Sprayerin tödlich verunfallt

Sprayerin tödlich verunfallt

Nach dem Tod einer Sprayerin auf dem Bahnhof Bümpliz sieht sich die Polizei plötzlich mit Vorwürfen konfrontiert

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von Markus Melzl am 6.4.2021, 13:03 Uhr
Anspielung auf das Schmähgedicht von Jan Böhmermann: Versprühte S-Bahn in Altstetten. (26. April 2016)
Anspielung auf das Schmähgedicht von Jan Böhmermann: Versprühte S-Bahn in Altstetten. (26. April 2016)
Am vorletzten Wochenende ging nachts bei der Berner Polizei die Meldung ein, dass beim Bahnhof Bümpliz mehrere Personen eine Zugskomposition versprayen würden. Die Polizei traf kurz darauf am Tatort ein, worauf mehrere Personen die Flucht ergriffen. Die Polizei nahm die Verfolgung der Flüchtenden auf, wobei sich eine 29 Jahre alte Lehrerin durch den Sturz von einer Mauer tödliche Verletzungen zuzog. Trotz sofortiger Reanimation und dem Aufgebot der Ambulanz, verstarb die Verunfallte kurz darauf im Spital. Unbestritten ist die Situation, dass auf die «Halt Polizei»-Rufe seitens der Täterschaft nicht reagiert wurde und durch das Fortsetzen der Flucht gingen somit alle Beteiligten bewusst ein erhöhtes Risiko ein.
Doch jetzt werden in verschiedenen Medien plötzlich Vorwürfe laut, Polizisten hätten das Opfer «gejagt» und wären somit für deren Tod verantwortlich. Schliesslich wird von der Polizei verlangt, künftig beim Einsatz gegen Sprayer nur noch sehr subtil vorzugehen, zumal die Strafandrohung wegen Verstosses gegen den Sachbeschädigungs-Artikel im Strafgesetzbuch eher marginal wäre.
Aha! Jetzt soll also die Polizei bei Festnahmen ihr Vorgehen zuerst mit dem Strafrecht abgleichen nach dem Motto: bei Übertretungen spaziert die Polizei, bei Vergehen wird gerannt und bei Verbrechen kommt ein Fahrzeug zum Einsatz. Wie wäre es eigentlich mit der Gegenfrage? Hätten sich wegen der eher schwachen Sanktion die Sprayer nicht einfach festnehmen lassen und nicht das hohe Risiko einer Flucht eingehen sollen?
Die Frage kann ganz einfach beantwortet werden. Es geht nicht um den strafrechtlichen, sondern um den zivilrechtlichen Aspekt. Durch das Versprayen von fremdem Eigentum entstehen schweizweit jährlich Schäden in Millionenhöhe und so ist es nachvollziehbar, dass Geschädigte ein vitales Interesse daran haben, die Kosten auf die Verursacher abzuwälzen. Auch wenn die Graffitis von Sprayern und ihrem Umfeld als Kunst bezeichnet werden, so sind diese für das Gros der Bevölkerung mit Farbe verursachter Vandalismus. Da nun mal das Eigentumsrecht garantiert ist, können Betroffene die Entfernung dieser Schmierereien auf Kosten der Verursacher verlangen, wobei die finanziellen Aufwendungen für Reparatur und Instandstellung in der Regel bei Weitem die Busse wegen Sachbeschädigung übersteigen.
Unmissverständlich muss festgehalten werden, dass es für jede Polizistin, jeden Polizisten sehr belastend ist, wenn bei einem Polizeieinsatz eine Person verstirbt oder sich gravierend verletzt. Dennoch kann es nicht sein, dass die Polizei von Interventionen jeglicher Art absieht, nur weil die Möglichkeit besteht, dass sich ein Täter zur Flucht entscheidet. Das Prinzip «wer flieht, den lässt man laufen und wer stehen bleibt, dem droht eine Busse» funktioniert nun mal nicht und kann nie Richtmass für einen Polizeieinsatz sein.
Ein anonymer Sprayer sagte in einem Interview, er halte das Bemalen von Zügen für das Allerhöchste. In Anlehnung an das gewünschte Eingreifverbot durch die Polizei müssten diese Täter eigentlich auch von den SBB verlangen, während ihrer Sprayereien das Durchfahren von Zügen zu verbieten. Im Endeffekt ist es ganz einfach. Erstens verschmiert man kein fremdes Eigentum und wenn doch, bleibt man bei Halt-Rufen durch die Polizei stehen. Kostet etwas – schützt aber Leib und Leben.
Markus Melzl ist ehemaliger Kriminalkommissar und Sprecher der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt und Kolumnist des Nebelspalters.

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