Strippenzieherin Brigitte Hauser-Süess: Auf der Seite der Guten

Strippenzieherin Brigitte Hauser-Süess: Auf der Seite der Guten

Die Oberwalliserin ist die Drahtzieherin im Verteidigungsdepartement. Es ist ihre letzte Station auf der Seite des Zeitgeistes – und ihre grösste Herausforderung.

image
von Dominik Feusi am 30.7.2021, 04:00 Uhr
«Strippenzieherin», «Königinnenmacherin», «Babymöderin»: Brigitte Hauser-Süess hat schon viele Übernamen bekommen. Foto: Screenshot SRF
«Strippenzieherin», «Königinnenmacherin», «Babymöderin»: Brigitte Hauser-Süess hat schon viele Übernamen bekommen. Foto: Screenshot SRF
Seit 25 Jahren zieht Brigitte Hauser-Süess an politischen Fäden und immer in die gleiche Richtung. Dorthin, wo die Meinung der Mehrheit ist oder der Medien oder, am liebsten, wo die Meinung der Mehrheit und den Medien ist. Und sie zieht die Strippen immer für Frauen.
Viola Amherd ist die dritte Bundesrätin, die auf die persönlichen Dienste von Brigitte Hauser-Süess setzt, aber mit keiner ist sie so lange und so eng befreundet wie mit der Oberwalliser Bundesrätin. Brigitte Hauser-Süess kennt Viola Amherd noch aus der Zeit, in der sie Schülern des Kollegiums Spiritus Sanctus in Brig Stenographie und Schreibmaschinenschreiben beigebracht hat. Fähigkeiten, die man heute fast nicht mehr kennt.
Und vielleicht gäbe es gar keine Bundesrätin Amherd ohne den Zuspruch ganz am Anfang, beim Start der Karriere. 1992 motiviert Hauser-Süess Amherd dazu, für die Briger Stadtregierung zu kandidieren. Sie sitzt damals für die CVP im Walliser Grossen Rat und präsidiert die Fraktion, später die Oberwalliser CVP. Und die CVP Frauen. Dieses Amt gilt als Sprungbrett für einen Sitz im Nationalrat. Doch so einfach ist es nicht. Vor allem nicht im Oberwallis.
Hauser-Süess ist eine «Üsserschwiizerin» und man lässt sie das spüren. Die Tochter eines Luzerner Gewerkschafters heiratete mit 20 Jahren den Langläufer Edi Hauser, legendärer Bronzemedaillengewinner der Olympischen Spiele von 1972. Sie nimmt den Dialekt perfekt an, aber das reicht im Oberwallis nicht.

Für die Fristenlösung

1997 führt sie die CVP Frauen ins Lager der Befürworter der Fristenlösung bei Schwangerschaftsabbrüchen. Es ist ihr erster Coup und der erste grosse Flirt mit dem Zeitgeist. Auf dem «Heissen Stuhl» der Rundschau führt Hauser-Süess, perfekt vorbereitet, genau jene Argumentation aus, die der Fristenlösung vier Jahre später an der Urne zum Durchbruch verhelfen wird: Man wolle ja Abtreibungen vermeiden, doch das gehe mit der bestehenden Regelung nicht. Es brauche eine ehrliche Politik und keine Frau treibe leichtfertig ab.


Es sind die Argumente der linken Abtreibungsbefürworterinnen. Aber aus dem Mund der Präsidentin der CVP-Frauen haben sie eine ganz andere Wirkung. Sie ebnen der Fristenlösung den Weg zum politischen Durchbruch. Das bringt ihr erbitterte Feinde ein: Hauser-Süess wird im Oberwallis als «Babymörderin» verunglimpft. Sie erhält Drohungen und Beschimpfungen. Eine junge Anwältin verklagt die Täter wegen Ehrverletzung bis vor Bundesgericht, mit Erfolg. Deren Name: Viola Amherd.
Vermutlich kostet dieses Engagement Hauser-Süess die eigene politische Karriere. So genau mag sich im Wallis niemand mehr dazu äussern. Aber sie spürt es offensichtlich und versucht deshalb den direkten Sprung in den Bundesrat.

Die «Königinnenmacherin»

1999 sind gleich zwei CVP-Bundesratssitze neu zu besetzen. Eine aussergewöhnliche Situation und eine Chance für Hauser-Süess. Sie macht bei ihrer Partei über die Medien Druck, dass diese – ganz zeitgemäss – für einen der beiden Sitze zwei Frauen aufstellt. Die Fraktion kann nicht anders, denn noch nie stellte sie eine Bundesrätin.
Und Hauser-Süess steigt selbst ins Rennen, bis sie wiederum im Schweizer Fernsehen ihren Verzicht bekannt gibt. Dem «Tages-Anzeiger» sagt sie später, sie habe damit nur Druck von anderen Personen nehmen wollen. Ganz glaubwürdig ist das nicht. Sie unterstützt die aus Luzern stammende Ruth Metzler Arnold, die ohne Erfahrung in Bern prompt gewählt wird. Die «Weltwoche» kürt Hauser anschliessend zur «Königinnenmacherin».
Ihre eigene politische Karriere ist allerdings zu Ende: Die CVP Oberwallis zieht ihr einen Mann als Ständeratskandidat vor. Doch Hauser-Süess wechselt trotzdem nach Bern. Bundesrätin Ruth Metzler verschafft ihr eine Stelle als Sprecherin des Bundesamtes für Flüchtlinge. Dort bleibt sie auch, als 2003 Ruth Metzler abgewählt und Christoph Blocher Justizminister wird.

