Strafanzeige gegen die Hirschmann-Brüder

Strafanzeige gegen die Hirschmann-Brüder

Gegen die Millionenerben Carl und Michael Hirschmann ist Strafanzeige erstattet worden. Der Vorwurf: Prozessbetrug und weitere schwere Delikte. Die Zürcher Staatsanwaltschaft bestätigt den Vorgang. Es gilt die Unschuldsvermutung.

image
von Stefan Millius am 6.6.2021, 10:00 Uhr
image
Eine Zeitlang konnte man kaum eine Zeitung aufschlagen, ohne über den Jetsetter Carl Hirschmann (geboren 1980) zu lesen. Er gehörte zu den schillerndsten Vertretern der Zürcher Jeunesse dorée mit internationalem Flair und wurde durch seinen Nachtclub in der Zürcher Innenstadt bekannt, aber auch durch juristische Prozesse, über die in den Medien eingehend berichtet worden ist. So auch im Zusammenhang mit zivilrechtlichen Auseinandersetzungen um das Erbe. In letzter Zeit ist es ruhiger geworden um ihn, doch jetzt droht ihm – und seinem Bruder Michael (1983) – Ungemach.
Die millionenschweren Söhne von Carl Hirschmann sen., die das stattliche Vermögen aus dem Verkauf des Familienunternehmens Jet Aviation geerbt haben, stehen im Fokus der Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich. Gegen die Hirschmann-Brüder ist Strafanzeige erstattet worden betreffend Betrug, Urkundenfälschung, Erschleichung einer falschen Beurkundung Unterdrückung von Urkunden, Steuerbetrug und eventuell Geldwäscherei. Für die Hirschmann-Brüder gilt ausdrücklich die Unschuldsvermutung.
Martin Suter könnte es nicht besser erfinden
Worum geht es in dem prominenten Fall?
Kurz gesagt: Um einen Wirtschafts-, Familien und Erbschaftskrimi, den der Zürcher Starautor Martin Suter, chamäleonartiger Chronist des Goldküstenmilieus, nicht besser erfinden könnte.
Anzeigeerstatterinnen sind die ehemalige Lebenspartnerin des seit 1993 geschiedenen Carl Hirschmann sen., S. Z., sowie deren Tochter. Sie machen geltend, von den Hinterbliebenen vorsätzlich und arglistig um ein Millionen-Legat gebracht worden zu sein.
Doch nicht nur das: Kern der Anschuldigungen ist der Vorwurf, die Beschuldigten hätten das Testament ihres Vaters vernichtet und sodann «nach dem Tod des Erblassers im Sommer 2010 die Gerichte während rund 10 Jahren belogen, arglistig irregeführt und auf diese Weise ein für sie vorteilhaftes Urteil zu Lasten der Anzeigeerstatterinnen und Privatklägerinnen erwirkt», wie es in der Strafanzeige heisst.
Dazu muss man wissen: Der erbitterte Erbschaftstreit ist zuvor bereits – abgesehen von einer eingestellten Strafuntersuchung – auf der Zivilebene und bis vor Bundesgericht ausgetragen worden. Am Ende haarscharf mit günstigem Ausgang für die Hirschmann-Familie. Doch nun kommt eine neue strafrechtliche Dimension ins Spiel.
Wer hat das Testament vernichtet?
Worauf stützen die Anzeigestellerinnen ihre Vorwürfe?
Um dies zu verstehen, müssen wir auf die verschiedenen Testamente eingehen, die Carl Hirschmann der Ältere verfasst hat. Es gibt – oder gab – nämlich zwei von ihnen. Ein erstes stammt vom November 2008 («Novembertestament»), ein zweites vom März und Juni 2010 («Märztestament»):
Das «Novembertestament» aus dem Jahr 2008 enthielt ein Legat von 10 Millionen Franken an die jetzt Strafanzeige erstattende Lebenspartnerin von Carl Hirschmann sen. und deren damals minderjährige Tochter. Auf dieses im Original vorliegende Testament stützten die beiden ihre inzwischen abgewiesene Zivilklage.
