Studie beweist: die Tagesschau erübrigt sich

Studie beweist: die Tagesschau erübrigt sich

Wer noch davon überzeugt werden muss, dass die Welt immer schlimmer wird, braucht in der Regel nur die Tagesschau des Schweizer Fernsehens einzuschalten. Falls Sie die mal verpassen – kein Problem! Hier eine Anleitung zur Herstellung eines Do-it-yourself-Katastrophenbeitrags.

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von Gottlieb F. Höpli am 7.1.2022, 10:00 Uhr
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Beginnen wir mit einer leichten Übung. Nehmen wir die Fallzahlen des BAG der letzten Tage oder Wochen zu den neuesten Covid-Infektionen. Die stiegen schweizweit im Wochenrhythmus von rund 12'329 über 18’324 auf 32'211 an. Die tragen wir auf eine Kurve ein und ziehen sie weiter, und schon haben wir in kürzester Zeit die Grenze von 100'000 Infektionen überschritten. Und das ist erst der Anfang!
Um es noch etwas knackiger zu machen, picken wir jenen Kanton heraus, wo die Zahlen noch dramatischer gestiegen sind, zum Beispiel im Tessin, und schon haben wir das schönste Tummelfeld für sämtliche Prognosen, welche Bereiche der Wirtschaft und des Staates demnächst zusammenbrechen werden: Spitäler, Bahn- und Tramlinien, die Versorgung mit Toilettenpapier – dem farbigen Ausmalen des Katastrophenszenarios sind keine Grenzen gesetzt!
Damit haben wir Regel 1 des modernen Tagesjournalismus bereits begriffen: Nicht die aktuelle Notlage zählt (von denen gibt es meist zu wenige), sondern das düsterste Zukunfts-Szenario, das mittels Extrapolation leicht herzustellen ist. Man muss eine Entwicklung nur immer in der gerade eingeschlagenen Richtung in die Zukunft hinein prognostizieren, und schon erhält man die spektakulärsten Ergebnisse.
Dieser wirkungsvolle Gebrauch aktueller Statistiken lässt sich auf alle wichtigen Gebiete der Aktualität anwenden. Man braucht nur zwei oder drei Daten, die auf einer gut ausgewählten Zeitachse in die gewünschte Richtung zeigen, und extrapoliere dann kräftig. Geht beim Klima, bei der Zahl der Umweltkatastrophen durch Hitze, Kälte, Erdbeben, Meereswellen oder dem Aussterben der Bienen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt!

Der Originalzustand? Kaum betrachtet

Noch besser als die eigenhändige Verfertigung solcher Szenarien ist – Regel Nummer 2 – das Zurückgreifen auf bereits bestehende. Sie werden «Studien» genannt, und die meisten von ihnen hat im Originalzustand kaum ein Journalist je gesehen.
Denn die Arbeit der Zusammenfassung hat ihm bereits ein PR-Abteilung der Institution abgenommen, welche die Studie erstellt hat – bestes Beispiel ist der Bericht des Weltklimarats IPCC von 2021, der sperrige 4000 Seiten umfasst, glücklicherweise aber in unzähligen Kurzfassungen erhältlich ist. Auf dem Tisch der Journalisten landen oft nur noch Exzerpte von wenigen Seiten Umfang, die durch vielerlei Hände gegangen sind und das Original alle ihrem mehr oder weniger edlen Interesse entsprechend bearbeitet haben.
Unter dem Label «wissenschaftliche Studie» segeln so unzählige nicht seetaugliche Papierschiffchen auf dem Ozean wissenschaftlicher Publizität – «publish or perish» ist das Motto, das Millionen Forschern in tausenden von Hochschulen weltweit im Nacken sitzt. Ein zufällig herausgegriffenes Beispiel, das es bis in die NZZ und in viele andere Medien schaffte: Eine Studie der Uni Basel will belegen, dass die Jugendlichen am meisten unter Coronastress leiden (ein Thema, das in keinem Corona-Kommentar fehlen darf).

Unpräzise Studienresultate

Ein NZZ-Leser, Naturwissenschafter von Beruf, nahm sich die Mühe, die Studie im Original zur Hand zu nehmen und stellte fest: Die Studienteilnehmer wurden über Pressemitteilungen und Social Media gesucht, die Befragung online durchgeführt – von Wissenschaftlichkeit konnte da kaum die Rede sein. Die in Diagrammen und Statistiken dargestellten präzisen Resultate täuschen eine Genauigkeit vor, die mit der Wirklichkeit vermutlich sehr wenig zu tun haben. Macht nichts. Das Resultat stimmt. Hauptsache: Die Jungen leiden. Nur so schafft es die Studie in die Medien.
Inzwischen sind wir mindestens so tief in die Materie eingedrungen wie der Redaktor am Nachrichtenpult. Damit unser Beitrag medientauglich wird, müssen wir nun noch – Regel Nr. 3 – persönlich als Experte auftreten und mit gefurchter Stirn nochmals den Ernst der Lage betonen. Umwelt- und medienethisch geboten ist auch, dem Publikum im Unterton nahezulegen, dass es mit seinem umweltschädigenden, nicht nachhaltigen Verhalten mitschuldig ist am eben beschriebenen, katastrophalen Zustand unserer Erde.
Nach erfolgter Präsentation dieses wissenschaftlich-medialen Werks können Sie Ihrer Familie oder Tischgesellschaft guten Gewissens erklären, dass sich das Einschalten der Tagesschau erübrigt. Wie die vorliegende Studie soeben bewiesen hat.

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