 Prozent die Obhut zugesprochen bekommen. Die Mädchen hätten nun einen besseren Ausgleich im Alltag, fühlten sich wohl beim Vater.
«Natürlich hätte ich schon viel früher gehen können – aber ich hatte Angst um meine Töchter», sagt er. «Als Mann sind einem oft die Hände gebunden, die Frauen sind juristisch in der stärkeren Position.» Eine Tatsache, die auch Sieglinde Kliemen aus jahrelanger Erfahrung bestätigen kann.
Christian wünscht sich, dass man diesem Thema mehr Beachtung schenkt: «Wir müssen uns bewusst werden, dass es viele Männer gibt, die gute Väter sind. Und dass es genauso schlechte Mütter gibt, die sich der eigenen Familie gegenüber bösartig verhalten.»
Denn für ein Opfer macht das Geschlecht des Täters letztendlich keinen Unterschied.
Lesen Sie nächste Woche das Interview mit Sieglinde Kliemen, Leiterin Männerhaus in Bern: «Eine Entwürdigung und Abwertung von Männern durch Frauen findet täglich statt.»

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