Das «Märztestament» von 2010 sah anstelle des 10-Millionen-Legats monatliche Zahlungen über einige Jahre vor, deren Summe allerdings wesentlich tiefer war als das ursprüngliche Legat. Gleichzeitig machte dieses neue Testament strenge Auflagen zulasten der beiden Söhne: Sie sollten das Erbe nicht mehr auf einmal, sondern nur noch gestückelt erhalten, unter Aufsicht von Willensvollstreckern und Anwälten. Mehr noch: Falls sie sich nicht an die Restriktionen hielten, würden sie auf den Pflichtteil gesetzt – und der grosse Rest des Vermögens sollte an die Médecins sans Frontières gehen.
So weit, so unverdächtig. Allein die Tatsache, dass der Erblasser ein neues Testament erlassen hat, ist an sich noch nichts Aussergewöhnliches. Die Gesetzeslage ist so, dass immer das letzte Testament gilt, darum spricht man ja auch vom «letzten Willen».
Die Frage des Motivs
Doch genau an diesem Punkt beginnt im Hirschmann-Fall der Streit.
Das zweite und letzte Testament liegt lediglich in Kopie vor, das Original ist verschollen. Die Söhne behaupten, der Erblasser Carl Hirschmann sen. habe dieses Testament kurz vor seinem Tod in Aufhebungsabsicht vernichtet.
Die Strafanzeige dagegen erhebt gegenüber den Erben jetzt den Vorwurf, sie hätten das «Märztestament» selber zerstört.
Doch damit nicht genug: Der ganze Fall ist noch etwas komplizierter.
In der Strafanzeige wird behauptet, die Beschuldigten verfolgten ursprünglich den Plan, den Gerichten überhaupt kein Testament vorzulegen. Gemäss den Ausführungen in der Strafanzeige wäre damit – und dies sei ein starkes Motiv – die normale gesetzliche Erbfolge zum Zuge gekommen, und die Söhne hätten sofort das ganze Vermögen erhalten. die Anzeigestellerinnen, die ehemalige Lebenspartnerin von Carl Hirschmann sen., S. Z., und ihre Tochter, wären komplett leer ausgegangen.
Dann sei jedoch, so die Behauptung der Anzeigestellerinnen, in einem Briefumschlag beim langjährigen Hausanwalt des Erblassers das unversehrte «Novembertestament» 2008 aufgetaucht, von dem die Erben gemäss der Strafanzeige wohl angenommen hatten, es sei nicht mehr vorhanden.
Mit «einem Streich» im Besitz des gesamten Riesenvermögens
Dadurch habe sich die Ausgangslage erneut geändert. Denn im Testament von 2008 war ja das 10-Millionen-Legat zugunsten von S. Z. festgehalten. Und dieser Fund habe, so argumentiert die Strafanzeige, die ursprüngliche Absicht der Beschuldigten durchkreuzt, das «Märztestament» 2010 auch nicht in Kopie vorzulegen, um so in Genuss der gesetzlichen Erbfolge zu kommen.
Laut Strafanzeige verfielen die Beschuldigten «nun auf die Idee, die Gerichte zu täuschen, indem sie wahrheitswidrig behaupteten, das Originaltestament vom März/Juni 2010 sei vom Erblasser (und nicht etwa von ihnen) vernichtet worden, dennoch aber sei das im Original vorhandene Testament vom 07. November 2008 durch das noch in Kopie vorhandene Testament vom März/Juni 2010 aufgehoben worden.»
Dafür habe es, so behauptet S.Z., ein doppeltes Motiv gegeben: Damit hätten die Beschuldigten erreicht, dass sie einerseits nicht das 10-Millionen-Legat an S. Z. ausrichten und überdies auch nicht die Auflagen und Restriktionen beachten mussten, die ihnen der Erblasser mit dem «Märztestament» 2010 auferlegt hatte.
Auf diese Weise seien sie, «da gewissermassen mit einem Streich alle Testamente des Erblassers obsolet geworden» seien, «in den unmittelbaren Besitz des gesamten Riesenvermögens» gelangt.
Dramatische Szenen in St. Tropez
Halten wir zum besseren Verständnis also fest: In der Argumentationskette der Strafanzeige waren demnach beide Testamente nachteilig für die Erben. Die Strafanzeige geht sogar davon aus, dass die Beschuldigten selber das zweite Testament vom März/Juni 2010 vernichtet haben. Dass es Carl Hirschmann sen. seinerseits zerstört habe, ohne eine alternative testamentarische Anordnung zu erlassen, sei gemäss Strafanzeige praktisch ausgeschlossen.
