Stolpersteine – Gedenken im Strassendreck

Stolpersteine – Gedenken im Strassendreck

Geldmacherei, fragwürdige Supporter, entehrender Ort: Warum die Gedenktafeln für Shoah-Opfer keine gute Sache sind.

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von David Klein am 1.11.2021, 13:30 Uhr
Geschändete Stolpersteine
Geschändete Stolpersteine
Mit dem Holocaust lässt sich gutes Geld verdienen. Der unangefochtene Trendsetter dieser fragwürdigen Praktik, sich am Schicksal der Millionen von den Nazis ermordeten Juden zu bereichern, dürfte der deutsche Kunstmaler Gunter Demnig sein, der mit seinen «Stolpersteinen» – in den Boden eingelassene Messingplatten, die an Opfer der Shoah und andere NS-Verfolgte erinnern sollen – Millionen scheffelt. Seit 1992 wurden weltweit fast 90'000 dieser Stolpersteine verlegt, zu Kosten von 95 beziehungsweise 120 Euro das Stück (ab 2012). Finanziert werden die Steine von sogenannten «Paten», Vereinsbeiträgen und Sponsoren.
Demnig verlegt monatlich bis zu fünfhundert Stolpersteine und erwirtschaftet damit einen Monatsumsatz von 60'000 Euro, das Ziel seien siebenhundertfünfzig verlegte Steine im Monat. Hinzu kommen Vortragshonorare und Spenden. Der Ertrag fliesst in Demnigs Stiftung «Spuren».
Wie hoch dieser Ertrag ist und wie das Geld verteilt wird, ist nicht zu eruieren. Auf eine erste Anfrage reagiert Künstler-Gattin Katja Demnig gereizt: Da mein «Interesse offensichtlich nur den Finanzen gilt», wolle sie mir «keine detaillierte Antwort zukommen lassen».

Die Kasse klingelt

Nach einem animierten Mailwechsel wird Frau Demnig konkreter. Von einer gemeinnützigen Stiftung mit elf Mitarbeitern ist die Rede, von Gehältern, Materialkosten, Werkzeugkosten für Gestalter, Ateliers zur Herstellung, dem Transporter für die Verlege-Touren, Transportkosten, Reisekosten, Arbeitsmittel für Terminkoordinatorinnen und Recherchehilfen, Hotelübernachtungen, Umsatzsteuer. Das, was «hängenbleibt», reiche «in aller Regel, um die laufenden Kosten zu decken und um jährlich einen kleinen Puffer zu erwirtschaften». Zahlen will sie keine nennen.
Damit die Kasse auch weiterhin klingelt, hat der umtriebige Demnig sein lukratives Geschäftsmodell abgesichert («Es ist mein künstlerisches Denkmalprojekt») und für die Stolpersteine europaweit gleich vier Marken angemeldet. Gemäss dem Diktat des Wachstums als ökonomisches Allheilmittel, erweitert Demnig seinen «Kundenstamm» laufend, von Juden über Homosexuelle und Zwangsarbeiter auf weitere «Opfergruppen»: Prostituierte, Hausierer, Bettler und Kleinkriminelle, Opfer der NS-Justiz, die den vom rassischen Genozid verfolgten Juden gleichgestellt werden, bis hin zu Zwangsrekrutierten der Wehrmacht.
Als «Millionengewinne mit den Opfern des millionenfachen Mordens», kritisiert der jüdische Journalist Daniel Killy den «politisch korrekt ummantelten Businessplan» von Gunter Demnig.

Gedenken in Hundekot

Nun hat der rührige Unternehmer Demnig auch die Schweiz als einträgliche Jagdgründe entdeckt. Am 27. November 2020 wurden nach Kreuzlingen und Tägerwilen in Zürich sieben Stolpersteine verlegt, am 21. Juni 2021 folgten vier weitere.
Schützenhilfe bekommt Demnig vom 71-jährigen jüdischen Unternehmensberater Roman Rosenstein, der den «Verein Stolpersteine Schweiz» ins Leben rief.
Die augenfällige Geldmacherei kümmert Rosenstein ebensowenig wie die Vorbehalte ungezählter jüdischer Menschen gegen ein «Gedenken» in Hundekot und Strassendreck – darunter die Holocaustüberlebende Charlotte Knobloch, ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, die angesichts der ebenerdigen Steine die «getretenen, am Boden liegenden Verletzten, Sterbenden und Toten vor Augen» hat.

