Swiss Re: Panikmache mit dem Klimawandel dient dem eigenen Geschäft

Swiss Re: Panikmache mit dem Klimawandel dient dem eigenen Geschäft

Die Weltwirtschaftsleistung schrumpfe wegen der Erderwärmung um bis zu 18 Prozent, warnt der Schweizer Rückversicherer Swiss Re. Das Beispiel zeigt, wie mit unbelegten Extremszenarien Stimmung für einen schärferen Klimaschutz gemacht wird.

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von Alex Reichmuth am 15.7.2021, 04:00 Uhr
Wie stark beeinträchtigt der Klimawandel die Wirtschaftsleistung? Bild: Shutterstock
Wie stark beeinträchtigt der Klimawandel die Wirtschaftsleistung? Bild: Shutterstock
Schlimm, schlimmer, am schlimmsten. Wenn es um den Klimawandel und seine Folgen geht, schrecken viele Politiker und Aktivisten nicht davor zurück, die Zukunft in den düstersten Farben zu malen. Dass selbst solide Wirtschaftsunternehmen zur Schwarzmalerei neigen – und dabei auch kräftig in die Trickkiste greifen –, zeigt das Beispiel des Schweizer Rückversicherers Swiss Re.
«Weltwirtschaft droht durch Klimawandel BIP-Verlust von bis zu 18 Prozent», titelte das Unternehmen in diesem Frühling in einer Mitteilung. Das zeige eine Stresstest-Analyse des Swiss Re Institute. «Der Klimawandel ist langfristig die grösste Gefahr für die Weltwirtschaft», war zu lesen. «Werden keine Gegenmassnahmen ergriffen, droht in den nächsten 30 Jahren ein globaler Temperaturanstieg um mehr als 3 Grad Celsius, und die Weltwirtschaft würde um 18 Prozent schrumpfen.»

Keine Rede von Schrumpfen

Das war schon einmal unpräzis. Denn gemeint war in der Analyse, dass die Weltwirtschaftsleistung 2050 um 18 Prozent geringer ausfällt als ohne die Folgen des Klimawandels. Ein Wirtschaftswachstum würde es aber trotzdem geben. Dieses wäre lediglich verlangsamt. Von einem Schrumpfen kann also nicht gesprochen werden.

Ein Verlust an Wirtschaftsleistung um 18 Prozent in 30 Jahren ist enorm viel. Entsprechend wurde die knackige Zahl von den Medien eifrig verbreitet.


Dennoch: Ein Verlust an Wirtschaftsleistung um 18 Prozent in 30 Jahren ist enorm viel. Entsprechend wurde die knackige Zahl von den Medien eifrig verbreitet. Unter anderem berichteten SRF, die «Neue Zürcher Zeitung» und das Wirtschaftsportal «cash» darüber.
Doch wie kam Swiss Re auf die 18 Prozent? Die Details sind in der zugrunde liegenden Analyse namens «The economics of climate change: no action not an option» nachzulesen. Hier erfährt man Erstaunliches. Darauf machte der deutsche Wissenschaftler und Umweltpublizist Sebastian Lüning in seiner «Klimaschau» aufmerksam.

Emissionsszenarien des Weltklimarats

Swiss Re legte ihren Berechnungen eine Studie des Forschungsunternehmens Moody’s Analytics von 2019 zu den Auswirkungen des Klimawandels zugrunde. Einbezogen wurden Beeinträchtigungen der wirtschaftlichen Aktivität – etwa wegen Dürre in der Landwirtschaft, erhöhter Sterblichkeit, reduzierter Produktivität und eines Anstiegs des Meeresspiegels.
Ausgangspunkt der Berechnungen von Swiss Re bildeten die vier Emissionsszenarien des Weltklimarats (IPCC) von 2013. Das extremste dieser Szenarien mit der Bezeichnung RCP8.5 – auch als «Business-as-usual-Szenario» bezeichnet – geht von einem ungebremsten CO2-Ausstoss und einem Temperaturanstieg bis 2050 um 3,2 Grad aus.

Kohlevorräte reichen nicht für Extremszenario

RCP8.5 wird von einer zunehmenden Zahl von Wissenschaftlern als unwahrscheinliches Szenario bezeichnet. So machten zwei Klimaforscher aus den USA und Norwegen im Januar 2020 im Fachblatt «Nature» darauf aufmerksam, dass dieses Szenario eine Verfünffachung der Kohleverfeuerung bis 2100 vorsieht, obwohl die Vorräte an Kohle dafür gar nicht reichten.

Ein portugiesisch-niederländisches Forscherteam bestätigte im Oktober 2020 , dass das Szenario RCP8.5 immer unwahrscheinlicher wird.


