SRF-Reportage: Straftäter mögen keine langen Haftstrafen

SRF-Reportage: Straftäter mögen keine langen Haftstrafen

Häftlinge einer Zürcher Justizvollzugsanstalt befürworten keine langen Haftstrafen. Die Forschung zeigt aber, dass diese durchaus ihre Berechtigung haben.

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von Nicole Ruggle am 1.12.2021, 13:30 Uhr
Ex-Häftling Giorgio sass fast sieben Jahre ein. Eine Lehre wollte er im Strafvollzug nicht absolvieren. «Viele bunte Scheine» habe ihm der Knast dafür eingebracht. (Bild: Screenshot SRF)
Ex-Häftling Giorgio sass fast sieben Jahre ein. Eine Lehre wollte er im Strafvollzug nicht absolvieren. «Viele bunte Scheine» habe ihm der Knast dafür eingebracht. (Bild: Screenshot SRF)
Das «Schweizer Radio und Fernsehen» (SRF) hat eine Reportage über Insassen der Justizvollzugsanstalt (JVA) Pöschwies gedreht. Porträtiert werden Häftlinge, denen verschiedene Delikte zur Last gelegt werden. Auch ein Strafrechtsprofessor kommt zu Wort. Die Frage, wie sinnvoll lange Haftstrafen sind, wurde dabei ausführlich erörtert.

«Die Frauen standen Schlange»

Der Straftäter Giorgio sass fast sieben Jahre lang ein. Wegen bandenmässigen Einbruchdiebstahls. Vor seinem Leben als Häftling sei er Rapper gewesen. Die Frauen hätten Schlange gestanden, behauptet er. Auf youtube findet man zwei Musikvideos von ihm. Die zwei dazugehörigen Videokanäle verzeichnen zusammen knapp über 1400 Abonnenten.
Im Strafvollzug hätte Giorgio eine Lehre absolvieren können. Das wollte er nicht. Dem SRF-Reporter erklärt er: «Ich hätte das nicht durchziehen können. Hier kann man sowieso keine richtige Lehre machen, nur eine Anlehre». Ob der Steuerzahler ihm die sieben Jahre Strafvollzug finanzieren wollte, konnte dieser hingegen nicht wählen.
«Diese Männer zahlen keine Miete, und sie waschen ihre Wäsche nicht selber. Sie müssen weder einkaufen noch kochen. Sie müssen gerade einmal ihre eigene Zelle putzen. Bei einem Konflikt kann man sich an viele professionelle Fachpersonen wenden. Wir haben sowohl Seelsorger wie auch gut dotierte Ärzte», erklärt Andreas Naegeli, Direktor der JVA Pöschwies dem Zuschauer. Es sei deswegen schwierig, diese Männer nach einiger Zeit in die Freiheit zu entlassen, wo sie wieder auf eigenen Beinen stehen müssen.

Längere Haftstrafen tatsächlich wirkungslos?

Die Forderung nach längeren Haftstrafen sei grundsätzlich nicht sinnvoll, bilanziert Marcel Niggli, Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie in der Sendung. Eine längere Haftstrafe wirke nicht abschreckender als eine kürzere. Ab fünf Jahren Strafe zeige sich kein Unterschied mehr in der Wirkung. Forderungen der Politik für einen schärferen Justizvollzug verbucht Niggli unter dem Motiv der politischen Profilierung.
Allerdings: Wenn ein Verurteilter eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren oder mehr bekommt, bedeutet das, dass er bereits eine unbedingte Freiheitsstrafe abzusitzen hat. Denn bei einer ausgesprochenen Freiheitsstrafe ab drei Jahren muss die ganze Strafe abgesessen werden.
Aber nicht jeder Täter muss ins Gefängnis. So sitzt heute fast jeder dritte Vergewaltiger keinen einzigen Tag, da die tiefe Mindeststrafe für Vergewaltigung (unter drei Jahren) auch teilbedingte Strafen zulässt. Die Motion Rickli forderte deswegen eine Mindeststrafe von drei Jahren für Vergewaltiger. Will man also sicherstellen, dass ein Täter eine Gefängniszelle von innen sieht, sind Forderungen nach längeren Freiheitsstrafen in diesem Kontext durchaus sinnvoll.

Wo sind die Stimmen der Opfer?

Wie eine Studie aus dem Jahr 2007 zeigt, ist die Strafhöhe unter anderem auch ausschlaggebend dafür, ob sich ein Opfer eines Sexualdelikts für oder gegen eine Anzeige entscheidet. Denn eine Strafanzeige bedeutet für ein Opfer viel Aufwand – überwiegt dieser den Nutzen, sieht es davon ab, den Täter anzuzeigen.
Dennoch räumt «SRF» den Stimmen der Opfer keinen Platz ein; kein einziges Wort. Dafür erhalten die Täter viel Sendezeit. Giorgio darf sich mehrmals mit nacktem Oberkörper vor der Kamera inszenieren, lässig gibt er den coolen Insassen. Denn auch wenn es sich bei ihm nicht um einen Sexualstraftäter handelt; Geschädigte gibt es immer.

«Viele bunte Scheine»

Der Strafrechtsprofessor Marcel Niggli erklärt weiter, dass 80 Prozent bis 90 Prozent aller aus dem Gefängnis Entlassenen nicht zurückkehren würden. Das macht Hoffnung. Ob der porträtierte Insasse Giorgio dazu gehören wird, wird sich zeigen. Zumindest seine Aussagen nach seiner Haftentlassung wirken auf den Zuschauer eher ernüchternd.

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«Viele bunte Scheine»: Ex-Häftling Giorgio zählt seinen Lohn. (Bild: Screenshot SRF)

«Viele bunte Scheine» habe ihm der Knast eingebracht, sagt Giorgio. Stolz holt er sie aus der Brusttasche seines Marken-Trainers hervor. Er zählt sie vor der Kamera ab. «Jetzt wird investiert», prahlt der Ex-Häftling. Wie es weitergehe, wisse er allerdings nicht. Eine Arbeitsstelle habe er noch nicht. «Ich hoffe, irgendjemand meldet sich bei mir und bietet mir einen Job an», schliesst Giorgio.

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