«Jude» statt «Muslim»

Das «engagierte» Grusswort zur Zürcher Steineverlegung sprach Jacqueline Fehr (SP), Direktorin der Justiz und des Inneren des Kantons Zürich. Fehr banalisierte in der Vergangenheit den Holocaust, indem sie ihn auf Twitter mit der aktuellen Migrationskrise gleichsetzte. In der Diskussion um die sexuellen Übergriffe von muslimischen Männern aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum in der Kölner Silvesternacht von 2015, schlug Fehr vor, das Wort «Muslim» durch «Jude» zu ersetzen, «dann sähen wir besser, wie gefährlich die aktuelle Debatte ist». Fehr teilte auf ihrer Facebook-Seite Fotos der radikal antiisraelischen Facebook-Gruppe «Solidarité avec la Palestine», die palästinensische Terroristen wie Hamas-Gründer Ahmad Yassin oder den Islamisten Ibn al-Chattab verherrlicht.
Der Vorstandspräsident des «Verein Stolpersteine Schweiz», Andreas «Res» Strehle, sorgt ebenfalls für Irritation. Der ehemalige «Tages-Anzeiger»-Chefredaktor nannte in einem WOZ-Artikel den Zürcher Kernkraftbefürworter Michael Kohn als Beispiel für «prominente Juden im Dienst des Grosskapitals». Kohn, Gründer der Michael-Kohn-Stiftung, die jüdische Bedürftige unterstützte, würde «seine Herkunft verbergen», um die «Exportinteressen seiner Firma nicht zu gefährden», so Strehle weiter. Kohns Aktivitäten als «führendes Mitglied der jüdischen Loge ‘Bnai B’rith und der israelitischen Cultusgemeinde», deren Präsident Kohn war, skandalisierte Strehle als «religiösen Aktivismus».
Den arabischen Vernichtungskrieg gegen Israel von 1948, deutete der ehemalige militante Linksextremist um in einen «mörderischen Gründungskrieg» Israels «gegen die Einwohner Palästinas und die arabischen Nachbarstaaten» und monierte, dass die «Schweizer Grossbanken» Israel nach diesem unprovozierten Angriffskrieg mit einem «Aufbaukredit» unterstützten. Später setzte Strehle in seinem Artikel «Unter Faschismusverdacht» Netanyahus Likud-Partei mit der NPD, AKP, Jobbik und AfD gleich.

Enge Kontakte zu BDS

Dass Strehle im Vorstand eines Vereins auftaucht, der sich angeblich für das Gedenken an Opfer des Holocaust einsetzt und die eifrige Israelkritikerin Fehr dazu gesalbte Reden schwingt, wertet Daniel Killy als eine «äusserst problematische Form des Gedenkmonopols». Nämlich, dass vorwiegend nichtjüdische Protagonisten von oft zweifelhaftem Ruf «in öffentlichkeitswirksamen Debatten darüber befinden, welches Shoah-Gedenken adäquat sei. Unabdingbar ist dabei, dass von den Juden dann Dankbarkeit für derlei Erinnerungsengagement eingefordert wird.»
Die Israelitische Cultusgemeinde Zürich wollte sich auf Anfrage zur Thematik nicht äussern. Obwohl Amerikahasser Demnig (er malte die Flagge der Befreier der Juden Europas mit Totenköpfen statt Sternen) enge Kontakte zur BDS-Bewegung und berüchtigten antizionistischen Agitatoren pflegt, und mit seinem selbstherrlichen Deutungsdiktat alles negiert, was jüdischen Menschen bezüglich des Andenkens ihrer Verstorbenen wichtig ist.
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Stattdessen meldete sich ein aufgebrachter Roman Rosenstein, das einzige jüdische Vorstandsmitglied im Schweizer Stolpersteineverein, um mich vom Schreiben dieses Artikels abzubringen. Auf Nachfrage bezüglich Strehles antiisraelischer Positionen schreibt Rosenstein, er pflege seine «Projektpartner nicht gemäss den ihnen vor über 40 Jahren zugeschriebenen politischen Äusserungen auszuwählen». Strehle sei «für den Verein Stolpersteine Schweiz auch aus jüdischer Sicht ein wirkliches Asset».