Aus dem Hintergrund

Vier Jahre später, nach der Wahl von Eveline Widmer-Schlumpf (an Stelle von Christoph Blocher), holt die aus der SVP ausgestossene Bundesrätin Hauser-Süess als Informationschefin in ihr Vorzimmer. Die Walliserin kann, was Widmer-Schlumpf nun unbedingt braucht: die Orchestrierung der Medienarbeit aus dem Hintergrund. Auch hier kommen ihr jedoch die Umstände zu Pass, denn für die Medien ist Widmer-Schlumpf eine Heldin.
Was Hauser-Süess besonders gut kann: Entweder reden, ohne etwas zu sagen, oder noch besser: gleich schweigen. Sie schafft lieber Tatsachen im Hintergrund und lässt andere, zum Beispiel Bundesrätinnen, diese verkaufen. Und wenn das nicht so gut läuft, schiebt sie einen Zettel mit einer Notiz über den Tisch. Wenn sie so da sitzt, neben «ihrer» Bundesrätin, wirkt sie wie eine Beschützerin.

Direkter Zugang

Ihr Ratschlag ist: keine politischen Risiken eingehen; das machen, was Applaus erhält, zuerst von den Medien, danach von der Öffentlichkeit. Hauser-Süess ist bemerkenswert ideologiefrei für jemand aus dem CVP-Millieu – wenn man vom Zeitgeist absieht. Sie coacht eng und direkt. Sie will den direkten Zugang zur Chefin und das jederzeit. Und Hauser-Süess besteht darauf, dass Auftritte rigoros vorbereitet werden.
2011 folgt Hauser-Süess der Bündner Bundesrätin ins Finanzdepartement. Das sind die Jahre, in denen der Bundesrat – ganz zeitgeistig – die letzten Reste des Bankgeheimnis demoliert und den Finanzplatz bis zur Wettbewerbsunfähigkeit durchreguliert. Mit Hilfe von Widmer-Schlumpf und gecoacht durch Brigitte Hauser-Süess.

«Meine Freundin»

Als Widmer-Schlumpf 2015 nicht mehr weitermachen kann, wird sie die erste Informationschefin, die beim Rücktritt eines Bundesrates besonders erwähnt wird. Widmer-Schlumpf bezeichnet sie als «meine Freundin». Ihre Unterstützung ist mehr als eine Kommunikationsberatung.
Darauf arbeitet sie zwei Jahre für Doris Leuthard. Sie unterstützt die CVP-Bundesrätin bei der Übernahme der links-grünen Vorstellungen in der Energiepolitik. Sie ist dabei, als departementsinterne Berechnungen verschwinden, die Gaskraftwerke für nötig halten, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Und dann lotst sie Leuthard mit «sicher, sauber, schweizerisch» durch einen Abstimmungskampf, der zeitgeistiger nicht sein könnte –und der zu einer Stromversorgung führt, die unsicher, unsauber und unschweizerischer ist als zuvor. Sie weiss, dass ihre Chefin trotzdem den Applaus der Medien bekommt.

«Riesenfreude»

Als Leuthard zurücktritt, kommt ihr bislang letztes Meisterstück: Die Wahl ihrer Walliser Freundin in den Bundesrat. Da die Konkurrenz von Aussen kommt, ist das Resultat nicht überraschend. Eine «Riesenfreude» hat sie trotzdem.
Dass die eigentlich pensionierte Hauser-Süess nach der Wahl von Viola Amherd noch einmal in die Hosen steigt, war nicht vorgesehen, aber logisch. Sie macht wieder, was sie am besten kann: persönliche und direkte Beratung einer Frau. Die kommunikative Drecksarbeit gibt sie in Auftrag. Machen müssen es andere.

Zum ersten Mal im medialen Gegenwind

Mit der Beschaffung eines neuen Kampfflugzeuges muss sie nun zum ersten Mal ein Geschäft vertreten, das im medialen Gegenwind steht. Da kann sie ihrer Chefin noch so viel raten, sich für Frauen in der Armee und Solarzellen auf den Kasernendächern einzusetzen.
Es ist die grösste Herausforderung in ihrer Karriere, die sonst den Frauen und dem Zeitgeist diente. Der Ausgang ist offen.

Mehr von diesem Autor

image

Intrigen am Bundesstrafgericht: Richterin S. will nicht mehr

image

Linksrutsch und eine CDU am Ende, Schweizer Konzerne wollen Subventionen für hohe Löhne

image

Nicolò Paganini: «Die Massnahmen spalten die Gesellschaft», Feusi Fédéral Ep. 24

Ähnliche Themen