SRF vernachlässigt die Regionen

SRF vernachlässigt die Regionen

Das Service-public-Unternehmen hat sich aus der Provinz verabschiedet. Nur noch über grosse Themen will sie berichten. Das sorgt sogar bei den Programmkommissionen für Unmut.

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von Beni Frenkel am 29.4.2021, 13:26 Uhr
Weniger Berichterstattungen aus den Kantonen Bild: Screenshot SRF
Weniger Berichterstattungen aus den Kantonen Bild: Screenshot SRF
Wie kommuniziert man einen Leistungsabbau im Lokaljournalismus? Am besten so: «SRF News stärkt die Regionalberichterstattung mit mehr Recherchen und Hintergründen.» So geschehen im September 2020. Der Staatssender verkündete, dass die Online-Seiten der einzelnen Regionalredaktionen nicht mehr weitergeführt werden. Umfragen hätten gezeigt, so Maurice Velati gegenüber dem «Nebelspalter», dass die Leser «kein Bedürfnis» an reinen Newsmeldungen hätten. Velati war Co-Projektleiter bei der Neuausrichtung. Der Fokus liege nun an überregional interessanten Themen.
Was das zur Folge hat, sieht man am Beispiel Kanton Aargau. In den beiden Monaten Juli und August 2020 wurden trotz Sauergurkenzeit pro Monat knapp 20 Artikel publiziert. Die Journalisten berichteten kritisch über das Contact Tracing im Aargau, beleuchteten ein Bundesgerichtsentscheid, der das Urteil des Aargauer Obergerichts aufhob und fanden heraus, dass trotz hohen Leerständen im Kanton, wie wild weitergebaut wird. Auch die anderen Artikel dürfen journalistisch gesehen nicht als «reine Newsmeldung» bewertet werden. Sie sind ausgewogen und fallen durch Eigenrecherche auf.
Es zeigt sich nun, dass die Berichterstattung aus den Regionen massiv zurückgegangen ist. Nochmals der Kanton Aargau. Nicht mehr 20 recherchierte Artikel werden monatlich aufgeschaltet, sondern nur noch ein Bruchteil davon. SRF zählte nach: «Im Januar waren es 7 Geschichten, im Februar 6 Geschichten.» Der letzte Text (Stand 22. April) erschien vor einem Monat. Im Artikel gibt eine deutsche Psychologin geplagten Aargauern Tipps, wie man trotz 300 Krähen vor der Haustüre nicht verrückt wird. Sie schlägt einen Krähenpfad als neue Tourismus-Attraktion vor.
SRF sieht in der Neuausrichtung keine Verletzung des Konzessionsvertrags: «Ziel ist es gerade eben, den Service public besser zu erfüllen - nämlich die Geschichten aus den Regionen sichtbarer zu machen und auch über diese Regionen hinaus zu erzählen.»
Die Programmkommissionen von gleich fünf Mitgliedgesellschaften der SRG Deutschschweiz haben da eine andere Meinung. Sie sehen das Service-public-Angebot in diesem Bereich als nicht mehr aufrechterhalten.
Die sonst trägen Kommissionen wehren sich darum gegen den Abbau. SRF müsse sich nicht nur nach nationalen Quoten, sondern auch nach regionaler Relevanz ausrichten, schreiben sie in einer gemeinsamen Medienmitteilung. Was SRF auch etwas beunruhigen müsste: Einige der ihnen sonst wohlgesonnenen Kommissionsmitglieder würden neu die Seiten der Konkurrenz aufrufen, wenn sie sich über das regionale Geschehen in ihrer Region informieren wollen.
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