Achtung, aufgepasst: Heute starten die skandalösen Sommerspiele in Tokio

Achtung, aufgepasst: Heute starten die skandalösen Sommerspiele in Tokio

Erstmals seit 1964 trägt Japan wieder Olympische Sommerspiele aus. Mit skandalösen Disziplinen werden die Athleten aus dem Land der aufgehenden Sonne bevorteilt. Klettern mit Sushi-Stäbchen und Harpunen-Surfen sind jetzt olympisch! Und dann feiert auch noch Karate Premiere.

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von Dominic Ledergerber am 23.7.2021, 07:00 Uhr
Sobe (Peter Zimmermann)
Sobe (Peter Zimmermann)
Was Corona im vergangenen Jahr noch verhindern konnte, ist in diesem Sommer Tatsache: Japan trägt erstmals seit 57 Jahren wieder Olympische Sommerspiele aus, wenn auch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Der Titel «Tokio 2020» blieb bestehen, zu lange wartet das Land der aufgehenden Sonne schon auf einen Event dieser Grösse, um noch Zeit für solch lapidare Details verschwenden zu wollen.
Japan soll glänzen, das war schon klar, bevor in Tokio der erste von insgesamt 339 Wettbewerben ausgetragen wurde. Da ist es natürlich praktisch, dass die Kampfkunst Karate erstmals olympisch ist. Schliesslich hat diese ihren Ursprung auf der Insel Okinawa und kämpfen die Japaner ausser Konkurrenz: Seit der ersten Karate-WM 1970 hat Japan über 200 (!) Medaillen eingeheimst, ein Wert, mit dem höchstens Frankreich (164) noch einigermassen mithalten kann.
Richtig eifrig, respektive inflationär, waren die Gastgeber zudem im Erfinden neuer Disziplinen, die den einheimischen Athletinnen und Athleten ab dem 23. Juli zu Ruhm und Ehre verhelfen sollen. Hier eine Zusammenstellung der unsinnigsten Disziplinen, die den Japanern einfielen.

Surfen mit Harpune

Neben Karate feiert etwa auch Surfen seine Olympia-Premiere. Bei den Stars der Branche wurde dieser Umstand ohnehin schon mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis genommen, zumal sich der «Hang loose»-Lifestyle nur schwer mit der überkommerzia­lisierten Show von Olympischen Sommer­spielen vereinen lässt.
Richtig absurd wird es aber beim Blick auf die Disziplinen: Neben den Shortboard-Wettbewerben gibt es in Japan eine Entscheidung, die auf den ersten Blick dem Stand-up-Paddling ähnelt. Statt eines Paddels gehört zum Equipment der Surfer allerdings eine Harpune, dazu sind Wellen für diese Disziplin nur zweitrangig.
Die Goldmedaille im Harpunen-Surfen geht an jenen Athleten, der den nach Leergewicht schwersten Wal aus dem Wasser ziehen kann. Weil Walfang in Japan offiziell erlaubt ist, rechnet sich der Gastgeber gute Medaillenchancen aus – hat aber mit den Isländern und Norwegern namhafte Konkurrenz.
Besonders in Island wurde Harpunen-Surfen hinsichtlich der Sommerspiele trainiert, schliesslich hat der zweitgrösste Inselstaat Europas in seiner Geschichte noch nie eine olympische Goldmedaille gewonnen.

Weitere japanisierte Sportarten

Klar, dass Tierschutzorganisationen gegen die neue Disziplin Sturm laufen und Tokio 2020 boykottieren. Protest gibt es aber auch von anderen Teilnehmerländern – so teilte etwa die russische Delegation mit, nur unter neutraler Flagge antreten zu wollen. Und: Russland wird nicht die einzige Nation sein, die in Japan Kritik übt. Der Blick auf das Olympia-Programm offenbart zahlreiche weitere, teils skandalöse Disziplinen, deren «Japanisierung» die einheimischen Athleten klar bevorteilt.
So sind etwa beim Sportklettern – einem weiteren Olympia-Neuling – weder Karabiner noch Gurte oder sonstige Hilfsmittel erlaubt. Stattdessen darf die Kletterwand einzig und alleine durch die Zuhilfenahme von Stäbchen bewältigt werden, wie man sie sonst aus Sushi-Restaurants kennt.

Martialische Sommerspiele

Für Ruhm, Ehre und Medaillensegen überlässt die stolze Nation Japan nichts dem Zufall. Richtig martialisch wird es auf dem Skateboard zugehen, wo die Gastgeber neben Halfpipe und Streetstyle eine Disziplin austragen, die stark ans Mittelalter erinnert: Statt mit einer Lanze auf dem Pferd stehen sich zwei Athleten mit einem Samurai-Schwert auf dem Skateboard gegenüber.
Das Olympische Komitee soll stark mit sich gerungen haben, besonders weil der Silbermedaillen-Gewinner bei dieser Disziplin nur selten in der Lage ist, an der Sieger­ehrung teilzunehmen. Sie gab dem Samurai-Skaten dann aber doch grünes Licht, weil sie sich davon noch mehr Spektakel verspricht. Und das ist wiederum symptomatisch für diese martialischen Sommerspiele mit dem harmlosen, sportlichen Slogan «Tokio 2020», bei denen für die japanische Delegation das Spektakel im Schatten des Erfolgs stehen wird.

Keine Kompromisse

Dass das Kaiserreich für den Sieg schon seit jeher Opfer bringt, zeigt ein Blick in die Geschichtsbücher. So war es etwa im 17. Jahrhundert einem Samurai erlaubt, die Schärfe seines Schwertes an Leichen, Verwundeten oder wahlweise auch an willkürlich ausgewählten Bauern (!) zu testen. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hatten Japaner die Möglichkeit, eine besudelte Familienehre mittels Seppuku – des Stürzens in den eigenen Dolch – wiederherzustellen. Und schliesslich unterstrich im Zweiten Weltkrieg das Kamikaze-Selbstmordkommando die Kompromisslosigkeit des Olympia-Gastgebers.

Der Andy-Hug-Schnauz

Im Vorfeld der Sommerspiele machte sich deshalb auch das Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) grosse Sorgen um die Sportlerinnen und Sportler aus der Schweiz. Diskutiert wurden diverse Varianten, etwa ein Boykott der Spiele oder zumindest einzelner Disziplinen.
Trotz aller Bedenken wird die Schweizer Delegation in Japan mit von der Partie sein – angeführt von EDA-Chef Ignazio Cassis, der bekannt gab, an Olympia einen Schnauz zu tragen, der stark an Andy Hug erinnert.
Der im August 2000 verstorbene Kampfsportler aus dem Aargau geniesst im Land der aufgehenden Sonne noch immer Helden­status. Cassis’ Antlitz soll die Japaner milde stimmen und so Verletzungen für die Schweizer Olympioniken vorbeugen. Manchmal kommt es eben doch auf die Details an.

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