Einen direkten Beweis für die Vernichtung des «Märztestaments» durch die Erben gibt es nicht, aber gemäss Strafanzeige liessen zahlreiche Indizien und Zeugenaussagen keinen anderen Schluss zu. So nennt die Strafanzeige unter anderem folgende Punkte:
· Dramatische Szenen hätten sich in den letzten Lebenstagen von Carl Hirschmann sen. auf dem Anwesen «Miramar» in Ramatuelle bei St. Tropez abspielt, wo er am 30 Juli 2010 verstarb. Am 26. Juli hatte er eine Blutvergiftung erlitten, die innert vier Tagen zu seinem Tod führte. Dies habe den Beschuldigten die Möglichkeit gegeben, das Testament beiseite zu schaffen, «ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen, da es dem Erblasser nicht mehr möglich war, es in sichere Verwahrung zu geben».
· Unmittelbar nach seinem Ableben hätten die Beschuldigten «umfassende Räumungsaktionen» sowohl in Ramatuelle als auch am Schweizer Wohnsitz des Verstorbenen in Küsnacht durchgeführt. Dabei seien neben dem letzten Testament auch alle weiteren relevanten Dokumente vernichtet worden: So das Tagebuch von Carl Hirschmann sen. sowie drei Aktenstapel, wovon einer sogar mit dem Namen von S. Z. beschriftet war. Diese Akten hätten sich auf einen Trust bezogen, mit dem «massgebliche Vermögenswerte in Millionenhöhe» für die Sicherung der finanziellen Zukunft von S. Z. und deren Tochter bereitgestellt worden seien.
· Für die Säuberungsaktion führt die Strafanzeige mehrere Zeugen an, darunter drei Hausangestellte des Verstorbenen, die von der Aktenbeseitigung berichtet hätten.
· Nach den Räumungen, so die Strafanzeige, «feierten die Beschuldigten ausgelassen die Tatsache», dass sie nun den «Zugriff auf ein dreistelliges Millionenvermögen gesichert hatten».
Wurden die Gerichte hinters Licht geführt?
Zusammenfassend hält die Strafanzeige fest: «Die Beschuldigten haben das Testament vom März/Juni 2010 des am 30. Juli 2010 verstorbenen Carl W. Hirschmann beiseitegeschafft und dem zuständigen Gericht in Meilen vorenthalten, sowie weitere für die Ausrichtung des Nachlasses und die gesamte Regelung des Vermögensverhältnisse nach dem Tode Carl W. Hirschmanns entsprechend seinem Willen massgebliche Dokumente unterdrückt.»
Und weiter: «Durch das Vorenthalten dieses Testamentes und weiterer massgeblicher Urkunden (Dossier ‹S. Z.› mit entsprechenden Trust-Urkunden; ‹Miramar›, Benutzungsrechte zugunsten Anzeigeerstatterin und Tochter B. als Feriensitz; ‹Aramis›, Eigentumswohnungen in der Schweiz; detailliertes Tagebuch des Erblassers) wurde die Befolgung des Willens des Erblassers verhindert und das Bezirksgericht Meilen irregeführt.»
Damit seien laut Strafanzeige die Straftatbestände der Unterdrückung von Urkunden (Art. 254 StGB) sowie der Erschleichung einer falschen Beurkundung (Art. 253 StGB) erfüllt. Ausserdem sei prozessbetrügerisches Verhalten (Art. 146 StGB) zu untersuchen.
Michael Hirschmann: «Diese Vorwürfe sind haltlos»
Die Zürcher Staatsanwaltschaft äussert sich wie folgt: «Wir können bestätigen, dass vor wenigen Tagen eine solche Strafanzeige bei der Zürcher Staatsanwaltschaft eingegangen ist.» Es gelte die Unschuldsvermutung. Michael Hirschmann teilt auf Anfrage des Nebelspalters auch im Namen seines Bruders Carl mit, «dass diese Vorwürfe haltlos sind».

Mehr von diesem Autor

image

«Tests zu unsicher»: Zutritt nur für geimpfte oder genesene Kinder

image

Pflicht ist das eine, die Häme das andere

Ähnliche Themen