Weiter warnten britische Forscher im Juni 2020 in der Zeitschrift «Nature Climate Change» vor der Bezeichnung «Business-as-usual» für RCP8.5. Klimamodellierer sollten die Wahl des Emissionsszenarios zumindest gut begründen und Veränderungen in Technik und Politik mitberücksichtigen. Auch ein portugiesisch-niederländisches Forscherteam bestätigte im Oktober 2020 in der Fachzeitschrift «Communications Earth & Environment», dass das Szenario RCP8.5 immer unwahrscheinlicher wird.

Das «(un)bekannte Unbekannte»

Swiss Re errechnete in der Studie nun für jedes der vier IPCC-Emissionsszenarien den zu erwartenden Rückgang des Bruttoinlandsprodukt bis 2050. Diese Werte multiplizierte das Unternehmen – um angeblich auch nicht erfasste Klimarisiken zu berücksichtigen – je mit dem Faktor 5 und dem Faktor 10. Wörtlich wird auf «(un)known unknowns» (zu deutsch: «(un)bekannte Unbekannte») verwiesen, um die Multiplikation der Einbussen um das Fünf- beziehungsweise Zehnfache zu rechtfertigen.
Das Resultat der Berechnungen ist auf Seite 10 der Analyse abgebildet:

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Nur beim extremsten Szenario resultiert ein BIP-Rückgang von 18 Prozent. Quelle: Swiss Re Institute

Der 18-prozentige Verlust an Wirtschaftsleistung entspricht dem Balken ganz rechts. Mit anderen Worten: Der in der Mitteilung von Swiss Re «gehypte» Wert von 18 Prozent beruht erstens auf dem extremen Emissionsszenario RCP8.5, das von immer mehr Wissenschaftlern als unwahrscheinlich bezeichnet wird. Und es kommt zweitens nur zustande, indem die eigentlichen Klimarisiken um das Zehnfache multipliziert werden, was angeblich nicht berücksichtigten Auswirkungen gerecht werden soll.

Swiss Re nutzte einen «Szenario-Ansatz»

Wie rechtfertigt Swiss Re die Multiplikation der Risiken um Faktor 5 und 10? «Die Unsicherheit um Modellparameter ist die grösste Herausforderung, um die ökonomischen Folgen des Klimawandels zu schätzen», schreibt das Unternehmen auf Anfrage. Da diese Parameter «nicht vollständig robust sind im bisherigen Research», nutze Swiss Re «einen Szenario-Ansatz, um verschiedene Temperaturpfade sowie verschiedene wirtschaftliche Sensitivitäten zu simulieren». Eine Meta-Studie zeige, so Swiss Re weiter, dass Schadensschätzung bis zu fünfmal grösser als im Durchschnitt sein könnten. «Es werden jedoch viele Faktoren (wie zum Beispiel Störungen internationaler Wertschöpfungsketten) in der akademischen Literatur nicht berücksichtigt und modelliert – deswegen ist der ökonomische Einfluss wahrscheinlich bedeutend grösser als bisher angenommen.»

Oxfam nimmt die Zahlen auf

Die Analyse von Swiss Re ist jedenfalls wissenschaftlich nicht begutachtet und kann darum nicht als wissenschaftlich gelten. Ob sie eine wissenschaftliche Begutachtung bestanden hätte, ist angesichts der «speziellen» Berechnungsmethode fraglich. Es darf vielmehr vermutet werden, dass Swiss Re mit der Verbreitung von Horrorzahlen ihr eigenes Geschäft antreiben will: die Rückversicherung von Klimarisiken.

Es darf vermutet werden, dass Swiss Re mit der Verbreitung von Horrorzahlen ihr eigenes Geschäft antreiben will: die Rückversicherung von Klimarisiken.


Im Juni fand in Grossbritannien der G7-Gipfel statt. Pünktlich zum Beginn der Versammlung der wichtigsten westlichen Industrienationen rief die Hilfsorganisation Oxfam zu einem verstärkten Klimaschutz auf und behauptete, die Wirtschaftsleistung der G7-Staaten würde ansonsten bis 2050 um 8,5 Prozent abnehmen. Oxfam berief sich dabei ausdrücklich auf die Analyse von Swiss Re, die den Rückgang des BIP auch für einzelne Länder abgeschätzt hatte. Auch die Oxfam-Forderung fand in den Medien breiten Widerhall.

Vorzügliches Zusammenspiel

Man erkennt ein Muster: Ein Versicherungskonzern setzt schaurige Zahlen zu den Folgen des Klimawandels in die Welt. NGOs nehmen diese Zahlen auf und stellen Forderungen an die Weltpolitik. Und die Medien mischen als Multiplikatoren kräftig mit. Ein vorzüglich funktionierendes Zusammenspiel.

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