Der Stau nahm ab, seine Bekämpfung nimmt zu

Der Stau nahm ab, seine Bekämpfung nimmt zu

Es ist ein leidiges Thema, mit dem ich Sie heute konfrontiere, doch darüber zu lesen ist bestimmt erfreulicher, als darin zu stehen: Stau. Über eine positive Entwicklung, die nicht anhalten wird, und was gegen das Phänomen Stau unternommen wird:

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von Stefan Bill am 7.7.2021, 12:23 Uhr
Gerade in den Sommermonaten ist das ein Leid, das viele auf sich nehmen – Stau am Gotthard. (Bild: Shutterstock)
Gerade in den Sommermonaten ist das ein Leid, das viele auf sich nehmen – Stau am Gotthard. (Bild: Shutterstock)
Die gute Nachricht zuerst: Der Bericht, den das Bundesamt für Strassen (ASTRA) vor kurzem veröffentlichte, zeigt: Im letzten Jahr ist das Verkehrsaufkommen um rund 18 Prozent zurückgegangen und war damit wieder auf dem Niveau von 2010. Insgesamt wurden im letzten Jahr auf den Nationalstrassen «nur» 22,9 Milliarden Fahrzeugkilometer zurückgelegt, 4,9 Milliarden weniger als 2019. Schuld daran war natürlich Corona
Der Rückgang des Verkehrs hat sich überproportional positiv auf die Stauentwicklung ausgewirkt. Die Staustunden gingen nämlich im Vergleich zum Vorjahr fast doppelt so stark zurück, wie der Verkehr an sich.
Dass sich der Stau überproportional zum Verkehr verhält, zeigten bereits die letzten zehn Jahre. Seit 2010 hat sich die Zahl der registrierten Stunden im Stau auf den Nationalstrassen bis 2019 ungefähr verdoppelt. Die Fahrleistung hat im selben Zeitraum aber nur um 17 Prozent zugenommen. Im letzten Jahr zeigte sich nun also dasselbe Bild, einfach in die andere Richtung.
Auf dem Nationalstrassennetz wurden noch 22’575 Staustunden erfasst. Gegenüber 2019 entspricht das einer Abnahme um 25,3 Prozent. In diesen 22’575 Staustunden sind auch Staus auf den Netzbeschluss-Strecken enthalten. Das sind Kantonsstrassen-Abschnitte mit einer Gesamtlänge von fast 400 Kilometern, die der Bund aufgrund des Bundesbeschlusses über das Nationalstrassennetz vom 1. Januar 2020 übernommen hat. Ohne diese zusätzlichen 400 Kilometer, die man für einen akkuraten Vergleich zum Vorjahr abziehen muss, haben die Staustunden im Nationalstrassennetz sogar um 34,3 Prozent abgenommen. Im letzten Jahr sind 17,5 Prozent der zurückgelegten Kilometer auf den Nationalstrassen, die fast ausschliesslich Autobahnen sind, dem Güterverkehr zuzuordnen.
Auf den Nationalstrassen wickelt sich etwa 40 Prozent des gesamten Verkehrs ab. Dies obwohl die sie nur rund 3 Prozent der Länge des gesamten Schweizer Strassennetzes ausmachen.
So erfreulich der Rückgang des Staus für alle Autofahrer, Transportunternehmen und Feriengäste, die gerne mal mit dem Auto durch den Gotthard fahren, auch sein mag, ist er wohl kein Indiz für eine anhaltende Entwicklung. Denn der Grund dafür war, wie bereits erwähnt, Corona. In der Agglomeration ging die Fahrzeugbelastung in den Monaten März, April und Mai deutlich zurück - an der Zählstelle in Würenlos im April beispielsweise um 38 Prozent. Dementsprechend waren auch die Nationalstrassen im April beinahe staufrei. Im Sommer entsprach die Stausituation aber wieder dem gewohnten Muster und im September 2020 überschritt sie sogar das Vorjahresniveau.

Ursachen

Die Ursachen für Stau haben sich in den letzten fünf Jahren kaum verändert. Baustellen, über die man sich als Autofahrer so gerne aufregt, sind gerade einmal für ein Prozent der Staustunden verantwortlich. Rund 10 Prozent der Stunden sind auf Unfälle zurückzuführen. Für den Rest, also satte 89 Prozent, trugen auch im Corona-Jahr Überlastungen die Schuld. Vergleicht man die Werte aber mit den Zahlen über einen Zeitraum von 10 Jahren, hat die «Überlastung» als Stauursache um 20 Prozent zugenommen. «Das Nationalstrassennetz ist vielerorts während den Spitzenzeiten derart stark belastet, dass bereits kleine Störungen im Verkehrsablauf zu länger anhaltenden Staus führen können», schreibt das ASTRA in seinem Bericht.

Bekämpfung

Um den Verkehr flüssiger zu machen, hat das ASTRA für die Jahre 2020 bis 2024 konkrete Massnahmen definiert. So sollen beispielsweise Rampendosierungen bei den Ein- und Ausfahrten der Nationalstrassen dazu beitragen, längere Staus zu verhindern. Das bedeutet, dass man vor gewissen Autobahneinfahrten Ampelsysteme installiert hat. Diese sind direkt mit elektronischen Verkehrsmessungssystemen verbunden. Kommt es zu einem erhöhten Verkehrsaufkommen, schaltet die Ampel auf rot und lässt die Fahrzeuge erst wieder einfahren, wenn es die Situation erlaubt.
Eine andere Möglichkeit, um den Stau zumindest abzuschwächen, sind Geschwindigkeitsharmonisierungen. Dabei werden auf Abschnitten, auf denen man normalerweise 120 Kilometer pro Stunde fahren darf, das Tempo reguliert.
Kündigt sich also ein Stau an, weil das Verkehrsaufkommen zu gross ist, drosselt man das Tempo auf 100, 80 oder wahlweise sogar auf 60 Kilometer pro Stunde. Damit soll verhindert werden, dass nicht der gesamte Verkehr mit hoher Geschwindigkeit auf einen Stau trifft, dann stark abbremsen muss, und der Rückstau dadurch noch grösser wird. Auch diese Systeme sind weitgehend automatisiert, die Geschwindigkeit wird anhand von Algorithmen reguliert.
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Mit solchen verstellbaren Geschwindigkeitsanzeigen sollen Staus verhindert werden. (Bild: Shutterstock)
Hinzu kommen Dosierungssysteme auf überlasteten Abschnitten, wie beispielsweise dem Gotthardtunnel. Dort wird beispielsweise der Verkehr auf maximal tausend Fahrzeuge pro Stunde beschränkt - wobei ein Lastwagen als drei Fahrzeuge zählt. Dadurch sollen die Abstände zwischen den Fahrzeugen vergrössert und somit die Gefahr von Unfällen reduziert werden. So wird, unter Inkaufnahme von Wartezeiten, schliesslich die Stauzeit reduziert. Denn am Gotthard kam es vor drei Jahren, vor Einführung dieses Systems, nach dem Brand eines Autobusses zu einem 28 Kilometer langen Stau, der sich erst nach 45 Stunden auflöste.
Seit dem 1. Januar 2021 sind zudem das Reissverschlussprinzip und das Bilden von Rettungsgassen Pflicht. Ausserdem ist seit Jahresbeginn das Rechtsvorbeifahren an Kolonnen erlaubt. Damit soll der Verkehr auf allen Spuren besser fliessen können.
Doch wie kommt es auf den überlasteten Strassen überhaupt zum Phänomen Stau, das manchmal wie aus dem Nichts aufzutauchen scheint? Lesen Sie dazu morgen den Bericht über die Stauursachen.
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