Statt Köpferollen, gibt's Boni

Statt Köpferollen, gibt's Boni

In den 1960er Jahren spekulierte man fröhlich mit Pflanzenöl, was die Börse fast zum Krachen und die Verantwortlichen ins Gefängnis brachte. In den 2010er Jahren ging der Online-Bezahldienst WIRECARD an die Börse, hinterließ einen Milliardenschaden; doch die meisten Verantwortlichen bleiben im Amt.

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von Regula Stämpfli am 21.5.2021, 05:30 Uhr
Knöpfe Köpfe sollten rollten
Knöpfe Köpfe sollten rollten
Einer davon ist sogar Kanzlerkandidat der SPD. Der Staat ist in Pandemie-Zeiten wie in Chile unter Pinochet omnipräsent, bleibt hingegen, bei grobfahrlässiger Verletzung der Aufsichtspflicht, unsichtbar. Gleichzeitig sabbert die TWITTER-Empörungsspirale zu völlig banalen Themen. Demokratie, quo vadis?
Die 1960 er Jahre brachten den Kalten Krieg, die ersten Schritte auf dem Mond, den Vietnamkrieg, Hippies und das Salatöl ging an die Wall Street. Sie haben richtig gelesen: Salatöl, Speiseöl, Tafelöl, Frittieröl, Pflanzenöl war anfangs der Sechziger beliebte Investition der US-Börse. Ein windiger Manager namens Di Angelis füllte tonnenweise Wasser in Container, mit ein bisserl Öl obendrauf und verkaufte den Betrug millionenfach. Die „Vegetable Oil Future Contracts“ liefen wie geschmiert bis Norman C. Miller vom Wall Street Journal dem fetten Deal auf die Schliche kam. Die Presse lachte sich kaputt, die Börse krachte um ein Haar, und der Schaden betrug nach heutigem Wert einskommavier Mrd. Dollar (!).
An diese Geschichte erinnerte ich mich anlässlich des Wirecard- Ausschusses in Deutschland. In den Zehnerjahren gegründet, wurde das Luftmodell eines Online-Paydienstes von allen Großen in Deutschland hofiert: Karl-Theodor von Guttenberg lobbyierte bei der Kanzlerin. Diese fädelte für Wirecard den China-Deal ein, ohne sich heuer an die „Details“ zu erinnern. Die deutsche Presse nickte beifällig als Angela Merkel in ihrer trocken-humorigen Art, das Geschäft „unter ferner liefen“ wegwischte. 1.9 Milliarden Euro kostet der aktuell größte Finanzskandal und niemand ist verantwortlich. Die dafür zuständigen Staatsbeamten und Politiker blieben alle, bis auf wenige Ausnahmen, im Amt: Einer davon ist sogar Kanzlerkandidat der SPD.
Wäre Wirecard nicht ein deutscher Skandal, sondern ein amerikanischer, dann wären die wichtigsten Köpfe gerollt und die Verantwortlichen hinter Gittern. In Deutschland und in Österreich, wo Wirecards Betrugssystem seinen Ursprung fand, passiert . . . wenig, um es anständig zu formulieren. Die Beteiligten stecken die Korruptionsaffären ebenso locker weg wie damals mein Vater die zahlreichen Fünfliber in seinem Wildleder-Sakko.
Während in Pandemie-Zeiten zu jeder Zeit und zu jeder Bedingung, Menschen aufgrund lächerlicher Verstöße verklagt, ja sogar inhaftiert werden und bei jedem Grenzübertritt mahnende SMS von der Bundesregierung kommen, sich doch unter allen Umständen an die strikte Quarantäne zu halten, da ansonsten hohe Bussen und gegebenenfalls Gefängnis drohen, freuen sich Politiker über Millionendeals für Verwandte bei Maskenkäufen oder erinnern sich anlässlich des Milliardenbetrugs von Wirecard nicht einmal mehr daran, für ebendieses auf höchster Ebene bei anderen Regierungen geworben zu haben. In Deutschland ließ man von Amts wegen sogar Journalisten verfolgen, die etwas gründlicher zu Wirecard nachforschen wollten. Wirecard-Chef Markus Braun hingegen konnte sein Handy noch NACH Insolvenz über eine Woche behalten. Begründung? Er sei halt in Österreich gewesen, echt jetzt? Auch der Telegram-Chat ließe sich nicht mehr wiederherstellen, really? Seit Corona steht jede Bürgerin unter Beobachtung, Regierungen versenden Direktnachrichten aufs Handy, aber der Chat eines Verbrechers kann nicht entschlüsselt werden? Wäre Wirecard ein Hollywoodthriller, er wäre wegen Übertreibung ein Flop. Noch im Juni 2020, wenige Tage vor der Insolvenz von Wirecard, soll Markus Braun sein Aktienpaket zu flüssiger Kohle gemacht haben: 50 Millionen Euro sprangen dabei raus. Vom Haupttäter Jan Marsalek fehlt jede Spur. Mangels echter Strafverfolgung sind dafür die Gerüchte umso prickelnder: Nachrichtendienste, Menschenhandel und Pädokriminalität werden alle mit Wirecard in Verbindung gebracht; niemand weiß Genaueres und wenn, wird er verklagt. RTL, das einen Film zu Wirecard produzierte, wurde per Gericht an weiteren Ausstrahlungen gestoppt.
Rücktritt, Gefängnis, Rückzahlung, Aufarbeitung des Milliardenbetrugs? Nicht wirklich: Korruption ist in der Politik wohl eher im Angebot als der Rechtsstaat. Dass dies so ohne weiteres immer weitergeht, liegt nicht zuletzt an den sozialen Medien. Denn die interessieren ECHTE Politik nicht. Sie schlagen sich lieber die Schädel über so relevante Themen wie: „Dürfen Schauspieler Satire?“ ein. Auch die sogenannte „Cancel Culture“ schlägt den Bombenangriff der Hamas gegen Israel. Wer wären wir denn, wenn wir echten Krieg ernster nähmen als den rhetorischen?
Was lernen wir daraus? Der Wirecard-Betrug glich dem von Pflanzenöl in den 1960 er Jahren. Der große Unterschied zwischen heute und damals ist: Damals landeten alle Beteiligten hinter Gittern, heute machen sie politische Karriere.
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