Bigotte Israelkritiker

Der sirenenhafte Ruf der Stolpersteine wurde nun auch in Basel erhört, wo am 2. November vier Steine verlegt werden sollen, unter anderem gesponsert von der Christoph Merian Stiftung.
Auch in der Herzl-Stadt Basel, wo die Mitglieder der ersten jüdische Gemeinde auf dem Gebiet der heutigen Schweiz als Verursacher der Pest diffamiert und in einem eigens dafür gebauten Holzhaus verbrannt wurden und die Basler Regierung die antiisraelische BDS-Unterstützerin Heidi Mück (Basta) als Regierungsrätin vorbehaltlos willkommen geheissen hätte, lässt man sich auf das fragwürdige Gedenken ein. Die verbrannten Juden von einst warten derweil bis heute auf eine Geste des Gedenkens seitens der Basler Regierung.
Das Grusswort in Basel wird SP-Regierungsrat Beat Jans sprechen. Jans, von dessen antiisraelischen Ansichten ich mich anlässlich eines längeren Gesprächs persönlich überzeugen konnte, passt wie Strehle und Fehr in das von Daniel Killy beklagte Schema des bigotten Israelkritikers, der scheinheilig toten Juden gedenkt, während er die lebenden in Israel attackiert.

«Soll ich etwa schreiben, der war Jude?»

Doch davon will Roman Rosenstein nichts wissen. Er selbst habe «die israelische Siedlungs- und Besatzungspolitik auch schon kritisiert», teilt er mit. Es ist verstörend, dass Rosenstein notorischen «Antizionisten» Gelegenheit gibt, sich mit wohlfeilen Grussbotschaften in Szene zu setzten und damit ihre dezidiert antiisraelischen Positionen mit einem Koscherstempel versieht.
Die mehrfache Anfrage zum Thema an die Israelitische Gemeinde Basel wurde von Geschäftsführerin Isabel Schlerkmann nicht beantwortet.
Wie dem auch sei, sollte man sich den Opfern der Shoah nicht dort erinnern, wo die Entwürdigung jüdischer Menschen während der Schreckensherrschaft der Nazis stattfand: auf dem Bordstein, den sie auf den Knien scheuern mussten (heute übernehmen das Schulklassen, wenn sie die oft mit Säure oder Lack geschändeten Stolpersteine «putzen»). Man sollte sie nicht dort verewigen, wo sie erschossen oder erschlagen wurden und wo ihre ausgemergelten Leichen in den Strassen der Ghettos verwesten. Das ist ein würdeloses Gedenken.
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Der Stolperstein-Gegner und ehemalige OSZE-Beauftragte zur Bekämpfung des Antisemitismus, Prof. Gert Weisskirchen, plädiert für Stelen oder Plaketten, die eine Begegnung auf Augenhöhe ermöglichen: «Dann könnte man ihrer Individualität ein Gesicht geben und ihnen in die Augen sehen».
Angehörige der Opfer der NS-Justiz werfen Demnig seit Jahren vor, bei der Beschriftung der Steine die damaligen Gerichtsurteile im Nazijargon zu verwenden, wie «Rassenschande», «Gewohnheitsverbrecherin» oder «Volksschädling» und so die Toten erneut zu stigmatisieren.
Demnig hat gemäss der deutschen TAZ «keine Zeit», mit den Angehörigen zu diskutieren: «Wenn die empfindlich sind, müssen die sich vielleicht selbst mal damit befassen und überlegen, wie das gemeint ist.» Auf die Frage, weshalb bei den ermordeten Juden eine Begründung für ihren gewaltsamen Tod fehlt, antwortet Demnig: «Soll ich etwa schreiben, der war Jude?»

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